Selbstgespräche mit Samantha- Kapitel 3


3.Kapitel

01.01.1993. Morgens 6 Uhr.
Der neue Tag im Jahr fühlt sich wie alle alten Tage der letzten Monate an. Mein Kopf ist schwer. Die stickige Luft im Zimmer haut mich um. Paul und Lora schlafen noch.
Ich taumele aus dem Bett. Nehme Handtuch und Duschgel und versuchte den schnatternden Weibsbildern zuvor zu kommen. Wie wunderschön ist diese Ruhe.
Im Bad höre ich eine Stimme. Ich sehe mich um. Die Rybowa lehnt mit dem Kopf an einer Kabinenwand und spricht laut vor sich hin. Ich hatte sie schon einmal in dieser Pose erwischt. Diesmal möchte ich mich am liebsten, wie sonst, aus dem Staub machen. Da höre ich, wie sie zwischen zwei, drei schnell gesprochenen Sätzen aufschluchzt. Dann spricht sie weiter mit einem fast normalen Ton, um irgendwann wieder dieses gänsehauttreibende Schluchzen hervorzubringen. Es läuft mir kalt über den Rücken.
Ich rufe leise:
 "Ljuba".
Sie scheint mich nicht zu hören. Ich gehe auf sie zu und berührte leicht ihre Schulter.
"Geht es Ihnen nicht gut, Ljuba?" frage ich leise.
Ich bin aus Glas. Sie sieht durch mich hindurch. Irgendwo hinter mir scheint sich etwas zu befinden, dass ihre Aufmerksamkeit verdient. Und sie spricht schnell und ununterbrochen. So, dass ich Angst bekomme.
"Ljuba, ich verstehe kein Wort. Sprechen Sie langsamer. Nje ponjemaju nischto. Kommen Sie, ich bringe Sie in ihr Zimmer."
Ich versuche sie aus dem Baderaum zu führen. Sie trottet neben mir her und spricht weiter. Den ganzen Flur entlang, bis zu ihrem am Ende des Flures gelegenen Zimmer.
Ich öffne die Tür und schiebe sie behutsam hinein. Links an der Wand steht ein wuchtiger Schrank mit schiefen Türen. Dann ist da ein großes Bett. So groß, dass die kleine fünfjährige Renata kaum zu sehen ist. Sie sitzt aufrecht und schaut uns mit großen, traurigen Augen an. Ihre ganze Erscheinung wirkt wie eine Marmorstatue. Wenn ich nicht wüsste, dass sie lebt, könnte ich denken, sie ist nur ein Kunstwerk.
An der gegenüberliegenden Wand steht ein anderes Bett. Ich führe die Rybowa dahin und setzte mich neben sie. Ich nehme ihre Hand und sehe sie unsicher an.
"Geht es Ihnen nicht gut? Kann ich Ihnen helfen?"
Sie sieht mich an. Scheint mich endlich wahrzunehmen. Ich kann den Ausdruck dieses Gesichtes nicht beschreiben. Aber wohl ist mir nicht dabei. Sie beginnt auch noch zu weinen. Herzzerbrechend.
Ich bin hilflos. Weiß nicht, was ich tun könnte. Dann sprudelt es aus ihr heraus. Halb russisch, halb deutsch. Ein kleines Drama.
Sie hat einen Freund, den sie über alles liebt, in Kasachstan zurückgelassen. Der Vater der kleinen Renata. Sie vermisst ihn so sehr.
"Warum ist er denn nicht mitgekommen?" will ich wissen.
Sie sind nicht verheiratet. Er schon. Aber mit einer anderen Frau, mit der er zwei Kinder hat. Sie, die Rybowa, ist seit sieben Jahren seine Geliebte. Seine Frau weiß das auch. Doch er kann sich nicht entscheiden, sich von ihr zu trennen.
Sie zeigt mir Schrammen auf ihren Händen und Armen, auf ihren Beinen, am Rücken. Sooft die Frau ihres Geliebten sie erwischte, verprügelte sie die Rybowa. Mit was sie eben in der Hand hatte.
Mein Gesicht brennt wie Feuer. Sie tastet unter ihrem Kissen herum und zieht einen Briefumschlag hervor. Fotos von Renata sind da, von Ljubas Eltern, die schon in Deutschland wohnen und vom ihrem Geliebten.
Ich beginne zu begreifen, warum sie so verrückt an diesem Mann hängt. Er ist verdammt attraktiv. Habe selten ein so schönes Gesicht gesehen.
Dann zeigt sie mir ein Bild von seiner Frau. Eine kleine, pummelige und hässliche Frau schaut mich da an. Ich begreife nichts mehr. Warum schleppt diese Rybowa ihr ganzes Drama, inklusive diesem hässlichen Bild vom einen Ende der Welt bis zum andern mit sich?
Mein Blick fällt auf Renata. Die Kleine sitzt noch immer in der gleichen Position da, wie vor einer halben Stunde. Ich bin so aufgewühlt, dass ich schreien könnte, so weh tut mir dieser Anblick.
Ich weiß selbst nicht, was mich jetzt hochreißt. Ich eile zum Kind. Nehme es hoch. Es hängt wie eine Marionette in meinen Armen. Ich setze die Kleine neben der Rybowa aufs Bett. Dann fasse ich das Bett der Kleinen und zerre es herum. Es ist verdammt schwer, aber ich schiebe, stoße, zerre wie besessen.
Die Rybowa steht da und weiß nicht, was ihr geschieht.
Mit Ach und Krach habe ich das Bett der Kleinen neben das Bett der Rybowa gezogen. Meine Nackenhaare sind klatschnass. Mein Herz pocht rasend. Doch ich habe noch was vor. Die Fotos einsammeln. Ich nehme den Briefumschlag und stecke diesen in die Schublade am Schrank. Ich hohle mir die Kleine und lege sie der Rybowa in die Arme. Ich knie vor ihnen nieder, nehmen ihre Hand und lege sie auf die Brust des Kindes.
"Das hier, Ljuba, ist dein Leben. Dein Kind braucht dich. Zerreiß das Foto dieser hässlichen Frau und das dieses feigen Mannes. Und schau in die gemeinsame Zukunft mit deinem Kind. Bringe deinem Kind bei, wie man lacht und wie man sich freut. Diese Kleine braucht dich. Sei stark und versuche ein neues Leben zu leben."
Jetzt bleiben mir die Worte im Hals stecken. Ich kann beide nur durch einen Schleier sehen. Die ganze Situation hat mich etwas überfordert. Jetzt bin ich am Ende meines Lateins.
Die Rybowa starrt mich an, als hätte sie mich noch nie gesehen. Und nach einer langen Pause sagte nur leise:
"Spassiva, Lisotschka, spassiva!"
Ich sehe noch, wie sie das Kind an sich drückt und es mit Küssen überschüttet.
Dann eile ich zurück ins Bad und als ich unter der Dusche stehe, rinnt ein Gemenge von Tränen und Wasser an meinem Gesicht herunter.
Dieses kleine Kind tut mir so leid. Ich glaube nicht, dass die Idylle lange halten wird. Ich weiß, dass mein Handeln nur eine vorläufige Wirkung hat. Ich glaube kaum, dass diese liebeskranke Frau von jetzt auf gleich geheilt wurde.
Ich gehe den halben Tag mit Kopfschmerzen herum. Und das neue Jahr fühlt sich echt beschissen an.

