Selbstgespräche mit Samantha- Kapitel 10


10.Kapitel

04.08.1997. Die Klinik.
Ich sitze verwaist und unbeholfen da. Nachdem man mich herumgeführt, aufgeklärt und ausgefragt hat.
Erschreckend viele Jugendliche hier. Ich dachte, was mir passiert, das passiert wenigen Menschen. Hier erlebe ich das Gegenteil.
Werden mich diese jüngeren und viel jüngeren Menschen akzeptieren? In Deutschland scheint eine Kluft zwischen alt und jung zu herrschen, dass es einem Angst und Bange wird.
Das Zimmer ist geräumig. Außer meinem, sind noch zwei Metalbetten drin. Eines davon ist schon besetzt. Meine Gegenüberbettnachbarin ist nicht besonders gesprächig. Eigentlich gar nicht.
Ich habe Hunger. Habe heute kaum was gegessen. Zehn Minuten muss ich bis zum Mittagessen ausharren.
Dann wird es uns im Zimmer serviert.
Meine Nachbarin verschwindet und ich atme auf. Wenigstens kann ich ungestört mein Essen verzehren.
Ich gehe auf und ab im Zimmer. Es ist sauber, nur fällt es mir auf, wie schmutzig die Fenster sind.
Rundgang durch den Garten. Es ist ein größeres Grundstück mit einer Biowiese im Mittelpunkt. Bäume und Sträucher wachsen am Zaun entlang. Hinten entdecke ich eine überdachte Terrasse. Da stehen Liegen. In einer nicke ich vor lauter Langeweile ein.
Ich finde einfach keine Ruhe. Kein Mensch da, um zu reden.
Meine Nachbarin, ich nenne sie Tusnelda, bis sie sich mir mal vorstellt, mir wenigstens auf eine Frage antwortet, wie lange sie schon da sei.
"Drei Monate". Mehr spricht sie nicht.
Ich kann mich nicht beherrschen. Weine, schluchze, fühle mich einsam.
Tusnelda eilt davon.
In Rumänien hätte mich meine Nachbarin gefragt, was mit mir los ist und hätte mir ihrerseits ihr Herz ausgeschüttet. Egal wie schweigsam sie gewesen wäre.
Das Einzige, was mich tröstet, sind die Scheiben. Ich putze sie und freue mich danach, dass sie sauber sind.
Telefoniere mit Lora, mit Tanja, wo Lora sich meist aufhält, mit Uschi, die nun allein im Märkischen Viertel wohnt.
Im Zimmer werfe ich einen Blick über das Buch auf Tusneldas Tischchen. Kafkas "Urteil". Wenn ich so dreinschauen würde wie Tusnelda, würde ich was anderes lesen. Trotzdem, sie wächst in meinen Augen.
Gegen Abend taut sie auf. Sagt mir ihren richtigen Namen. Den vergesse ich gleich.
Es fällt mir auf, dass sie einen Blick hat, der mich leicht gänsehäuteln lässt.

05.08.1997. Sechs Uhr morgens. Ich bin schon bereit und drehe eine halbe Stunde Runden um den Garten. Eine Runde, das sind 280 Schritte. Dauert drei Minuten.
Tusnelda, ach so, Rosina sagt, ich schnarche nachts. Weiß ich auch, dass ich das kann. Ich verschweige ihr, dass sie ständig herumschaukelt, wimmert, stöhnt und mir das Blut in den Adern frieren lässt. Wenn sie sich beruhigt, dann schnarcht sie auch. Bessergesagt, sie schnurchelt.
Hatte nachts Kopfschmerzen. Da mir alle Medikamente abgenommen wurden, musste ich um eine Kopfschmerztablette betteln.
Dann lag ich da. Als die Schmerzen am schlimmsten waren, wimmerte und stöhnte Rosina erbärmlich. Manchmal schien es mir, sie tut es an meiner Stelle, um mich zu entlasten. Als meine Schmerzen sich legten, beruhigte sie sich. Es war mir unheimlich.
Nun ist sie nicht viel gesprächiger, aber zugänglicher als gestern. Sie kann sogar ein Lächeln skizzieren. Sage ich was, sagt sie "toll", wenn es ihr zu gefallen scheint.

Dachdecker machen einen Höllenlärm. Das kommt mir bekannt vor.
Rosina fragt mich, welche Farbe das Leben hat.
"Bunt", sage ich.
"Toll!"
Meine Frage, wie sie das Leben sieht, überhört sie geschickt.
Visite kommt, Visite geht. Putzfrau kommt, Putzfrau geht.
Wie lange dauert ein Monat?
8: 30. Frühstück ist da. Brot mit zwei Leberwurstscheiben.
Wir sitzen zusammen am Tisch.
Rosinas Arme sind verstümmelt. Sie merkt, dass ich betroffen bin.
"Das mache ich nicht mehr", sagt sie leise.
"Was machst du nicht mehr?"
Sie begreift, dass ich keine Ahnung habe, wovon sie spricht.
"Habe mich früher mit Rasierklingen verletzt", sagt sie lakonisch. Ich höre das erste Mal von Selbstverstümmelung. Kann es mir nicht vorstellen, wie man sich eigenhändig Schmerzen zufügen kann.
Meine Fernsehsucht, meine Fresssucht, sind die nicht auch ein Sichselbstzerstörenwollen?
Obwohl ich noch Fragen hätte, ziehe ich vor, zu schweigen. Wenn sie will, wird sie mir später mehr erzählen.
Habe ein Zweitgespräch mit dem Klinikleiter. Bekomme eine Menge Fragebögen, wo ich nur Antworten ankreuzen muss. Bis ich alles durchgelesen habe, stellen sich erneut Kopfschmerzen ein.
Um punkt 19 Uhr gehe ich duschen. Kämpfe mit den Hitzewallungen. Und mit dem Wunsch, dass mich Rosinas Schaukeln nachts nicht wiederholt aus dem Schlaf reißt. Bis dahin sind es noch drei Stunden.
Ich gehe in den Park hinaus. Hier wimmelt es von Patienten. Sie sitzen um einen Tisch herum, spielen irgendein Brettspiel, plaudern. Ein junger Mann klimpert auf der Gitarre.
Ich spaziere in den entgegengesetzten Teil des Gartens. Da, wo aus einem künstlichen kleinen Hügel, mit Felssteinen übersät, ein Bächlein zum Gartenteich plätschert.
Der Park, naturgeschützt, schön, aber nicht überwältigend.
In 28 Tagen wird er mir zum Halse heraushängen, oder er wird mir fehlen.
Ich müsste drüben sitzen, mitreden. Vielleicht in 28 Tagen.
Tanja beklagt sich am Telefon, dass Lora zu wenig isst. Als ich Paul anrufe, lacht der schadenfroh. Sie isst zuhause genug.
Zwei Spinnen habe ich auf dem Gewissen. Gott hab sie selig. Ich sollte sie an den Beinen fassen und zum Fenster hinauswerfen, meint Rosina. Ich, Spinnen anfassen! Meine Pantoffeln tragen deutliche Spuren meiner Mordlust.
Dr. Eichinger scheint enttäuscht zu sein, als er hört, dass der Klinikleiter mich dem Herrn Hermann zugewiesen hat.
Bei seinen zerknitterten Klamotten! Er war mir sympathisch und mir tut es leid, dass ich nicht mit ihm arbeiten darf.

6.8.1997. Bin um 6 Uhr an der Terrassentür zum Garten. Zu früh. Erst eine halbe Stunde später wird geöffnet. Drehe dreißig Minuten lang meine Runden.
Später schaue ich mir ein Buch über Specksteigestaltung an. Das wäre auch was für mich.
Eine Neue ist da. Birgit heißt sie. Gesprächig wie eine Schnattergans. Das Gegenteil von Rosina. Bisschen spießig kommt sie mir vor. Ich muss gestehen, im Vergleich zu ihr, ist Rosina mir schon ans Herz gewachsen.
Um 11Uhr habe ich meinen ersten Termin bei Herrn Hermann. Scheint arrogant zu sein. Lässt kein Selbstmitleid aufkommen. Wo ich doch schon seit langem auf ein wenig Mitgefühl hoffe.
Ich bekomme wieder Kopfschmerzen. Höllenlärm auf dem Dach.
Ich flehe verzweifelt um ein Medikament. Man will mir keines geben.
Ich möchte fliehen. Das tue ich auch. Hinauf zu Hermann. In zehn Minuten habe ich meine Schmerztabletten. Eine halbe Stunde liegen. Schmerzen geschrumpft bis auf ein Minimum. Nur die Angst ist in mir, die große Angst, er könnte wiederkehren.
Die Angst ist es komischerweise, die mich auf die Straße treibt. Ich muss mit ihr vor dem Schmerz fliehen. Ich umkreise die Klinik, entferne mich, gehe Treppen zögernd nach irgendwohin, lande in einem Waldstück. Hier fühle ich mich aufgehoben. Wenn ich die Augen schließe, kann ich mir vorstellen, zuhause in Rumänien zu sein.
Nach einer Weile beginnt mein Herz intensiver zu schlagen. Mein Gefühl, zuhause zu sein, weicht einer Befürchtung, ich habe mich verlaufen. Den Weg zurück finde ich vor einer Panikattacke nicht. Schweißausbrüche. Wie ein Fisch auf dem Trockenen irre ich, nach Luft ringend, von einer Straße in die andere. Endlich der Hafen in Sicht.
Ich habe meine Angst überwunden, stolz aber bin ich nicht auf meine Leistung. Stolz werde ich sein, wenn ich diesen Weg bald mit stoischer Ruhe gehen kann.
Birgit hängt sich an mich wie eine Klette. Sie erzählt viel, wir haben Spaß miteinander, doch sie lästert ständig gegen die Therapie. Sie bestärkt mich nicht in meiner Motivation. Zwar bin ich auch voller Zweifel, nur habe ich mir vorgenommen, alles an mich heranzulassen, solange ich das Gefühl habe, dass ich darin gut aufgehoben bin.
Ganz plötzlich entscheidet Birgit, sie geht morgen nachhause. Ihr Mann ist krank und sie kann sich nicht auf sich selbst konzentrieren.