Erst am Nachmittag erhole ich mich etwas. Kathrin kommt mit ihrem Mann zu Besuch. Sie haben gute Neuigkeiten für uns. Im Haus, wo auch Klaus wohnt, wird bald eine Wohnung frei. Beide haben so freudige Gesichter, dass ich sie nicht enttäuschen möchte.
Nein, in dieses Haus ziehe ich nie und nimmer. Zwar hat Klaus eine schöne Wohnung, aber bis man dahin kommt, geht man durch ein Treppenhaus mit tausenden Fugen und Ritzen, in denen noch die Leichen der Heuschrecken stecken, die sich im Sommer im ganzen Haus getummelt hatten. Der Geruch von Moder und Schimmel überall. Im Eingangsbereich stolpert man über einen holprigen Lehmboden. Nee, niemals! Aus einer hässlichen Wohnung kann ich ein Paradies schaffen. Aber eine hässliche Umgebung, die kann man nicht ummodeln. Hier haben wir überhaupt keine Aussicht auf Arbeit. Die Entfernungen zu allen wichtigen Institutionen ist ein Manko. Ich würde da krank werden. Und wenn ich mir Paul ansehe, weiß ich, dass er das Gleiche denkt.
Den Mankes sage ich natürlich nichts dergleichen.
Ich will weg von hier. Wenn es geht, weit weg. Irgendwohin, wo ich nicht kilometerweit bei Wind und Wetter zu Fuß zum Einkaufen muss. Und zum Arzt, wenn ich krank bin. Und Lora in die Schule.

02.01.1993. Aus der Küche dringt das Geschnatter der Frauen rüber. Klingt wie das Geschrei von Wildgänsen im Flug über ein Nichts. Nur dass Wildgänse mich sehr faszinieren. Vielleicht weil man sie so selten hört. Und keine unter ihnen heißt Katja Radtke.
Lora hilft Paul bei den Hausaufgaben. Der kommt mit seinem Sprachkurs nicht besonders gut voran. Das Bild der beiden hat Seltenheitswert.
Lora mag ihren Großvater nicht besonders. Sie hatte mich früher zu oft weinen gesehen. Auch wenn ich mich in ihrer Gegenwart nie geäußert hatte, wusste sie, dass der Opa mich traurig gemacht hatte. Ich versuche ständig, eine Normalität zwischen beiden herzustellen. Fast ohne Erfolg.
Ich bibbere dem Briefkasten entgegen. Da liegt aber leider nur eine Glückwunschkarte aus Rumänien mit den üblichen nichtssagenden Glückwünschen. Nichts zum Aufmuntern.
Zurück im Zimmer, beuge ich mich über Pauls Schulter, um sein Geschreibsel zu kontrollieren. Da geht mir ein stechender Schmerz durch die Lenden und strahlt wie ein Blitz in das rechte Bein. Kommt wohl von den ewig kalten Füßen, die ich in den letzten Tagen hatte. Ich hoffe, es bleibt bei diesem einen Stich. Aber ein Brennen bleibt und quält mich weiter.

Irgendein Landrat kommt vorbei. Wir haben ein längeres Gespräch. In einer nahen Ortschaft werden Wohnungen gebaut. In einem Jahr ungefähr sind sie fertig. Wir könnten uns da vormerken lassen. Mich berührt zwar diese Anteilnahme, doch schon wieder sträubt sich alles in mir gegen die Vorstellung, in diese Einöde zu ziehen. Wenn wir ein Auto hätten, wäre das kein Problem.
Im Grunde genommen lebt in meinem Herzen der Wunsch, in den Westen oder in den Süden zu kommen. Dort sind alle Verwandten, Freunde und einstige Kollegen.
Nur scheinen die Leute hier an uns einen Narren gefressen zu haben. Alle bemühen sich, uns irgendwie hier zu behalten. Die Englers, die Mankes, Killing, der Superintendent, der Landrat. Schon komisch. Als hätten sie eine Wette abgeschlossen, wem es gelingt, uns hier festzutackern.

03.01.1993. Draußen sind es -15°. Die Heizung streikt mal wieder und im Zimmer ist es wie im Gefrierfach. Zuerst hat sie das vor dem Neuen Jahr getan und jetzt tut sie es wieder.
Paul war damals die ganze Nacht auf. Und das muss er jetzt auch. Öl nachgießen oder so was ähnliches. Die ganze Installation ist für die Katz. Dabei ist er wieder allein da, ohne dass es die anderen Herren juckt.
Auf einer Zimmerwand haben wir schon einen großen Schimmelfleck entdeckt. An einer Außenwand, die sich bei uns im Zimmer scheinbar auch nicht wohl fühlt. Genau wie ich, mit meinem brennenden Schmerz in der Hüfte und im Oberschenkel. Vom Brennen in der Seele will ich gar nichts mehr sagen.

05.01.1993. Es regnet. Halleluja! Ist auch nicht mehr so kalt.
Nur innen ist's noch immer frostig.
Drei Familien sind schon in den Westen gezogen und die Mallingers sind auch schon aufbruchsbereit.
Für uns scheinen keine Aussichten da zu sein.
Sind meine Ansprüche zu hoch? Aber wäre der Mensch nicht noch in der Steinzeit, wenn er sich nicht immer höhere Ziele gesteckt hätte? Ich bin sicherlich kein Unikum. Nur, weil ich mich niemandem mitteilen kann, fressen sich diese Zweifel immer tiefer.