7.8.1997. Kopfschmerz, Kopfschmerzen.
Nach vier Tagen endlich den kaiserlichen Fußweg nehmen können. Die Kopfschmerzen sind weg.
Das zweite Gespräch bei Hermann. Ich ziehe mein "arrogant" zurück. Er ist ein aufmerksamer Zuhörer.
Nach der Sprechstunde entschließe ich mich zu einem Spaziergang. Eigentlich ist es meine erste Hausaufgabe. Ich versuche die Ruhe um mich, die Schönheit der Villen, der Gärten aufzusaugen. Zur Ablenkung und für spätere Tage, wenn ich in den Alltag zurückkehre.
Heute klappt es mit dem Spaziergang. Ich bin froh darüber, mache mir aber keine Illusionen. Es wird nicht immer so gut laufen.
Wo ist der Bus, die U-Bahn? Es wartet noch ein harter Kampf mit mir selbst. Es gilt noch eine Herausforderung zu bewältigen, eine Aufgabe.
Birgit ist weg. Sie war wie ein Komet aufgetaucht, witzig, drollig, freizügig, gesprächig. Die Welt, in der sie hinausging, ist für mich in nur vier Tagen irreal geworden.
Plötzlich überfällt mich die Einsamkeit. Birgit fehlt mir doch.
Wieder Kopfschmerzen.

8.8.1997. Heute Nacht habe ich ohne Kissen geschlafen. Einfach nur eine Decke mit Handtuch unter meinen Kopf gelegt. Keine Schmerzen mehr.
7 Uhr, 45. Habe elf Runden gedreht. Erneut Anflug von Kopfschmerzen.
Sitze circa zehn Minuten am Tisch, den Kopf in beide Hände gestützt. Versuche mich zu entspannen.
Die anderen praktizieren das morgendliche Turnen im Hof. Ich kann nur von einer Bank aus zusehen.
Eine "Neue" setzt sich neben mich. Sie ist deprimiert, wutentbrannt, aggressiv. Alles geht ihr viel zu langsam. Sie heißt Christina.
Ich versuche, ihr zu erklären, dass der Weg zu fast jedem Ziel unendlich lang und voller Schlaglöcher sein kann. Dass man nur mit viel Geduld und Durchhaltevermögen dahin geraten kann. Ein Ratschlag, den ich mir eigentlich selbst erteile.
Heute wollte ich erstmals einen Versuch starten, mit dem Bus zu fahren. Susanne von nebenan erzählt mir, sie versucht das schon seit drei Monaten und nichts hat sich geändert. Ich bekomme Angst.
Zum Bus geh ich also nicht, aber einkaufen will ich. Gehe in den Feinkostladen hinein, kaufe Süßigkeiten. Solange habe ich mich in den letzten Jahren in keinem Geschäft aufgehalten. Dann schiebe ich meinen Wagen ganz schnell zur Kasse. Die freundliche Bedienung hilft mir über die aufkommende Panikattacke hinweg.
In meinem Zimmer schreibe ich mir die positiven und negativen Punkte in Bezug auf meinen Klinikaufenthalt auf.

Negativ:
1. Trennung von der Familie,
2. Fremde Menschen, fremde Umgebung,
3. Langeweile,
4. Alleinsein,
5. Ständige Kopfschmerzen,
6. Mit fremden Menschen ein Zimmer teilen.

Das reicht für's erste.

Positiv:
1. Trennung ist gut, Abstand gewinnen ist wichtig, für mich, für die Familie,
2. Die Menschen sind so lange fremd, bis du zu ihnen Kontakte knüpfst. Wer dir sympathisch ist, den sprich wieder an. Wer dich nervt, den kannst du umgehen,
3. Langweilig war's mir zuhause oft. Dort musste ich sie mit Fernseher und Essen ausfüllen. Hier betrachte ich die Langeweile als eine Zeit, in der ich mich selbst entdecken kann. Irgendwann werde ich lernen, wie ich diese Lehre auffüllen kann, ohne mir zu schaden.
4. Alleine war ich zuhause auch, ohne Aussicht auf Hilfe.
5. Der Chef hat mir einen guten Tipp gegeben, wie ich meine Kopfschmerzen besiegen könnte- einfach die Dosis der Schmerztabletten zu erhöhen, an was ich nie gedacht habe.
6. Ich gehe täglich ohne Angst duschen.
7. Ich gehe täglich spazieren, habe ausreichend Bewegung.
8. Ich war einkaufen.
9. Ich habe Gespräche mit anderen Menschen.
10. Ich habe kein Heimweh.

9.8.1997. Heute sind alle ausgeflogen. Freiheit bis um 19 Uhr. Ich darf erst in einer Woche nachhause zu den Wochenenden.
Mein erstes Kunstwerk ist entstanden. Aus Ton habe ich eine kniende Frau geformt. Sie hält sich mit beiden Armen an einem Baumstamm fest. Ich wollte etwas wie unendliches Leid in diese Gestalt zaubern. Ob das den Betrachtern auch so rüberkommt, das wird sich noch zeigen.
(2023 gefunden, als Bildbearbeitung der ersten Tage total entfremdet, aber erkennbar. Ist im Müll gelandet)

Ein geräuschvoller Motor in der Nachbarschaft macht mich verrückt. Es geht schon seit Stunden so und will nicht aufhören.

10.10.1997. Habe meine zehn Runden gedreht. Nie wieder ziehe ich diese schweren billigen Turnschuhe an.
Es ist 9 Uhr. Rosina ist schon zurück. Wegen Panikattacken. Sie tut mir leid. Ich habe einen Schreck bekommen. Färbt das jetzt auch auf mich ab?
Als ich sie frage, was los ist, sagt sie bloß:
"Nicht sprechen".
Ich fühle mich wieder überflüssig, irre durch den Garten, werde von Mücken attackiert, langweile mich mit den Fischlein am Teich und entschließe mich, mich auf eine Liege hinten im Garten zu legen.
Ich lerne eine Simone kennen. Wir führen ein langes Gespräch. Sie scheint ein ganz besonderer Mensch zu sein. Ich mag sie auf Anhieb.
Versuche es wieder mit einem Spaziergang im Garten, doch die Hitze ist unerträglich geworden.
Liege auf dem Bett, höre Musik, Nachrichten. Keine Aussicht auf Kühlung. Die Sonne scheint jetzt direkt ins Zimmer. Sonntage sind etwas Furchtbares.
Bin überrascht, als die Tür sich öffnet und Leute aus den anderen Zimmern hereinströmen. Sie wollen meine Tonfigur sehen. Hätte nicht gedacht, dass mein Kunstwerk Interesse erwecken könnte. Und wenn die Leute schon in mein Zimmer kommen, heißt es doch, man hat über meine Figur gesprochen.