06.01.1993. Schwester Gitte und Ingeborg sind wieder auf Besuch bei uns. Bei Kaffee und Kuchen haben wir zwei recht schöne Stunden zusammen. Die Stimmung ist ausgelassen, wir lachen viel. Ingeborg entpuppt sich als eine lebensfrohe und witzige Person. Meine Kopfschmerzen haben sich ohne Schmerztabletten in Nichts aufgelöst. Eine solche Therapie lasse ich mir gefallen.
Paul scheint doch ganz gute Fortschritte mit seinem Sprachkurs zu machen. Obwohl er es doppelt so schwer hat wie die anderen. Denn der Lehrer, der die Kurse im Klubraum hält, spricht nur deutsch und russisch. Und ungarisch, weil er ein Ungar ist. Aber ungarisch kann er mit Paul nur privat sprechen. Im Kurs geht das nicht. Eigentlich hatte ich nie erwartet, dass Paul sich überhaupt so gut durchschlägt. Ein Mensch steckt voller Überraschungen. Selbst wenn man dreißig Jahre verheiratet ist, kann man mit dem Partner Wunder erleben. Andere Verhältnisse und ein Mensch entwickelt sich zu einem fast neuen Menschen. Vom Alkoholiker zum Abstinenzler zum Beispiel. Die Männer um ihn herum saufen ihren Wodka und er kann plötzlich nicht mal den Geruch ertragen. Manchmal fürchte ich, ich träume nur und wache bald in der Wirklichkeit auf.

07.01.1993. Wenn ich hier über die Banater Deutschen erzähle, wie wir unsere Sitten und das Brauchtum gepflegt hatten, staunen die Leute. Ist doch Quatsch. Wer braucht diese verstaubten Sitten?
Ich finde es schade, dass sich die Deutschen hier, von allem was war, distanzieren. Nationales Bewusstsein und Nationalsozialismus sind doch zwei verschiedene Schuhe. Wie kann ein Volk ohne nationales Bewusstsein weiter bestehen? Viele hier fühlen sich besonders deutsch, weil sie "Ausländer raus" schreien. Ob das wohl genug ist?
Eleonore ist wohl noch immer in Indien. Ich warte sehnsüchtig auf Post von ihr. Auch von den anderen. Alle scheinen mich vergessen zu haben. Kein Brief, keine Nachricht. Kein Lichtstrahl. Ich bräuchte sehr oft einen Ansporn, um das alles um mich zu ertragen. Trage mich nur mit Sehnsucht nach den Kindern, Geschwistern, nach den verstorbenen Eltern herum. In der Gegenwart bin ich längst nicht so richtig angekommen.

08.01.1993. Es regnet.
Gestern hatte ich mit Paul ausgemacht, dass wir mal die Gegend erkunden. Einmal einen langen Spaziergang durch den Wald machen. Alleine traue ich mich nicht dahin. Für ihn aber sind Spaziergänge eine Qual und dass der liebe Gott ein Mann ist, sieht man. Er lässt es schön regnen, damit mein Mann nicht in den Wald muss. Das nenne ich Solidarität. In der Werkstatt gibt es so viel zu tun! Was sollen Männer auf einem Spaziergang denn erleben? Zwischen Schrauben und verstaubten Fahrrädern ist das Leben voller Überraschungen …
Vom vielen Fernsehen habe ich wieder Kopfschmerzen. Da kommt die Einladung der Lydia, nach Werder mitzufahren, eigentlich ganz gelegen.
Sie jammert, sie hätten kein Geld mehr.
Ich leihe ihnen etwas, da es bei uns gerade noch reicht. Kaufen will ich aber nichts. Es tut nur gut, eine andere Welt zu erleben.
In Werder gefällt es mir sehr und es ist auch eine schöne Ablenkung vom Alltag. Sogar meinen Lebensmut habe ich wieder.

09.01.1993. Peinlich, peinlich. Kathrin hat mich wieder wegen der Wohnung, die bei Klaus frei wird, angesprochen. Ich hatte keine andere Ausrede, als dass der Landrat Soundso uns eine Wohnung in der Nähe versprochen hätte. Das dauert noch eine Weile, sei aber verlockend. Ich sehe, wie Kathrin im Gesicht scharlachrot anläuft. Es tut mir ehrlich leid. Ich wollte ihr nicht wehtun. Sie hat sich samt ihrem Mann für uns eingesetzt und ich weise sie ab. Ich versuchte ihr zu erklären, dass wir uns nie ein Auto kaufen können, dass keiner von uns überhaupt einen Führerschein hat. Das ist ein Motiv, dass wir nicht hier bleiben können. Wir werden auch nicht jünger. Es wird immer schwieriger. Sie scheint langsam zu begreifen, dass ich Recht habe. Trotzdem ist es für mich kein gutes Gefühl, sie enttäuscht zu haben. Ihre Freundschaft ist mir wichtig.
Der Hintergrund, nicht in besagtes Gemäuer zu ziehen, ist der, das ich mich sträube, in diesem grauen Etwas zu wohnen, weil ich fürchte, dann kleben wir bis ans Lebensende hier.

11.01.1993. Ein Brief von Eleonore. Mit all den Kleinigkeiten als Beilage, die die Seele braucht. Etwas mehr Worte hätte ich erwartet. In den wenigen Zeilen steckt die Eile, mit der sie sich an so viele Menschen verschwendet. Ich hätte gerne mehr von ihr. Aber gleichzeitig respektiere ich ihre Art, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Sie hat vor allem meine Bitte, eine Sendung ins Heim zu schicken, an Schwester Clementine weitergegeben. Ich rufe also Schwester Clementine an, um ihr zu danken. Man hat sich schon an das Verpacken der Hilfsgüter gemacht. Schwer wird es werden, ein Fahrzeug zum Transportieren zu finden.

12.01.1993. Heute kommt ein fremder Herr in Begleitung von Kathrin vorbei. Er schaut sich in unserem Zimmer um. "Schön, sehr schön". Sagt einige freundliche Worte und weg sind sie.
Später ruft mich der Heimleiter. Der Herr, der uns besucht hatte, ist von der Versicherungsagentur, die unser Heim versichert hat. Er hat ein Häuschen in Berlin zu vermieten. Weil er es bei uns so schön und sauber fand, lässt er nachfragen, ob wir denn Interesse hätten, nach Berlin zu ziehen.
Ich bin natürlich sogleich Feuer und Flamme. Das ist unsere Chance.
Bekomme seine Telefonnummer und rufe ihn gleich an. Er muss noch mit seiner Mutter und seiner Schwester sprechen. Denn diese Idee mit dem Vermieten sei ihm erst spontan gekommen, als er bei uns im Zimmer war.
Er ist in meinen Augen unsere Rettung. Unser Engel.
Ich hatte in den vergangenen Monaten so viele Türen sich öffnen und sich schließen gehört, dass ich nun erwarte, dass sich endlich eine Tür öffnet und auch offen bleibt, bis wir die Schwelle übertreten habe. Ich hoffe, das Schicksal schlägt diesmal nicht so ungestüm um sich, dass diese Tür von seinem Flügelschlag wieder zufällt.