11.8.1997. Um 7 Uhr, 45 trete ich zum Turnen an. Es ist schwül und Mücken gibt's ohne Ende. Wir kratzen uns, als hätten wir die Krätze.
9 Uhr. Therapie. Ich habe nicht den Eindruck, dass sie mir was bringt. Ich stehe noch immer vor einem großen Fragezeichen. Habe auch keine Wunder erwartet.
10 Uhr. Spazieren mit stetem Anflug von Panik. Eine richtige Panikattacke bleibt aus.
Heute muss ich mich hinlegen, weil ich nachts kaum ein Auge zudrücken konnte. Rosina kann neuerdings nicht ohne Licht schlafen. Das stört mich.
Spreche mit Lora. Ich werde eifersüchtig. Sie scheint mich nicht zu vermissen. Es wird mir bewusst, dass sie selbstständig wird, dass sie mich irgendwann nicht mehr braucht. Ich werde mir eine neue Lebensaufgabe suchen müssen.
Dann spreche ich mit Paul. Er ist enttäuscht, dass Lora sich immer mehr von ihm abwendet. Sie kommt und geht, ohne ihm Bescheid zu sagen. Ist mehr bei Tanja, als zuhause.
Tanja hat mir vor Tagen ein paar Sachen mitgebracht. Sie hat sich sehr abwegig über Paul geäußert. Es hat mich gestört, weil sie ihre Meinung über ihn scheinbar auch Lora vermittelt hat. Dem Kind kam das gelegen.
Ich war froh, dass Lora und Paul miteinander auskommen müssen und sich in den Tagen meiner Abwesenheit innerlich näher kommen. Dass sie jetzt von der Hobbypsychologin Tanja therapiert wird, macht mich nicht glücklich. Bei denen in der Familie geht es nicht sehr harmonisch zu und ich fürchte, Lora nimmt sich keine nachahmenswerte Beispiele von ihnen. Ich möchte, dass meine Familie funktioniert und es aus eigenen Kräften schafft. Dass wir miteinander zu sprechen versuchen. Lora ist erwachsen genug, um jetzt aktiv mitzumachen. Das Dazwischenfunken von Tanja finde ich nicht in Ordnung, obwohl ich ihr auch dankbar bin, dass sie sich um Lora kümmert.
Habe schon lange nicht geweint. Dann mal los!

12.8.1997. Das morgendliche Turnen. Die Luft ist schwül.
Nach fünf Minuten wird es mir zu warm. Herzrasen. Ich versuche mir ein Angstgefühl schönzureden. Es klappt nicht. Weg von hier, einfach weg.
Ich gehe in mein Zimmer und kann meine Enttäuschung nicht unterdrücken. Habe mich wieder ausschließen müssen aus dem Kreis der andern. Ich bin nicht mitten drin. Kann nie mit dem Strom fließen. Mithalten, dazugehören.
Abends hört man Stimmen von draußen. Sie sitzen alle im Eingangsbereich unter meinem Fenster. Es wird gelacht, gesprochen. Ich gehöre nicht dazu. Bin allein mit meinem Selbstmitleid.
Ich müsste mich bloß aufraffen, die Treppen hinunter gehen und mich dazusetzen. Doch ich denke an die abweisenden Blicke. Blicke, die sagen:
"Ich mag dich eben nicht. Nicht weil du es bist, sondern weil ich mich selbst und die restliche Welt nicht mag."
Sie haben ähnliche Probleme wie ich. Sie haben aber nicht meine speziellen Probleme. Die habe ich. Ein unfreundlicher Blick wiegt auf der Waage meiner Seele zentnerschwer. Ich muss lernen, diesen Blicken standzuhalten und sie zu ignorieren. Ich bin nicht verpflichtet, den andern Gutelauneblickte zu zaubern und kann sie auch nicht auf Wunsch bekommen.
Gruppenspaziergang bis zum S-Bahnhof. Dieser Spaziergang bringt mir weder engere Kontakte, noch sonst etwas Nennenswertes. Außer Müdigkeit.
11 Uhr. Arbeitsstunde. Trotz Hitze halte ich eine Stunde durch. Wir machen Garten und Hof sauber.
15 Uhr. Einzelspaziergang als Hausaufgabe. Wegen der Hitze suche ich mir ein schattiges Plätzchen auf dem Gelände der Villa Harteneck. Hier verbringe ich eine halbe Stunde und schleppte mich dann zurück.

13.8.1997.  Turnen trotz Rückenschmerzen.
In der Therapiestunde erzähle ich von Tanja, Lora und Paul. Hermann sagt, ich sollte mit jedem Beteiligten sprechen und ihnen meinen Standpunkt klarlegen.
Ich rufe sie der Reihe nach an. Die Gespräche verlaufen gut, sie hören meine Meinung geduldig an und versprechen mir, miteinander respektvoller umzugehen.
Meinen Spaziergang weite ich heute aus. Klappere alle Straßen in der Nähe ab, die ich noch nicht betreten habe. Größere Probleme ergeben sich nicht.
Werken. Unten im Keller ist Hochbetrieb. Ich arbeite in Ton eine Wüstenlandschaft in Relief. Wie immer, gefällt mir das, was die anderen machen, besser.
Übelkeit. Vom Essen oder von der stickigen Luft im Keller, ich weiß es nicht.
Abends wird unten gefeiert. Da sitzen auch die Sturen. Die Gesichter mit den Wolken. Die, die mir weder guten Morgen, noch guten Abend sagen. Sie würden mir auch nicht gute Nacht sagen und ich ginge mit einem flauen Gefühl im Magen zu Bett.

14.8.1997. Wir spielen mit bunten Bällen. Es macht Spaß. Ich entdecke Reflexe und Bewegungsabläufe, die längst verschüttet waren. Ich entdecke mich aufs neu, sozusagen. Es ist schön, ein so schönes Körpergefühl zu bekommen. So tut es nicht weh, dass ich doch irgendwann den Punkt erreiche, wo ich mir gestehen muss, dass es reicht.
Rosina bemalte alle ihre Plastiken schwarz. Grelle rote Flecken, die sich nach dem Brennen wie Blut anfühlen, wurden als Krönung da und dort aufgekleckst. Das sind die einzigen Farben, die sie zulässt.
"Warum schwarz?" frage ich.
"Ich drücke meine Wut darüber aus, dass die Natur es so wollte, dass die Frau das Spielzeug des Mannes ist, dass sie sich mit Menstruation und Binden herumquälen muss. Dass sie dazu auch noch Kinder gebären muss."
Ich kenne nicht den Grund, weshalb sie sich verstümmelt hat, ich weiß nicht, was sie durchgemacht hat, kann nur da anknüpfen, wo es mir nach ihren beiläufigen Sätzen möglich ist.
Ich schlage ihr vor, ich male ein buntes Bild und hänge es neben ihren düsteren Schmerzplakat, das mir vom Künstlerischen her ausnehmend gut gefällt und das mich jeden Morgen von der gegenüberliegenden Wand anfletscht, dass mir ein Schaudern über den Rücken läuft.
"Das kann ich nicht akzeptieren", kommentiert sie. "Selbst bunter malen, wäre Verlogenheit sich selbst gegenüber."
Ich frage:
"Ist schwarz nicht auch verlogen?"
Sie wirft mir einen dunklen rätselhaften Blick zu.
"Warum sollte schwarz verlogen sein"?
"Die Nacht mag schwarz sein. Doch Nacht ist nicht gleich Trauer. Nacht ist Ruhe vor dem Weiter. Schau dich in der Natur um. Schwarz entdeckst du kaum. Es ist alles bunt.
Die Japaner trauern in Weiß, die Inder verbrennen ihre Toten auf blumengeschmückten Scheiterhaufen. Unsere Farbe für Trauer ist schwarz, weil wir darauf programmiert wurden. Seit unserer aller Kindheit. Wenn man uns Gelb eingetrichtert hätte, währen deine Plastiken heute alle gelb. Selbst ein Therapeut würde dich ermuntern deinen Schmerz schwarz und brennend rot darzustellen. Ein völliger Blödsinn nach meiner Meinung. Warum sollte Trauer nicht farblos sein können, oder meinetwegen pink. Du sträubst dich gegen die Gesetze der Natur und lässt dich von einer Tradition unseres Kulturkreises derart mitreißen, dass es wehtut. Du denkst, schwarz sei dein persönliches Empfinden. Ist aber nur ein Vorurteil, das dir eingeredet wurde. Ich bin vom Irrsinn des Schwarzdenkens auch nicht gefeit, sonst würde mich dein schwarzes Kunstwerk nicht so aus der Fassung bringen."
Nachmittags scrabble ich mit Claudia. Sie ist verdammt gut und schlägt mich dreimal. Fühle mich trotzdem entspannt und endlich in der Gruppe angekommen.

15.8.1997. Hab ich schlecht geschlafen! Denke ans Turnen mit Herzklopfen.
Bin trotzdem als erste da. Zwar ist es schwül, aber erträglich. Frau Gericke kommt mit armlangen Stäben aus dem Haus.
" Die mit ihren Bällen und Stäben", klagt eine verächtliche Stimme neben mir.
Für mich sind das vertraute Dinge aus der Kindheit. Wenn das Turnen auch etwas Angst macht, weil ich mal einen leichten Schwindel bekomme, mal Herzrasen oder Hitzewallungen, sind es eben diese Gegenstände, die mir Halt geben, an denen ich mich festklammern kann.
Wir sollen die Bälle hochhalten und dann mit aller Kraft auf den Boden werfen. Ich merke, wie gut mir das tut. Oder wenn ich den Stab mit ausgestreckten Armen gegen den Partner drücke und dieser Widerstand leistet, da begreife ich erst, wie viele Aggressionen in mir stecken. Schon erschreckend.
Später widerfrage ich alles. Warum Aggressionen? Weil Frau Gericke das gesagt hat? Wenn es einfach nur Spaß an der Sache war? Wir Menschen philosophieren uns soviel Schwachsinn zusammen, dass wohl keiner weiß, welche Betrachtungsweise eines Seelenzustandes die verrückteste ist.
Gruppenspaziergang in Begleitung von Schwester Jutta. Im Laden am S-Bahnhof  wird eingekauft. Vor der Tür sitzt ein angeleinter Hund, einer mir nicht bekannten Rasse. Ich gehe ahnungslos an ihm vorbei und er schnappt nach meinem Bein.
Als ich um 11Uhr,30 zu Hermann rauf gehe, sitzt mir der Schreck noch immer in den Beinen.
Ich erzähle ihm von den Anfängen meiner Ängste, von meinen Schwiegereltern, vom Alkoholismus meines Mannes, von seiner Tante und seiner Großmutter, die mir soviel Leid zugefügt hatten, von meiner Machtlosigkeit, mich zu wehren.
"Verdammt lange Arme müssen die haben", sagt Hermann,
"dass sie Sie hier auch noch erreichen."
Dieser Satz ist wie ein frischer Wind, der allen Nebel aus meinem Kopf zerstreut. Ich fühle, wie etwas Ungeheuerliches von mir abfällt. Als wenn mir Flügel wachsen und ich über dem Erdboden schweben würde.
Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder ein normaler Mensch werde, aber ich weiß, dass ich diesen Satz nie vergessen werde und er mir auf Abruf immer wieder dasselbe Gefühl offenbaren wird.
Um 13 Uhr bin ich wieder auf der Straße. Habe noch immer diese Leichtigkeit in mir.
"Ich habe von euch allen keine Angst mehr," jubiliere ich innerlich, "nie wieder. Ihr könnt mir nichts mehr anhaben."
Ich genieße die Straße. Sie gehört mir. Sie gehört in diesem Augenblick in mein Leben. Ich kann ihr den Rücken kehren, wann ich will, oder ich kann weiter gehen. Niemand kann sie mir verbieten. Ich fühle mich so frei wie nie zuvor.
Vor diesem Tag war jeder Spaziergang auch mit Schmerz verbunden. Jedes Mal, wenn ich mich über die Umgebung gefreut habe, war noch ein andrer Gedanke dabei. Warum konnten das meine Eltern nicht erleben? Warum sind meine Kinder, mein Bruder, meine Schwester nicht da, um das alles zu sehen? Jede kleinste Freude barg auch Trauer, weil ich diese Freude nicht teilen konnte.
Es ist heute so anders. Ich freue mich, dass ich das hier erleben darf, dass ich es geschafft habe, aus meinem Moloch zu kriechen, weit weg von allem, was mich gebrandmarkt hatte, mir wehgetan hatte.
Das ist mein Leben und ich will es genießen, weil ich für das Leben der anderen nicht verantwortlich bin.

16.08.1997. Ich warte auf Lora und Paul. Eine volle Stunde. Als ich schon wieder zurückkehren will in die Klinik, steigen sie aus dem Bus, der aus der entgegengesetzten Richtung kommt. Ist ja nichts Neues bei uns.
Wir setzen uns in einen Park. Die Atmosphäre ist angespannt. Paul lacht auffallend viel. Seine Stimme klingt lauter als sonst. Sein aufgesetzter Humor ärgert mich. Mir ist das alles peinlich.
Nach einer halben Stunde will er nach Hause gehen. Ist mir recht. Lora bleibt noch.
Wir spazieren durch die Häuserreihen und sie ist überrascht, wie schön es hier ist. Dann muss ich in die Klinik zurück.
Nach dem Mittagessen nehme ich mir den Ton vor, den ich gestern fürs Wochenende von Herrn Tiller, dem Gestaltungstherapeuten, bekommen habe.
Eine Frauengestalt, die sich aus einem Echsenkörper befreit, entsteht. Eine Seele, die sich aus dem Mantel der Vergangenheit schält, sich aus dem Kriechtum nach oben kämpft. Ich bin so beschäftigt, dass ich nicht merke, wie sich die Bewohner um mich versammeln. Helle Begeisterung. Tiller sagt:
"Da haben Sie aber eine Tür aufgestoßen…!"
Nachmittags spiele ich gegen mich Scrabble. Ich genieße das Alleinsein, denn Rosina ist zu Hause und unsre Neue, die Uta auch.
Himmel und Hölle! Was haben die mir ins Essen getan? Ich bin so gebläht, dass ich es vorziehe, nicht zu den anderen in den Hof zu gehen. Das Alleinsein war mir nie willkommener.

17.08.1997. Habe nicht schlafen können. Mitten in der Nacht habe ich mir einen Tee machen müssen, Pfefferminz und Kamille. Mein Bauch droht mir den zweiten Urknall an.
Mache Ordnung im Zimmer, fummele noch an der Eidechsenlady herum und bete zu Gott, dass das Essen heute meine Beschwerden nicht noch mehr reizt.

18.08.1997. Bodenturnen im Nichtraucherraum. Die noch immer anhaltenden Blähungen bereiten mir zusätzlich Kopf- und Rückenschmerzen. Wie dreht man sich, am Boden liegend, mit Blähbauch, so von links nach rechts, dass keine Geräusche entstehen? Ich bin so darauf bedacht, einen gewissen Muskel zu kontrollieren, dass ich einem Herzinfarkt nahe bin. Habe grade die Herzfunktion eines Blauwals.
Oben im Zimmer dann heftiges Nasenbluten. Kein Wunder bei der Anstrengung.
Hermann quetscht mich so geschickt aus, dass meine Blähungen zwar nicht zurückgehen, dass ich aber mit hochrotem Kopf von meinem Dilemma erzähle.
Der ist wohl nicht ganz bei Trost. Ich soll mein Problem der Gruppe preisgeben und offen darüber sprechen. Bin zwar gebläht, aber nicht verrückt. Die Leute würden sich danach bei meinem Anblick jedes Mal kugeln vor Lachen.
Versuche mir beim Ausgehen das Problem wegzuspazieren. Bewegung soll gut sein. Bewegung schon, aber kein Bodenturnen mit hübschen jungen Männern in demselben Raum.

19.08.1997.  Morgens um drei Uhr bin ich schon wach.
Bin wieder die Erste beim Turnen.
Morgenturnen im Freien, kein Problem. Die Straße ist ja um acht Uhr recht laut.
Um zehn Uhr geht's an den Hundestrand runter an den See. Oder an den Hundesee runter an den Strand, oder so ähnlich. So viele Hunde hab ich noch nie beisammen gesehen. Das Gekläff geht mir auf die Nerven, auch wenn es da Exemplare gibt, in die ich mich sofort verliebe.

Heute ist Visite.
Alles in Ordnung? Ja, ja.
Das Essen, in Ordnung? Ja, ja.
Das ist nicht gelogen. Es schmeckt mir ja, aber wahrscheinlich wird zu viel sprechendes Gemüse verarbeitet, sag ich mir selbst.
Leider fühle ich mich immer noch nicht gut. Wie lange werden mich diese Lufteinschlüsse denn quälen?
13 Uhr, 15. Frau Gericke knetet mir den Rücken, dass mir das Hören und Sehen vergeht.
Ich hab's doch nicht im Rücken, liebe Leute!

20.08.1997. Turnen bedeutet für mich heute eine Riesenanstrengung. Alle Knochen schmerzen mir. Ich denke, die Gericke mag mich nicht. Gestern hatte sie dann die Gelegenheit, es mir zu zeigen. Mein ganzer Körper erinnert sich an sie.
Leichte Kopfschmerzen. Mein Puls ist auf 120. Noch eine Stunde danach.
Bei Hermann ist heute nichts Gescheites zu holen. Wir philosophieren über das Furzen.
Seit der Therapiestunde kitzelt ständig was meinen Lachnerv. Ich stelle mir vor, ich gehe auf das dringende Anliegen meines geschätzten Herrn Hermann ein. Stelle mich vor Simone, Norbert, dem hübschen Markus, der rotzigen Christina, Barbara, Marina und erzähle, Kinder, ich kann meine Körpergeräusche seit einiger Zeit nur schlecht steuern. Wenn ihr mitten in der Konzentration seid und euch ein Säuseln aus der Trance reißt, keine Panik. Ich war's nur.
Nein, das geht gar nicht. Schließlich habe ich meinen Stolz.
Mittagszeit. Habe einen Riesenhunger.
Es gibt Gulasch mit Erbsen. Ach, du heiliges Kanonenrohr!
Ich picke mir die Erbsen einzeln heraus, lege sie ringsum auf den Tellerrand. Eine Sisyphusarbeit. Allerdings weiß ich nicht, ob ihr Geist nicht doch noch sein Unwesen im Gulasch treibt. Werde ich morgen sehen.
Rosina schläft schon eine ganze Weile. Ich gehe hinunter zum Werken. Komischerweise fühle ich mich danach jedes Mal einsam. Ich habe eine große Leere in mir und Heimweh nach Rumänien. Kann mir nicht erklären, warum das so ist.
Als ich zurückkomme, beklagt sich Rosina, dass ich die Tür zu geräuschvoll öffne. Konnte nicht ahnen, dass sie nach zwei Stunden, während ich weg war, noch immer schläft.