13.01.1990. Ich bin gerne mal in den Bergen. Berge finde ich faszinierend. Doch leben könnte ich da nicht. Nach zwei Wochen Urlaub kriege ich keine Luft mehr. Ich brauche Raum für meinen Blick, das Weite. Erst dann fühle ich mich wieder frei.
Hier in Wohldorf, oder besser gesagt, in der Nähe von Wohldorf, ist auch alles eben. Doch vor meinem Fenster ist ein Stück Hof, davor ein Weg und dann der dichte Wald. Meine Blicke sind wieder gefangen. Gerade im Winter konnte ich in Rumänien, wenn ich aus meinem Fenster blickte, bis an den Horizont schauen. Das fehlt mir hier.
Herr Kuhl, der Versicherungsagent, hat angerufen. Er will im nächsten Jahr, anstelle des Häuschens in Köpenick, ein Haus bauen. Mit vier kleinen Wohnungen. Wenn wir uns mit ihm gut verstehen, können wir da auch eine Wohnung bekommen. Das macht mich ein wenig stutzig. Klingt alles so kühl, so geschäftlich. Ich denke, wenn er das Häuschen abreißen will, dann wird es wohl in keinem guten Zustand sein. Wohl auch so ein winziges Häuschen, wie es hier so zahlreiche gibt. Winzige Zimmer wie für Liliputaner. Na ja, mal sehen. Immerhin hätten wir in Berlin vielleicht mehr Möglichkeiten, eine Arbeit zu finden. Was nun mal sehr wichtig ist.

15.01.1993. Am Montag wird Eleonores Bruder mit Hilfsgütern kommen. Ich habe kein gutes Gefühl. Habe diesen Menschen da drüben zusätzliche Arbeit gemacht. Ich weiß nicht, wie ich mich dafür bedanken soll. Dann ist da noch das Problem mit den Neuankömmlingen. Was ich bestellt hatte, wird den Neuen nicht passen. Es wird wieder Unzufriedene geben.

16.01.1993-Samstag. Heute ist es soweit. Wir fahren nach Berlin!
Ich habe keine Ahnung, wie wir nach Berlin kommen sollen. Unsere Welt war bis jetzt so eng, dass dieses "Berlin" so klingt, als läge es in einer anderen Welt.
Paul und ich nehmen den Bus von Wohldorf bis Kirchdorf. Dann den Bus bis Potsdam. Den Weg weiter weiß ich nicht. Als wir aussteigen, der Bus wegfährt, die Leute verschwinden, fällt es mir ein, dass ich nach dem Bahnhof hätte fragen müssen. Die Straßen sind menschenleer. Kein Fahrzeug, kein Zeichen, dass wir auf dem Planet Erde sind. Es ist zum Verzweifeln. Wir laufen aufs Geratewohl eine Straße entlang. Ins Ungewisse. Dann endlich ein Taxistand.
Ich frage einen Fahrer, wieviel uns eine Fahrt bis Köpenick kosten würde. Erkläre ihm, dass wir Aussiedler sind, uns hier überhaupt nicht auskennen und nur wenig Geld haben. 60 DM, heißt es. Aber nur bis Schönefeld, weil er bis Köpenick mehr verlangen müsste. Ich stelle mir vor, dass er flunkert. Aber ich sehe keine andere Chance, ans Ziel zu kommen.
Fremd mutet alles an. Von Schönefeld kommen wir mit dem Bus ohne Probleme bis in die Nähe der Waldzeile.
Herr Kuhl ist noch nicht da. Wir spazieren lange auf der gegenüberliegenden Seite der gesuchten Adresse auf und ab. So können wir das Haus besser begutachten. Auf den ersten Blick sieht es nicht so schlecht aus.

Herr Kuhl lässt lange auf sich warten. Als er endlich da ist, treten wir auf den Boden unserer Begierde. Es ist sein Elternhaus, das seit dreißig Jahren nicht bewohnt wurde. Sie sind damals in den Westen gezogen und haben das Haus nach der Wende zurückbekommen. Nur sein Sohn war hin und wieder an den Wochenenden hier.
Von außen sieht es einigermaßen in Ordnung aus. Vor dem Haus stehen zwei riesige wunderschöne Nussbäume. Wie in Rumänien. Der Eingang ist vom Innenhof zu erreichen und wild verwachsen mit Fliederbüschen. Die Eingangstür hat Risse, durch die man problemlos eine Hand durchstecken kann. Ein winziges Vorzimmer, eine größere Küche, zwei Zimmer tun sich auf. Das eine Zimmer hat intakte weiße Tapeten. Es ist trocken und wohnlich. Das hintere Zimmer ist ein Gruselkabinett mit einem Bett und einem rußigen Ofen. Von der Küche, wo die Decke in Fetzen herabhängt, führt eine Tür zur Toilette. Grauenvoll. Es stinkt bestialisch. Es gibt keine Kanalisation, nur einen Abfluss in eine Blechtonne, die draußen in die Erde eingebaut wurde. Überall Riesenspinnen und Käfer. Ich hasse Spinnen. Alles riecht fürchterlich nach Moder, Schimmel, nach riesig viel Arbeit. Noch viel, viel schlimmer, als bei Klaus. Aber es ist Berlin.
Der Hof, Garten sind ein kleines Paradies. Viel Rasen, Bäume und Büsche. Im Sommer muss es ein Traum sein.
Die Gegend ist schön und sauber. Überall gepflegte Einfamilienhäuser.
Natürlich habe ich Bedenken. Werden wir die Renovierung hinbekommen? Schaffen wir es finanziell? Wird Lora sich hier wohl fühlen? Zuerst habe ich sie aus dem vertrauten Heim in Rumänien gerissen, dann aus A. weg, dann aus dem Lager in Sorgdorf und jetzt aus Wohldorf. Immer musste sie ihre lieb gewonnenen Freundinnen zurücklassen. Wie oft kann man einem Kind so was schadlos antun?
Für mich ist diese Waldzeile ein Sprungbrett. Hier kann man eh nicht lange bleiben. Ohne Bad, ohne einem sicheren Dach über den Kopf. Denn das hier scheint es nicht mehr lange zu schaffen.
Paul äußert sich nicht. Er sagt nichts, als ich ihn fragend ansehe und so beiläufig sage: ich glaube, da könnten wir was draus machen.
Ich sage zu. Er sagt nichts. Aber ich weiß, dass er sich nie zu etwas entschließen kann. Wenn's gut läuft, wird alles totgeschwiegen. Sollte es schlecht laufen, hat er was zum Meckern. Ich übernehme halt wieder die Kommandozentrale mit allen Konsequenzen.