 21.8.1997. Rosina ist nach dem gestrigen Ganztagsschlaf die ganze Nacht auf gewesen. So bin ich hin und wieder auch wach geworden. Meine Müdigkeit hält sich in Grenzen.
Nach dem Morgenturnen sage ich Frau Gericke, dass ich beim Bodenturnen nicht mehr mitmache. Sie verpetzt mich bei Hermann.
Als ich zu ihm hochgehe, versucht er mich wieder zu überzeugen, mich bei der Gruppe zu outen. Schließlich hat jeder Mensch mal Probleme mit der Verdauung. Alles was er sagt, klingt plausibel. Theoretisch akzeptiere ich seine Meinung. Aber nie im Leben werde ich mich, nach der meinen, lächerlich machen. Das ganze Bodenturnen würde zu einem Bodenlachen ausarten, wenn ich vor Anstrengung alle fünf Minuten losträllern würde.
Diese ekelhaften Blähungen werden scheinbar niemals aufhören. Ich nenne mich ja selbst nur noch "Flötchen".
Da bin ich an der Mauer angelangt, wo ich an der Psychotherapie zweifle. Dass mal ein Satz kommt, in dem die langen Arme der Erinnerungen mich zu sehr festhalten und ich diese Behauptung gut finde, ist eine Sache. Dass aber über meine Seele gesprochen wird, als wäre sie nicht ein Teil von mir, sondern ein Accessoire, das ich mit mir herumschleppe, ist was anderes. Wenn ich zum Arzt gehe, bin ich nur Körper, wenn ich vor einem Psychologen stehe, bin ich nur Seele.
Wenn ich eine Psyche habe, gehört sie zu meinem Körper und ich kann mich nicht doppelt denken, wenn ich einfach existiere. Dieses "Körperliche" und "Seelische" kommt mir so gewollt getrennt vor, dass ich nur zweifeln kann.
Ein guter Arzt, der sich auch mit den seelischen Problemen auskennt und Zeit hätte, sich mit mir zu beschäftigen, wäre ein Idealfall.
Nachmittags sitzen Simone, Susanne, Christina und ich am Teich und quatschen. Ich erzähle, dass ich früher die Deutschen, die zu uns ins Land kamen, wie Halbgötter empfunden habe. Ich habe zu ihnen aufgesehen, als kämen sie aus einer anderen Dimension. Dass ich mittlerweile weiß, Gott sei Dank, dass sie auch nur Menschen sind. Dass es auch unter ihnen genau so gute, wie böse Menschen gibt, wie überall. Das ist beruhigend.

23.8.1997. Es ist regnerisch, ohne kühl zu sein.
Eine Kakerlake im Schlüpfer hat mir etwas Lebensmut genommen.
Heute starte ich einen Versuch, alleine nachhause zu gehen.
In der Bushaltestelle an der Königsallee herrscht eine tropische Schwüle. Ich sitze allein im Bus. Mein Herz klopft im Takt der Räder.
Genieße es, sag ich mir.
Ich sehe Berlin erstmals mit neuen Augen. Ich sage mir, du bist ein Glückspilz. Du verkommst in keiner Kleinstadt, in keinem Kaff. Du kannst wählen. Zwischen samstags Flimmerkiste ganztags, oder einem Spaziergang durch die Sehenswürdigkeiten dieser großartigen Stadt. Du kannst zuhause Trübsal blasen, oder an einem verrückten Straßenfest teilnehmen. Nicht weil es dir unbedingt gefällt, sondern weil du nicht abseits stehen willst. Weil es jetzt passiert und du jetzt lebst.
Theater am Kurfürstendamm, Komödie am Kurfürstendamm. Wann war ich das letzte Mal im Theater?
Der berüchtigte Nollendorfplatz. Ich steige aus. Von hier aus will ich zu Fuß gehen.
Hier beginnt ein Kampf mit mir selbst. Ich schnappte schon nach Luft. Mein Herz wird unruhig. Die vorher klare Zuversicht ist plötzlich ein Tümpel, trüb und trügerisch. Samantha meldet sich wieder.
Ich kenne den Geruch dieser Straßen. Ein Geruch, der alles in mir durcheinander bringt. Ich versuche, nicht den gewohnten Weg zu gehen.
Wie war das noch beim Turnen? Schulter nach hinten, Brust raus. Wo ist nun eigentlich das Selbstbewusstsein? Mehr Selbstbewusstsein! "Den Boden spüren", und "verdammt lange Arme müssen die haben".
Atme, lebe, mach weiter!
Verdammt! Frau Schneider steht da mit ihrem Köter. Ich mag niemanden sehen. Keine Nachbarn. Ich will mich nicht erklären müssen.
Noch immer lauert sie, die Angst. Nein, nicht auf der Straße. Sie ist in mir, sie schnappt nach mir.
Hier ist die Ecke, wo sich gewöhnlich mein Bewusstsein auf Sparflamme befand. Wo ich aus der Realität gestiegen bin hinein in ein Gefühlschaos. Wo Samantha zum Vorschein kam.
Als sich die Straße zu unserm Haus auftut, ist die Spannung plötzlich weg. Ich bin ein Mensch, der nach drei Wochen Abwesenheit nachhause kommt.
Paul hat die Küche tapeziert. Statt meiner alten Couch hat er ein neues Schrankbett aufgestellt. Die Tapeten sind nicht sachgemäß angebracht. Die Bilder hängen schief, der Teppich muss unbedingt gesäubert werden.
Alles ist mir fremd geworden. Die Wohnung ist dunkel und bedrückt mich. Das schönste hier zuhause ist Lora. Ich will sie nicht belästigen, würde sie aber ständig herzen und knuddeln.
Als Paul von der Arbeit nachhause kommt, habe ich mich von den Überraschungen erholt. Er findet, ich freue mich nicht genug über das, was er gemacht hat.
"Doch, ich habe mich darüber gefreut. Du warst noch nicht hier, als ich gejubelt habe."
Natürlich lüge ich. Das spürt er.
Er flüchtete in die Küche. Kocht eine Suppe. Der Dampf legt sich auf meinen verschwitzten Körper wie eine zweite Haut. Ich kann kaum atmen. Reiße alle Fenster auf.
Ungewaschene Wäsche wartet auf mich und bügeln.
Karl kommt mit seiner neuen Lebensgefährtin vorbei. Eine unmittelbare Nachbarin von ihm. Es ist ein komisches Gefühl, ihn an der Seite einer anderen Frau zu sehen. Sie ist auch Witwe.
Er erzählt in seiner witzigen Weise von einer weißen Taube, die sich auf sein Fenster setzt. Sie schaut ihm öfter zu, was er tut. Er meint, das könnte Wally sein. Dann geht mal die Tür auf, geht wieder zu, geht wieder auf. Und er fragt Helga, seine neue Partnerin:
"War das jetzt dein Mann oder meine Frau?"
Ich lache zwar amüsiert, irgendwie tut es aber weh, wenn ich am Wally denke.
Dann muss ich wieder zurück in die Klinik. Lora und Paul begleiten mich bis zum Nollendorfplatz. Ich fürchte den überhitzten Bus. Ist aber nicht so schlimm. Je näher wir dem Grunewald kommen, desto kühler wird es. Wenn mein Zeh nicht zu schmerzen würde, hätte ich noch Lust auf einen Spaziergang.

24.08.1997. Mit Claudia sitzen wir wieder beim Scrabblen. Sie macht es mir nicht leicht, trotzdem gelingt es mir, zweimal zu gewinnen. Was hier noch keiner geschafft hat. Sie ist meist unschlagbar.
Plötzlich kommt diese Christina mit der Horrormiene auf mich zu.
"Ich kann meinen Kuchen nicht essen. Willst du ihn haben?"
"Oh ja, für meine Enkelin, die kommt mich heute besuchen. Das ist nett von dir."
Sie geht in ihr Zimmer, kommt zurück, hält mir den Teller mit dem Kuchen unter die Nase und faucht mich an:
"Hier! Von den bösen Deutschen."
Ich erstarre vor Entrüstung.
"Hast du mir dieses Almosen gebracht, um ein Motiv zu haben, mich zu beleidigen? Ich bedanke mich, den Kuchen kannst du wieder haben. Wenn du das nächste Mal an einer Diskussion teilnimmst, dann hör gefälligst genauer hin."
Einmal hat sie mir gesagt, sie fürchtet sich vor mir, weil ich sie angreifen könnte.
Obwohl ich weiß, dass sie spinnt, dass sie eher in eine Psychiatrie gehört, zittere ich vor Wut.
Lora lenkt mich ab. Wir machen einen langen Spaziergang, sitzen endlos auf einer Bank und führen ein entspanntes Gespräch.
Um 18 Uhr trennen sich unsere Wege. Sie geht zum Bus, ich zurück in die Klinik.
Ich habe die Hitze gut überstanden. Vor drei Wochen wäre ich bei so einer Temperatur nicht aus dem Haus gegangen. Trotzdem muss ich mich kurz vor dem Ziel mit Wasser besprühen und meinen Handventilator hervorkramen.
Kaum dass ich angekommen bin, öffnet Claudia die Tür:
"Kommst du scrabblen?"
"Ja, ich komme scrabblen!"

26.08.1997. Komme von der Therapie.
Als ich die Treppen nach unten steige, frage ich mich plötzlich, ohne an das zu denken, was ich mit Hermann besprochen hatte, wieso ich an meinem Mann hänge, auch wenn da keine Liebe ist und wir keine Gemeinsamkeiten haben. Und ein Gedanke flitzt mir durchs Gehirn.
Meine Mutter war auch mit allerlei Wehwehchen behaftet. Wenn sie sich nicht wohl fühlte, war mein Vater sofort bei ihr, streichelte sie zärtlich, schenkte ihr all seine Aufmerksamkeit.
Bin ich vielleicht auch nur mit diesen Symptomen behaftet, weil mein Unterbewusstsein erwartet, dass jetzt die Zärtlichkeiten kommen?
Paul ist zwar auch sofort hilfsbereit, wenn es mir nicht gut geht. Er nimmt mir alles ab, um mich zu schonen. Doch auf die Zärtlichkeit warte ich umsonst. Das müsste mittlerweile auch mein Unterbewusstsein begriffen haben.
Dieses Psychgequatsche macht mich noch irre.

27.08.1997. Ich wache aus einem Alptraum auf.
Ich griff im Traum in ein Tier hinein, ich weiß nicht was es war, und zerrte aus seinem Leib ein Fötus, ein Säckchen heraus. Dann sah ich, dass mich jemand verfolgte, um mir das Säckchen wegzunehmen. Ich lief einen langen Gang entlang. Der Verfolger holte mich ein. Ich wollte mich schönreden, den Verfolger beschwichtigen und wache dann mit Herzrasen auf.
Der Mond hängt zwischen den Baumkronen. Ist es der Mond? Erst, nachdem ich richtig wach werde, merke ich, dass es eine Straßenlaterne in der Parallelstraße   ist. Der Mond ist auf dieser Seite doch nie zu sehen.
Wo ist hier Osten und Westen? Der Süden?
In Rumänien kannte ich die Himmelsrichtungen wie meine eigene Hand. Ich hätte an jeder Stelle in der Stadt sagen können, wo Süden und wo Norden ist.
Ich wusste, dass die Sonne hinter dem Bistrawald hervorkroch, zu Mittag über Annamarias Haus stand und abends irgendwo in Ungarn, vielleicht in den Plattensee, versank.
In der Grundschule hatte ich eine Lehrerin, die ich nie vergessen werde. Die Geografiestunden hielt sie, wenn gutes Wetter war, draußen auf der Wiese. Von ihr habe ich die Himmelsrichtungen so erklärt bekommen, dass ich, egal wo ich war, immer zuerst herausbekommen wollte, ob ich jetzt östlich oder südlich von zuhause entfernt war.
Ich wusste, wo der große Wagen steht, wo die Venus abends zu sehen war.
In Deutschland habe ich dieses Spiel vergessen. Sozusagen, die Orientierung verloren. Nur auf dem Stadtplan war sie mir gegenwärtig.
Es wird Zeit, dass ich mich mit der Windrose versöhne. Und mich in der neuen Heimat besser orientiere.

30.08.1997. Die gleiche Übelkeit beim Aufstehen, wie gestern Nachmittag. Dazu Magenschmerzen.
Ich werde nicht nachhause gehen können. Ich rase im Zimmer auf und ab. Trinke Fencheltee.
Kein Ergebnis. Zuhause erwartet man mich.
Und am Montag wird Hermann fragen, wie es war. Ich muss mich hinauswagen.
Wie im Trance gehe ich bis zum Bus. Der Fahrer vergisst zu nörgeln, dass ich einen Zwanzigmarkschein hervorziehe und kein Kleingeld habe. Das ist schon eine Erleichterung und ich fühle mich gleich besser.
Im Vergleich zum vergangenen Mal bin ich nicht so entspannt. Es kostet mich Überwindung, still zu sitzen. Am liebsten würde ich aussteigen, aber in einer fremden Umgebung würde ich eher eine Panikattacke bekommen.
Am Olivaer Platz biegt der Bus ab. Schon wieder ein Straßenfest. Erst an der Uhlandstraße kommt er wieder auf die gewohnte Fahrstrecke.
Ich entschließe mich plötzlich auszusteigen und die U-Bahn zu nehmen. Ein Lambada sämtlicher Symptome bringt mein Herz zum Rasen. Vier Stationen muss ich durchhalten.
"Bei Stromausfall Ruhe bewahren!" steht auf einem Schild. Ja, Ruhe bewahren. Ich werde Ruhe bewahren.
An der Kurfürstenstraße steige ich aus dem Loch unter mir in das Loch in mir. Das Treppenhochsteigen hat mir die Luft genommen.
Atmen, atmen.
Die Handtasche fliegt von einer Hand in die andere. Ich fummele mit den freien Fingern wie Halt suchend in meinem Gesicht herum.
Meine Nase ist da. Ich rieche die Straßen. Ihr Geruch nimmt mir meinen letzten Halt.
Noch fünf Häuser entfernt mein Ziel. Gott, ist das weit weg!
An der Eingangstür steht Frau Maxim. Ich weiß, sie wird mir ihrer schrillen Stimme gleich "Frau Niki" rufen und mich in ein endloses Gespräch verwickeln. Doch mein Gesicht muss ihr die Freude am Schwätzen genommen haben. Sie sagt nur guten Morgen.
Als ich endlich die Wohnung betrete, weiß ich, dass ich gleich Paul loben muss, weil er alles Porzellan beiseite geschoben hat und auf den Schränken Plattenspieler und Radios, die er von den Mietern bekommen hat, zur Schau gestellt hat. Weil er das Schrankbett dunkel eingebeizt hat und das jetzt wie der Eingang in die Unterwelt anmutet.
Das Zimmer sieht wie ein Trödelmarkt aus. Die neu installierte Neonröhre über der Küchentür verbreitet eine schummrig- schaurige Atmosphäre über die ganze Antiquität meiner Einrichtung. Jetzt warte ich nur noch, dass Hades aus der Tür zur Unterwelt tritt, um mich persönlich über den Styx zu begleiten.
Ich muss nichts sagen. Er kennt mich. Er sieht in meinem Gesicht die Betroffenheit, die Enttäuschung.
"Ich wusste es. Nichts was ich mache, gefällt dir."
Er wird es nie begreifen, dass mir nur das nicht gefällt, was kaum jemandem gefallen würde.
Ich kann ihm nicht widersprechen. Ich habe versucht, die Wohnung so hell wie möglich zu gestalten und jetzt sitze ich in einer urzeitlichen Höhle.
Er flüchtet in den Keller. Lässt sich lange nicht sehen. Später kommt er zurück, legt sich auf die Couch und wirft mir vor, dass ich ihn überhaupt nicht beachte. Dass er Luft für mich ist. Dass die in der Klinik mir sicherlich schon suggeriert haben, ihn zu verlassen.
In diesem Moment nehme ich mir vor, die Therapie abzubrechen. Es hat keinen Sinn all den Psychounsinn mitzumachen, wenn vielleicht die Trennung von ihm tatsächlich die Lösung allen Übels wäre.
Zugleich weiß ich, ich ziehe das doch nicht durch. Und ich werde nie wissen, warum. Auch kein andrer Mensch wird mir etwas Konkretes sagen können über diese Machtlosigkeit, mich von ihm zu trennen. Alles wären nur Vermutungen. Und ich vermute, ich will nichts mehr vermuten.