Herr Kuhl zeigt uns eines seiner Hochhäuser (22 Wohnungen) in der Blumenstraße, im Westteil der Stadt. Ich frage mich kurz, ob er uns denn nicht hier eine Wohnung hätte anbieten können? Doch viel Zeit zum Nachdenken haben wir nicht.
Wir sind an der S-Bahn. Irgendwie kommen wir dann von Potsdam nach Brandenburg. Von hier weiß ich nicht mehr weiter. Vom Rest unseres Geldes nehmen wir uns wieder ein Taxi. Es ist schon dunkel, als wir zu Hause sind.
Hier merke ich, dass Paul riesig enttäuscht ist. Von Berlin, vom Häuschen, von meiner Entscheidung, dahin zu ziehen. Ich sehe seine Angst in den Augen. Immer das gleiche. Wenn es drauf ankommt, sagt er kein Wort. Erst wenn ich entschieden habe, eine Tatsache feststeht, gibt er seinen Senf dazu. Das bringt mich zur Verzweiflung. Ich habe immer davon geträumt, dass wir uns absprechen können, dass wir über eine Sache diskutieren können. Dazu sind wir nie gekommen. Das kann er nicht. Wenn er was kann, dann ist es streiten und nörgeln.

18.01.1993. Wenn ich an das Berliner Häuschen denke, erfasst mich nun auch Angst. Heute bin ich voller Zweifel. Alle sagen mir das eine: Berlin ist ein heißes Pflaster. Und die Befürchtung steigt, dass es wirklich gefährlich werden könnte. Ich fürchte mich vor den Deutschen. Ich fürchte mich vor Deutschland. Das hätte ich mir in Rumänien nie vorstellen können.
Eleonores Bruder macht mir auch keinen Mut. Er ist kein sehr freundlicher Mensch. Vielleicht ist er auch nur müde vom weiten Weg hierher. Er ist mit einem kleinen Transporter mit Hilfsgütern gekommen. Der Osten ist überhaupt nicht nach seinem Geschmack. Ich merke, dass mich das ein wenig beleidigt, was er sagt. Scheinbar hat sich bei mir schon so etwas wie Lokalpatriotismus eingenistet.

Meine Schwiegertochter aus Italien bekommt am Telefon einen Weinkrampf, als ich ihr von unserm Vorhaben erzähle. Sie ist geschockt und enttäuscht. Ihre Vorstellungen müssen noch schlimmer sein als unsere Wirklichkeit.
Dann versuche ich, die Hilfsgüter irgendwie zu sortieren. Aber es geht nicht. Habe weder Platz dazu, noch Geduld. Es ist zu viel da. Ich merke, dass es schwer sein wird, hier etwas Brauchbares zu finden.
Paul und ich schleppen die Kartons rüber in den Fernsehraum. Da kann sich jeder was heraussuchen.
Dieser Tag ist für mich ein schlechter Tag.

19.01.1993. Als ich heute Morgen aus dem Badezimmerfenster sehe, stockt mir der Atem. Die Kleidungsstücke, Decken, Sachen aus dem Fernsehraum liegen zerfetzt und über den ganzen Hof verstreut da. Ich empfinde nichts anderes als Scham. Ich könnte in Grund und Boden versinken. Fremde Leute haben sich ins Zeug gelegt, um uns etwas zukommen zu lassen und jetzt das. Ich versuche es zu ignorieren, obwohl ich innerlich lodere. Es kümmert mich nicht, ob die Sachen für ewige Zeiten da liegen bleiben. Ich werde keinen Finger krümmen, um sie aufzusammeln.
Gegen zehn Uhr wettert der Heimleiter durchs Haus. In einer halben Stunde ist der Hof wieder in Ordnung.
Gesprächsrunde beim Superintendenten über die Sekte im Dorf. Ich bin gelangweilt, kann mich nicht konzentrieren. Bin mit dem Gedanken überall, nur nicht hier. Wäre gut, zu wissen, was die anderen denken. Sind alle hier mit Leib und Seele dabei? Sind überhaupt die, die Gott dienen, die in seinem Namen organisieren, helfen, missionieren, immer mit ganzem Herzen dabei? Sind sie in jeder Minute als bewusste Christen dabei? Oder gibt es bei ihnen auch Momente des Zweifels?
Wir sind alle Menschen. Können nur schwer an etwas glauben, das wir noch nie gesehen haben. Wie viel von dem Glauben und den Zeremonien von Thailand bis in die Tundra, vom Feuerland bis nach Bora- Bora sind einfach nur Brauchtum, Schauspielerei, Heuchelei? Es wird so viel um Gott herum gefaselt. Glaube sollte man leben, nicht predigen. Jeder behauptet, seine Religion ist die bessere. Vom Ajatollah bis zum neuapostolischen Prediger. Und bis zu mir.

22.01.1993. Der Landrat und der Heimleiter sind bei uns. Die Wohnungen im Nachbardorf werden teure Wohnungen, heißt es. Da haben wir keine Chance hinzuziehen. Ich tröste den zerknirschten Landrat. Rücke mit der Berlin- Geschichte heraus. Zuerst sehe ich betroffene Gesichter. Dann bietet sich der Heimleiter an, uns unsere Habseligkeiten nach Berlin zu bringen, wenn es soweit ist.
Das sind Worte, die mich wieder zuversichtlicher machen. Ich hatte mir eh schon Gedanken gemacht, wie wir hier wegziehen können. Hatte keine Ahnung, wie man einen Umzug einleitet. Nun scheint es, das Schicksal hat selbst entschieden.