31.8.1997. Ich kann lange nicht einschlafen. Dann doch.
Um 3:00 Uhr morgens wache ich auf. Uta schnarcht. Ich kann nicht wieder einschlafen. Werfe meine volle Mineralwasserflasche um, klatschte, huste, raschle mit Taschentüchern, schiebe das Nachtschränkchen mit dem Fuß polternd an die Wand. Nichts hilft. Uta schnarcht weiter. Sie schnarcht auf dem Rücken liegend, Sie schnarcht, ob sie rechts oder links liegt. Ununterbrochen.
Als Schwester Petra: "Frühstück", ruft, habe ich das Gefühl, ich hätte einen Frachter entladen.
Uta gähnt, als hätte sie die Nacht durchzecht.
Dann geht das alltägliche Ritual los. Sie zündet die drei Teelichter an, die mich höllisch blenden, hustet mir dreimal über das Frühstücksei und als mein Magen sich 360 Grade in sich gedreht hat, wünscht sie mir leutselig einen guten Appetit.
"Du hast einen guten Arsch", verkündet sie später. In Rumänien hätte ich ihr eine gescheuert.
"Hast du nicht gesagt, du bist Pastorin? Und dir fällt an mir nichts weiter auf als mein plattgedrücktes Hinterteil?"
"Nicht vergessen, ich steh auf Frauen", zwinkert sie mir zu.
Gott muss mittlerweile auch mit Irokesenhairstyle und zerrissenen Jeans herumlaufen, wenn er ihr in der Kirche nicht die Kanzel unter ihren Füßen wegschießt. Ist mir egal, welche sexuellen Vorlieben sie hat. Nur dieses taktlose Zurschautragen hätte ich einer Pastorin nicht zugetraut
Telefoniere kurz mit Paul. Es gelingt mir, ihn auch etwas aufzumuntern. Ich möchte nicht, dass er morgen betrübt zur Arbeit geht und dort alle anfaucht.
Lora kommt mich besuchen. Am Hagenplatz essen wir Eis, spazieren dann bis zum Hasensprung. Am Rückweg sitzen wir noch lange Zeit im Garten der Harteneck Villa.

01.09.1997. Tragischer Autounfall der Prinzessin Diana. Es läuft mir eiskalt über den Rücken. Wenn junge Menschen sterben müssen, denke ich stets gleich auch an die eigenen Kinder.
Welch ein Schmerz für die Hinterbliebenen, für ihre beiden Söhne.

07.09.1997. Ich sehne mich nach meiner Arbeit. Der Dreck, der zuhause auf den Fluren liegt, der Staub, die Spinnweben, lassen den Wunsch aufkommen, möglich schnell wieder Ordnung in das Haus zu bringen. Meine Vertretung gibt sich überhaupt keine Mühe, das zu tun.
Ich fühle, ich könnte es schaffen, auch ohne Pauls Hilfe.

09.09.1997. Tiller hat den großen Tisch im Keller mit weißem Papier bedeckt.
Wir sitzen alle um den Tisch, auf unseren angestandenen Plätzen. Und sollen mit Fingerfarben malen, was uns in den Sinn kommt. Dabei sollen wir keine Rücksicht nehmen, ob wir zu weit in des Nachbarn Revier durchgedrungen sind. Wir können selbst über die Zeichnung unseres Nachbarn drüber zeichnen.
Erstmals im Leben mit Fingerfarbe arbeiten, macht mir Spaß. Ich schmiere drauflos. Erst planlos, dann merke ich, dass mein Geschmiere wie Wasserpflanzen aussieht. Gezielt male ich noch einen Fisch dazu, der an den Pflanzen schnuppert. Paar Wasserperlen, bisschen Wellen. Fertig mein Bild, ohne, dass ich mehr Platz brauche, als den vor mir.
Als wir alle fertig sind, sollen wir die Plätze tauschen und uns immer jeweils einen Platz nach rechts weiter setzen.
Ich komme auf Martinas Platz zu sitzen.
Vor mir breitet sich ein Gewimmel von Fingern aus. Finger, die wie abwährend alle in meine Richtung zeigen, also auf den Platz, wo ich vorher saß.
Ich weiß, dass ich mit Martina nie ein Wort gewechselt hatte. Sie schien mir zu abweisend zu sein, zu sehr von sich selbst eingenommen. Ich fand es nicht wichtig, mich mit Leuten abzugeben, die mich scheinbar nicht mochten.
Doch dieses Bild ist wie ein Schlag ins Gesicht. Wie eine ausgesprochene Drohung und Geringschätzung.
Ich könnte laut losheulen.
Kann mich kaum an das erinnern, was weiter geschieht, weil ich nur noch mit Martina beschäftigt bin.
Später klage ich mein Leid Hermann.
Er holt eine Mappe hervor, sucht etwas drin und reicht mir wortlos eine Seite mit folgendem Text rüber:

"Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Vielleicht hat er die Eile nur vorgeschützt, und er hat was gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts getan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht´s mir wirklich. - Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch bevor er "Guten Tag" sagen kann, schreit ihn unser Mann an: "Behalten Sie Ihren Hammer".

Ohne Hermann mein Gesicht zuzuwenden, schiele ich zu ihm rüber.
"Ich habe verstanden und schäme mich."
Es ist mir klar geworden, dass ich mich in meine eigene Fantasie verloren hatte, wie wahrscheinlich schon so oft im Leben. Und ich begreife auch langsam, dass jeder eine eigene Meinung vertreten darf.
Selbst wenn Martina mich nicht mag. Es ist ihr Empfinden und ich kann mir deswegen keine Vorwürfe machen oder mich auch gleich schuldig fühlen.
Mein zweites Aha-Erlebnis nach den "langen Armen."

15.9.1997. Ich war am Freitag zuhause. Habe das Haus geputzt, die Fenster gereinigt, die Wohnung gesäubert und in Ordnung gebracht.
Am Samstag war ich allein bei der Sparkasse, um Geld abzuheben. Die Automaten streikten. Früher wäre ich in Panik geraten. Jetzt wagte ich einen Spaziergang bis an die Bülowstraße. Zur Sparkasse zurückgekehrt, war der Automat wieder in Ordnung. Ich ging einkaufen und das ohne besondere Emotionen. Ein tolles Erlebnis.

Rosina hat sich verabschiedet. Sie will nicht mehr bleiben. Packt alle Plastiken in eine Kiste und geht in den Keller, um ihre zuletzt gebrannte Figur aus dem Ofen zu holen.
Mir fallen fast die Augen aus dem Gesicht. Die Plastik sieht wie ein Fötus aus. Wie ein Alien in einer Fruchtblase. Und, ich glaube kaum, was ich sehe. Sie ist weiß glasiert.

Finde es lächerlich, trotzdem erzähle ich Hermann meinen Traum, der mich noch immer beschäftigt.
Ich stand vor einer Höhle. Drinnen suchten Menschen nach irgendetwas. Vor mir kniete ein Mann. Er schaufelte eine Kugel aus der Erde, die mit einem morschen Netz umhüllt war. In diesem Netz verfangen lag auch ein lederner Schmuckbeutel. Er rief: "ich habe das Ding!" Da ergriff ich den kleinen Beutel und lief davon. Die Meute hinter mir her. Ich stand plötzlich in einem Raum und dann in einem Fensterrahmen. Wollte hinunter springen. Unten im Garten waren viele Menschen versammelt. Ich wusste, wenn ich springe, fange sie mich auf. Ich sprang. Sie fingen mich auf und alle freuten sich um mich herum.
Als ich aufwachte, sagte ich mir, gestern wohl zu viel von dem Brathähnchen und den Pommes frites gegessen.
Hermann sagt:
"Sie hatten einen Schatz gefunden und die Klinik hat sie aufgefangen, damit sie diesen Schatz behalten dürfen. Der Schatz ist ihre Herzenswärme, ihre gesunde Art zu denken, ihre positive Ausstrahlung auf andere Menschen. Halten Sie diesen Schatz ganz fest und geben Sie ihn nie wieder her. Ich wünschte mir, alle meine Patienten hätten so einen Schatz. Dann könnte ich ihnen leichter helfen. Manche werden ihn vielleicht auch finden, an ihn heranreifen, andere werden nicht mal begreifen, dass es ihn gibt."
Ich empfinde diese Worte jetzt nicht als Traumdeutung, sondern als eine schöne Bemerkung am Rande. Ein wunderschöner Schnörkel auf einem Blatt meines Lebens.
Mit diesem Gefühl gehe ich spazieren und genieße den Spaziergang in vollen Zügen. Ich genieße das Heute, denn was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen. Wo doch ein jedes "morgen" auch ein "heute" ist.

Ein Jahr später.

Seit meiner Therapie, habe ich mein Tagebuch nicht weiter geführt. Irgendwann habe ich mir gesagt, das sieht ja wie eine Krankenakte aus.
Mein neuer Hausarzt hat herausgefunden, dass ich an schwankendem Blutdruck leide und meine Kopfschmerzen und Schwindelanfälle vom hohen Blutdruck kommen. Die tägliche Einnahme von blutdrucksenkenden Mitteln hat mir das deutlich bewiesen.
Also mindestens zehn Jahre lang wurde ich von einer Psychotherapie zur nächsten gereicht, bis ich selbst dachte, ich sei völlig  durch den Wind und nie wieder therapierbar. All die Psychopharmaka, die ich geschluckt habe, war unnötiges Gift, hat mir meine Kräfte, meinen Willen gebrochen. Ich kann behaupten, die Psychotherapie hat mich auf Wege gebracht, die ich ohne sie nie kennen gelernt hätte. Sie hat mir Ängste eingeredet z. B., die nichts als eine Antwort auf meinen steigenden Blutdruck waren, wenn ich überarbeitet oder übermüdet war, wenn ich mich zu sehr aufgeregt hatte, wenn ich Verdauungsbeschwerden hatte. Und diese Ängste haben sich so in mir festgesetzt, dass ich nicht weiß, ob ich sie je wieder ganz aus meinen Zellen bannen kann.

Habe unsre Wohnung neu möbliert. Helle, schöne Möbel haben einen neuen Glanz in unsere Hütte gebracht.
Mein Leben ist kein Rafting, keine Extreme. Es ist weiterhin ein Dahinplätschern. Wie bei den meisten Menschen .
Meine Verwandlung in einen selbstbewussteren Menschen hat in dem Augenblick begonnen, als ich mich an diesem 08.09.1992 in die Fremde getraut hatte. Ich konnte diesen neuen Menschen in mir nicht akzeptieren, weil er selbst denken musste, selbst handeln musste, selbst entscheiden musste. Weil er umdenken musste und sich an eine neue Mentalität annähern musste. Dem ich misstraute. Ich bin nicht so geworden, wie es anderen oder mir selbst gefällt, sondern so, wie mich das Leben selbst verbogen hat.
Ich habe verstanden, dass ich, wenn mir dieses Leben genügen soll, kein anderes erträumen darf. Und wenn ich mir mal ein anderes wünsche, es nur erreichen kann, wenn ich etwas dafür tue.
Erstmals nehme ich es so an, wie es sich mir bietet. Energie für mehr ist nicht drin.

Andere Menschen waren in meinen Augen seit meiner Kindheit vollkommen. Im Vergleich zu mir, perfekt. Ich sah über ihre Eigenmächtigkeiten hinweg, oder sie fügten mir Schmerzen zu, aber sie verloren nicht an Wert in meinen Augen. An allem, was sie an mir auszusetzen hatten, auch wenn ich im ersten Moment betroffen oder verärgert war, nahm ich die mir zugesprochene Schuld an. Ich musste bloß einmal drüber schlafen und schon war ich geneigt, alles zu vergessen und vergeben, weil sie, die anderen, alle Recht hatten. Ich nie.
Manche verstanden es instinktiv sehr gut, mir Schuldgefühle einzureden. Und ich war ein nahrhafter Boden für allen Unsinn, den ich zur erstrebenswerten Perfektion erklärte.
Jetzt weiß ich, dass ich nie sein kann, wie andere Menschen es sind. Aber auch, dass ich mich nicht von anderen nach ihrem Gutdünken umfunktionieren muss.
Ich kann nicht Ebenbild eines anderen Menschen sein, weil es nicht möglich ist. Jeder von uns hat einen eigenen Metabolismus, eigenen Charakter, eigene Lebensumstände, ein anderes soziales Umfeld. Wir können voneinander lernen, uns anpassen, versuchen, andere Menschen zu verstehen. Aber wir können andere nicht kopieren und auch nicht ummodeln.
Ich habe gelernt, dass ich ein eigenständiger Mensch bin, meine persönlichen Merkmale einmalig sind und dass ich mich selbst in meinem eventuellen Anderssein so akzeptieren muss.
In Erwartung, dass ich irgendwann den idealen Partner finden werde, habe ich mich immer selbstkritisch gefragt, ob ich denn selbst die Eigenschaften eines idealen Partners habe. Und nur die ehrliche Antwort wahrscheinlich hat mich an der Seite meines Mannes ausharren lassen. Ich empfand ihn oft so fern von mir, so fremd. Vielleicht auch, weil ich zu wenig nachgefragt habe, wie es ihm geht. Und was er sich erträumt.
Jetzt habe ich auch im großen Maße meine innere Freiheit erlangt, um endlich ich selbst zu sein. Ok, das dann auch dank der Psychotherapie! Die hat  auch was Positives in mir ausgelöst. Ich kann sagen, ich finde mich in meinem eigenen Ich besser zurecht und kann vieles zurecht rücken, das sich früher unbeachtet in mein Unterbewusstsein eingeschlichen hätte und das bei einem gesunden Erwägen dort keinen Platz gefunden hätte.
Ich kann mich endlich auch wehren. Ich kann Menschen sagen, wenn ich nicht einverstanden bin mit etwas, das mir nicht in den Kram passt. Ich werde es aber nie zu wegen bringen, Menschen eine Wahrheit ins Gesicht zu schleudern, nur weil es mir so gefällt. Wahrheit um jeden Preis wird auch ab jetzt nicht gelten, weil ich vor jedem Menschen eine Achtung habe und mich nicht berechtigt fühle, jemanden zu beleidigen, nur weil ich dazu in Stimmung bin oder die Wertigkeit der Tugenden nach ultrapersönlichen Gutdünken interpretiere. Menschen, die behaupten die Ehrlichkeit und die Wahrheit sei eine absolute Tugend, sind meinem Geschmack nach die Rücksichtslosigsten. Wenn ich in meinem Leben ehrlicher gewesen wäre, und ich behaupte auch, ich schätze Ehrlichkeit, wäre es mir persönlich sicherlich besser ergangen, aber dabei hätte ich sehr viele Menschen verletzt. Ich glaube nicht, dass ich all die Notlügen, für die ich meine "Ehrlichkeit" geopfert habe, bereuen muss. Ich hätte meine  Mitmenschen nicht vor Ärger bewahrt, wenn ich meine "Wahrheit" als solches preisgegeben hätte. Denn, wer behauptet die ultimative Wahrheit zu besitzen? Es gibt soviele Wahrheiten, wieviele Schicksale es gibt. Und diese Erkenntnis trägt auch zum Dezimieren meiner Schuldgefühle bei, die ich wie ein schweres Bündel mit mir schleppte. "Sünden", die in ihrer Banalität praktisch nie welche waren.
.
Dieser Spruch, "der Weg ist das Ziel", ging an mir immer klanglos vorbei, ohne mich zu tangieren. Ich habe stets erwartet, anzukommen. Jetzt weiß ich, dass man im Leben nie ankommt. Anzukommen, ist die falsche Erwartung. Es geht immer weiter, es verändert sich alles und man kann nicht sagen, dass man endgültig ein Ziel erreicht hat. Dass man seinen Traum verwirklicht hat. Denn Träume haben es so an sich, Alltag zu werden, wenn die Wirklichkeit sie berührt.

Ich war immer auf der Suche nach einer Heimat. Eine, so wie ich sie erträumt hatte, habe ich nicht gefunden. Vielleicht gibt es sie auch nicht. Ich begreife, dass Heimat Gefühl ist, nicht unbedingt ein Ort, an dem man leben möchte. Es ist ein Gefühl, das Bilder entstehen lässt, die man so in der Realität nicht wiederfindet. Heimat ist, zumindest in meinem Fall, die Erinnerung an mich selbst und an das, was und wer ich mal war. Und Heimweh ist eine schwere Krankheit, die man nur heilen kann, wenn man in der Gegenwart angekommen ist. Und das bin ich einigermaßen.
Trotzdem bin ich zuhause. Zuhause da, wo alle Wesen zuhause sind. Auf dieser wunderschönen Welt, die niemandem und allen gehört.

Das Leben wird weiterhin ein steter Kampf bleiben, wie bei allen anderen Menschen auch. Ich werde es lieben und hassen und vielleicht insgeheim täglich auf ein neues Wunder hoffen. Denn Wunder soll es immer wieder geben. Und am schönsten sind die, die der Zufall dir offenbart, wenn du nicht mehr die Kraft hast, selbst welche zu gestalten.
Oder, ich werde irgendwann begreifen, dass das größte Wunder die Einsicht ist, dass man das Wunder gar nicht mehr braucht. Man trägt es doch von Anfang an in sich. 
Und dieses Wunder heißt Leben.
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ENDE
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P.s: ACHTUNG! 
Falls es jemand bis hierher schafft, oder zuerst hier reinschaut -das Geschreibsel ist 100% Erlebtes, nicht korrigiertes Material, da meine Augen dazu nicht bereit sind, alles nochmal durch zu lesen; nichtlektoriertes Material, da mein Geldbeutel es nicht erlaubt, Lektoren die Miete zu bezahlen. Also wimmelt es wahrscheinlich an orthographischen Fehlern, Formfehlern, Formatierungsfehlern, unklaren Satzformulierungen, usw.