24.01.1993. Orkanartiger Wind. Ich langweile mich sonntäglich. Da erscheint Frau Engler und entführt uns zu sich nach Hause zu Kaffee und Kuchen.
Ihr Haus soll schon hundert Jahre alt sein. Es wurde aber gut in Schuss gehalten. Sieht jung und frisch aus. Es erweckt bei mir den Wunsch, möglichst bald in einer so schönen Wohnung zu leben. Ich fühle mich hier wohl. Paul und Lora scheint es zu langweilen.
Bekomme von Frau Engler ein Schränkchen, zwei Nachtschränke, einen Spiegel und Gardinen geschenkt. Sollte wohl so sein.
Ich glaube an Vorsehung. Zuerst kommt Herr Kuhl mit paar alten Kleidungsstücken nach Wohldorf, obwohl er sie auch in Berlin in die Altkleidersammlung hätte stecken können. Dadurch haben wir bald eine neue Bleibe. Dann kommt der Heimleiter auf uns zu und wir haben schon den Transport ins neue Zuhause gesichert. Und mitten im Sturmwind taucht Frau Engler auf und trägt noch selbst zur Mitgift bei. Obwohl sie es sehr bedauert, dass wir wegziehen. Es geht Schlag auf Schlag. Als würde das Schicksal oder eine unsichtbare Hand alles steuern. Ich stehe nur dabei und es geht alles wie am Schnürchen. Habe sogar den Eindruck, dass wir, egal wie wir uns sträuben würden, diesen Weg gehen müssen, weil er uns schon vorgezeichnet wurde.

25.01.1993. Paul fühlt sich nicht gut. Berlin lässt ihn nicht los. Für ihn ist alles etwas bedrohlich. Ich war von dem Häuschen auch nicht begeistert, aber ich versuche, aus einer festgefahrenen Situation zu entkommen. Gehe ein Risiko ein, selbstverständlich. Sehe mit großer Spannung und logischerweise auch mit Ängsten der Ungewissheit entgegen. Wenn ihm aber eine Situation nicht auf den Leib geschnitten ist, dann wirkt er wie verloren. Und sieht drein, als käme ein Weltuntergang. Nach Monaten hat er wieder, angefeuert von Kladschenko, einen Wodka getrunken. Scheinbar hat ihm das nichts gebracht. Nur in mir steigt die Angst hoch, er könnte wieder in den Alkoholismus zurückfallen. Das würde ich ihm diesmal nicht mehr verzeihen.

26.01.1993. Paul macht mir Sorgen. So deprimiert habe ich ihn noch nicht gesehen. Der Sprachkurs macht ihn nervös, weil er sich da gar nicht mehr konzentrieren kann. Eine richtige Arbeit fehlt ihm, eine Abwechslung sicherlich. Der ist total aus der Bahn geworfen. Lora scheint alles gelassener zu nehmen.

27.01.1993. Ich platzte vor Ungeduld. Möchte am liebsten gleich jetzt losziehen. Obwohl ich mich vor Berlin auch etwas fürchte, denke ich doch langsam ans Packen.

28.01.1993. Bin sprachlos.
Habe die Kopie eines Antrags auf eine Wohnung zugeschickt bekommen. Den Dringlichkeitsantrag hat freundlicherweise der Herr Söhnke, entwicklungspolitischer Sprecher des brandenburgischen Landtags, in unserem Namen gestellt. Teils gerührt von dieser Hilfsbereitschaft, teils gestört in meinem Vorhaben, nach Berlin umzuziehen, versuche ich das Ganze, so gut es geht, zu verarbeiten. Rufe Frau Engler an, danach Frau Emsig. Ich muss jemanden um Rat fragen. Bin total durcheinander. Die Frauen versuchen mir das Hierbleiben schmackhaft zu machen. Mein Vorsatz von vorhin ist schon gekippt. Berlin rückt etwas weiter weg.
Soll ich all die Freunde aufgeben, die sich hier für uns so ins Zeug legen? Soll ich hier in dieser Mietskasernen für Heimatlose weiter warten, bis andere über mein Los entscheiden? Hier, wo ich mir nicht mal eine Zeitung kaufen kann, um eine Möglichkeit zu finden, mich selbst um mein Vorwärtskommen zu bemühen?
Rein verrückt könnte man werden bei diesem Dilemma. Auch Lora plädiert nun für das Bleiben. Sie hat ihre Schule lieb gewonnenen und will nicht mehr weg. Ich bin wohl die Einzige, die noch von Berlin träumt.

29.01.1993. Herr Kuhl hat angerufen. Das hat gereicht, um mir klar zu werden, dass ich hier unbedingt weg will. Diesen Stillstand kann ich nicht mehr ertragen. Vorwärts, mit Volldampf!
Wie wird es sein, nachts durchzuschlafen? Keinen Lärm mehr zu hören? Keine Störenfriede mehr ertragen zu müssen? Mein Leben selbst zu bestimmen?
Dann kommt der Landrat mit einer Dame vorbei. Ein idyllisches Häuschen sei für sechs Monate in Kirchdorf zu vermieten. Ich glaube, diese Menschen können es nicht ahnen, welche peinlichen Momente sie mir bereiten. Kaum dass ich einen klaren Gedanken gefasst habe, kommt ein anderer daher, um mich in neue Zweifel zu stürzen.
Ich habe Tränen in den Augen. Bleibe mir aber diesmal selbst treu. Mein Ziel gebe ich nicht auf. Das Hinundherschwanken ist viel zu zerstörerisch. Raubt mir meinen Seelenfrieden. Ich kann mich nicht jeden Tag auf jemand anderen einlassen. Das kann keiner von mir verlangen, wenn er es noch so gut meint.
Ich erkläre das den Leuten. Sie verstehen mich. Geben aber nicht auf. Falls es in Berlin doch nicht klappt, können wir wann immer zurückkehren. Wir werden hier immer Menschen finden, die uns beistehen werden.
Ich bin dankbar für diese Worte. Doch hoffe ich, dass es nicht nur in Wohldorf und Kirchdorf gütige Menschen gibt. Ich wage zu hoffen, dass wir auch in Berlin Freunde finden werden.

03.02.1993. Herr Killing kommt vorbei. Er teilt uns mit, dass das Sozialamt die Umzugskosten, die Miete, Kosten für Brennmaterial und für einige Reparaturen übernehmen wird. Das klingt nach Schlaraffenland. Fühle mich dabei schon etwas ungut.
Als er geht, drückt er meine Rechte mit beiden Händen. Er wünscht uns alles Gute.
"Ich freue mich, Sie kennen gelernt zu haben", sagte er leise.
Er hat etwas in den Augen, das mich verlegen zur Seite schauen lässt. Ich kämpfe mit den Tränen. Da geht einer, dem ich ein großes Stück Sonne zu verdanken habe.

04.02.1993. Der Superintendent und Herr Sommer sind zu Besuch. Ein Gespräch mit den Heimbewohnern. Der Sommer will noch Kleidung und Schuhe besorgen. Der Superintendent will regelmäßig Kaffeenachmittage organisieren. Ich meine, dass es schöner wäre, wenn die Heimbewohner freiwillig in der Nachbarschaft den Einwohnern Hilfe leisten könnten. Mehr in das Leben und Treiben des Dorfes einbezogen werden. Mehr außerhalb des Heimes versuchen, sich anzupassen, sich zu integrieren. Diese einseitigen Besuche von außen werden auch uns auf Zeit zu langweilig. Es sind immer dieselben Leute, die mit uns in Kontakt treten, ohne dass wir etwas zurückgeben können.
Mein Vorschlag wird angenommen. Ich aber weiß, dass daraus wahrscheinlich nie etwas werden wird. Ich kenne meine Pappenheimer. Kaum einer wird sich freiwillig zu solch einer Aktion melden.
Ich hab's versucht.

05.02.1993. Immer wieder diese Unkenrufe. Berlin ist ein heißes Pflaster. Es scheint, als hätten alle voneinander abgeschrieben. Ich höre diesen Satz immer wieder. Ich habe Kopfschmerzen und kein Medikament hilft. Und wir werden in Berlin vom Herrn Kuhl erwartet.
Ich teile ihm telefonisch mit, dass ich wegen der Kopfschmerzen nicht kommen kann. Er ist ungehalten. Paul soll doch alleine kommen. Der aber will alleine nicht gehen. Herr Kuhl kann das nicht verstehen, ist nervös.
Dann sagt er, dass er uns abholt. Ich fühle mich schrecklich. Kathrin gibt mir ein schmerzstillendes Zäpfchen. Habe so was noch nie ausprobiert. Aber es wirkt, Gott sei Dank.
Es regnet in Strömen. Bin jetzt froh, dass ich Kopfschmerzen hatte. Und, dass Kuhl kommen muss! Sonst hätten wir uns auf dem Weg nach Berlin aufgelöst.
Kuhl holt uns ab. In seinem Wagen wird mir schlecht. Der Weg bis Berlin ist für mich die reinste Hölle. Er mietet hier einen Kleinbus. Dann fährt er uns der Reihe nach in seine Häuser in der Nähe des Halleschen Tors. In den Kellern stöbert er nach Möbelstücken für uns. Ist aber nicht viel Brauchbares dabei.
Dann fährt er uns zu seinem Sohn. Wir bekommen einen schönen Wandschrank, eine Couch und zwei Sessel. Bis wir die Sachen aus der Wohnung hinunter in den Wagen kriegen, gilt es, die zwei Etagen ungezählte Male rauf und runter zu hecheln. Am Ende zittern mir die Beine so sehr, dass ich kaum noch aufrecht gehen kann.
Kuhl kauft uns je einen Kebab. Hab so was noch nie gegessen. Es schmeckt aber verdammt gut. Ist nur umständlich zu handhaben.
In der Waldzeile angekommen, mit unseren neuen Errungenschaften, habe ich riesige Emotionen. Wie werden die Nachbarn auf uns reagieren?
Drüben, hinter dem Zaun, sehe ich einen Mann, der im Hof herumhantiert. Instinktiv gehe ich in seine Richtung und rufe ein Hallo rüber. Meine Nerven sind zum Platzen angespannt. Was wenn er mir den Rücken kehrt? Er aber nähert sich verwundert. Ich reiche ihm die Hand über den niedrigen Zaun, sage wer wir sind und dass wir hier wohnen werden. Er ist freudig überrascht, kommt gleich durch die kleine Gartentür und spricht mit uns, als wären wir schon längst alte Bekannte.
Mir fällt ein riesiger Stein vom Herzen. Ich kann mich vor Freude kaum zurückhalten, laut los zu schreien: epur si muove! Die Welt ist nicht stehen geblieben, nur weil wir nach Berlin gekommen sind. Auf ihr leben eine Menge liebenswerter Menschen.
Wieder in Wohldorf angekommen, sehe ich Paul erstmals wieder ausgelassen und fröhlich. Eine Last scheint auch von seinen Schultern gerollt zu sein. Ich bin aber so müde, dass ich keiner Gefühle mehr mächtig bin. Will nur noch schlafen.

06.02.1993. Wir haben unsere richtigen Ausweise bekommen. Paul ist riesig stolz. Er ist ein Deutscher. Für mich ist es erstmals eine Formsache. Deutsch war ich schon immer gewesen. Ich fühle mich dabei weder besser, noch schlechter. Bin nur beruhigt. Jetzt kann ich mich unserem Umzug ruhigen Gewissens widmen.

09.02.1993. Nun ist Paul auch im Fieber. Wir können es kaum erwarten, endlich auszuziehen. Ich würde gerne erst alles renovieren, um dann in eine schöne Wohnung zu ziehen. Paul meint aber, dass das zu viel kosten würde, immer hin und zurück zu fahren. Lieber gleich hinziehen und dann können wir nach und nach alles in Ordnung bringen. Er hat Recht. Nur denke ich mit Grauen daran, dass wir in Berlin wieder von Amt zu Amt ziehen müssen und das Haus bleibt noch lange in einem schlechten Zustand.
Frau Engler kommt mit dem Fahrrad an. Sie ist hochrot im Gesicht und fleht uns an, es uns nochmals zu überlegen. Ich erzähle ihr, dass es uns mittlerweile in Köpenick gut gefällt, das wir nette Nachbarn und ein gutes Gefühl haben. Sie ist traurig. Ich merke immer wieder, dass uns die Leute hier unwahrscheinlich mögen. Was ist denn an uns so besonders? Ein so ungewohntes Gefühl von Nächstenliebe ist mir noch nie vorgekommen. Ich kann kaum damit umgehen.

12.02.1993. Kurzerhand habe ich entschieden, nächstes Wochenende, ziehen wir nach Berlin. Habe mit dem Heimleiter gesprochen. Er bleibt dabei und fährt uns und unsere Habseligkeiten hin.
Lora kommt weinend aus der Schule.
"Meine gute Klasse", jammert sie.
Es tut so weh, ihr wieder etwas von der Kindheit zu rauben. Ich hoffe, dass ich nie wieder der Grund sein werde, wenn sie Tränen vergießt.

15.02.1993. Endlich zu Hause ankommen. Wie schön wird das sein. Ich wohne auf meinem Heimatplaneten Terra. Und doch. Eine stille Ecke in diesem Raum, die habe ich für mich noch nicht gefunden. Wo darf ich mich endlich ausruhen können? Von Heimatlosigkeit, von Boshaftigkeit, von Fremdbestimmung. Ja selbst von überschwänglicher  Menschlichkeit.
Katja Radtkes Stimme kann ich nicht mehr ertragen. Sie ist schrill und durchschlägt die Stille wie eine Pfeilspitze. Ich empfinde körperliche Schmerzen, wenn ich sie höre. Dann singt sie auch noch gerne laut. Ein Gespräch zwischen ihr und Lena ist der Moment, wo meine Schmerzgrenze endet. So sympathisch mir beide sind, ich könnte die beiden am besten mit einem Pflaster über den Mund ertragen.

17.02.1993. Mit Grauen hatte ich schon daran gedacht, wie es wird, wenn im Sommer keine Schule, kein Sprachkurs mehr ist. Und von morgens bis abends diese lauten Stimmen durch die Luft schwirren. Für mich wäre das die Hölle auf Erden gewesen. Gott sei Dank, haben wir jetzt einen, hoffen wir, schönen Ausweg gefunden.
Die Kinder sind in der Schule. Alle anderen sind im Sprachkurs.
Ich habe Zeit und Muße mal das Bad und die Toiletten im Erdgeschoss in Angriff zu nehmen. Zwar hat jede Frau an einem Tag Dienst in Küche und Badezimmer, aber außer Lena und mir nimmt das keine sehr ernst. Heute ist mein letzter Tag hier. Das soll ein Geschenk zumindest an die Frauen im Erdgeschoss sein.
Ich gehe rauf zu Kathrin und lasse mir alle möglichen Putzmittel geben, die im Abstellraum zu finden sind.
Dann reiße ich alle Fenster auf und lege los. So haben Küche und Bad seit unserem Einzug nicht mehr gestrahlt. Ich sprühe noch einen Duftspray durchs Bad. Als die Frauen aus dem Sprachkurs kommen, ist Lena die erste, die freudig aufschreit:
"Das hat gemacht Lisotschka. Oi, das gut riecht hier."
Nur wie lange? denke ich mir. Lasse aber mit Freude die Umarmungen über mich ergehen.
Es fällt mir auf, dass ich die Rybowa nicht mehr gesehen habe. Ich frage Katja, die ihr gegenüber wohnt, nach ihr. Oh, Ljuba ist in Kasachstan.
Ich mache große Augen. Wie das denn?
Ja, vor einer Woche war Ljubas Tante aus Westdeutschland hier und hat Renata mitgenommen und Ljuba ist am nächsten Tag schon nach Kasachstan zurückgegangen.
Ich kann nur hoffen, dass dieses kleine Mädchen in guten Händen ist. Ich habe sie nie lächeln gesehen. Und wenn sie mit den Kindern zusammen war, stand sie meist abseits. Wird ihre kleine Seele je in Ordnung kommen?

18.02.1993. Es ist Zeit. Die Sachen stehen seit drei Tagen fertig gepackt. Wenn ich etwas brauchte, hatte ich meine Qual, bis ich es fand.
Der kleine Laster steht im Hof, jetzt voll beladen, fertig zur Abreise.
Der Abschied. Die Bewohner haben sich alle im Hof versammelt. Sie hätten es lieber sein lassen sollen. Es berührt mich doch mehr, als ich gedacht hätte. Diese Menschen waren fast sechs Monaten hindurch unsere Leidensgenossen, unsere Familie. Wir haben Sorgen und Freude geteilt, uns gegenseitig unter die Arme gegriffen, unsere Tränen getrocknet und auch zusammen gelitten und gelacht.
Als wir aus dem Hof fahren, weinen viele. Die Kinder laufen noch eine Weile hinter uns her. Mein Herz ist schwer.
Am Weg nach Berlin beginnt es leise zu regnen. Lora und ich sitzen warm neben dem Heimleiter vorne. Paul aber sitzt am Laster, auf der Couch. Ich fürchte, er wird sich erkälten und die nicht perfekten Möbelstücke gehen ganz kaputt.
Als wir in der Waldzeile ankommen, scheint mir das Häuschen so jämmerlich zu sein, dass ich am liebsten umkehren möchte. Der Regen hat längst aufgehört, aber es ist düster und dunstig. Vielleicht scheint in diesem Licht alles so traurig.
Als der Heimleiter in die Wohnung tritt, ist er sichtlich geschockt. Wir bieten ihm eine Tasse Kaffee an, aber er hat es plötzlich sehr eilig. Als er gegangen ist, stehen wir etwas verlassen und unbeholfen in diesem unfreundlichen Loch.
Unser Nachbar, der Frank, erscheint plötzlich in der Tür.
"Hallo, da seid ihr ja!" Und gleich darauf, "Kann ich euch helfen?"
Plötzlich ist Leben in der Bude. Schon zerrt er Paul mit sich.
"Komm schau dir mal drüben bei mir im Schuppen die Möbel an. Vielleicht kannst du was gebrauchen."
In einer Stunde haben wir eine Kücheneinrichtung, Geschirr, Haushaltsartikel aller Art, Brennholz zum Feuern. Und einen Nachbarn, der sich bei uns zu Hause fühlt. Uns scheint es, wir kennen ihn seit ewigen Zeiten.
Nebenan wohnt eigentlich Franks Mutter. Er wohnt mit Frau und Kinder in Lichterfelde. Wenn er das Haus fertig umgebaut haben wird, dann ziehen sie auch hierher.

Ich versuche Feuer zu machen. Der Ofen steht im hinteren Zimmer, das nicht sehr einladend wirkt.
Mein Vorhaben gelingt mir nicht. Der Rauch zieht nicht ab, sondern verteilt sich unregelmäßig aber stetig im ganzen Raum. Bis ich mich entschließe, es mit einer Kaffeekanne voll Wasser zu löschen.
Ein übler Geruch macht sich breit und dringt in alle organischen und anorganischen Atome ein. Ich reiße alle Fenster auf, was nichts weiter bewirkt, als dass wir bald blaue Lippen bekommen und frieren.
Paul ist so mit Frank beschäftigt, dass es nichts Wichtigeres mehr gibt. Für ihn scheint sich alles erledigt zu haben und ich bin ein wenig enttäuscht, dass es ihn nicht interessiert, ob und wie wir hier die Nacht verbringen werden.
So packe ich die Sachen, die wir am nötigsten haben, aus und versuche sie, so gut es geht, zu ordnen.
Ich komme mir plötzlich so verloren vor, so unsagbar alleine und es ist, als säße ich in einer Falle und könnte nie mehr entkommen.