.

20.6.26

Die Hüterin der zwei Zimmer


Die Hüterin der zwei Zimmer


In mir wohnen zwei Welten, die sich kaum kannten.

Ich bin die Hüterin eines Hauses mit zwei Zimmern. 
Im einen wohnen die, die gegangen sind und meine Nächte 
mit warmen Erinnerungen teilen, im anderen die, die geblieben
 sind und deren Nähe mehr schmerzt, als eine Entfernung.

Beide Räume sind erfüllt von Leben, beide von Liebe. 
An die eine klopfe ich gerne an, weil sie mich liebten,
 an die andere nicht mehr, weil ich dachte, 
dass sie mich lieben. Doch sie teilen etwas, 
das mir gehört: den Schmerz.

So wandern nur die Gedanken durch all die Leere, 
die zu groß für Schritte und zu still für Stimmen ist.



Lisa Nicolis

19.6.26

Die Kette



Die Kette


Durch meine Vorfahren hab ich das Leben erreicht. 
Ströme der (Un-) Menschlichkeit, die mich durchfließen, tragen 
das Gen der Vergangenheit und der Kreis wird sich so 
niemals schließen. Mein Sein -ein Echo aus ferner Zeit, 
ein Hauch in der Vergänglichkeit.

Ihre Geschichten kreisen leis mir im Geist. 
In meiner Zelle ruht die Essenz, die millionen 
Jahre schon reist, durch Herz und Blut,
Geschichten von Eis und von Glut. Geschichten 
von Leben, von Kampf und vom Wandel der Zeit, 
von Schmerz, von Liebe und
Leid, von Gefahren und von Beständigkeit.

So weben sich Fäden aus aller Zeit um mich und in mir,
 in Frieden und Streit, noch im Heut. Bin ein Teil eines 
ew' gen Geflechts und Verwebens. Millionen von Ahnen bestimmen
auch jetzt noch ein Teil meines Lebens.



Lisa Nicolis


18.6.26

Momentaufnahme



Eine Momentaufnahme


Was alles liegt in meinem Herz begraben,
verwelkt in über dreißigtausend Tagen.
Ein Friedhof ist mein Herz und kann bekunden
den Schmerz von vielen hunderttausend Stunden.

Und suchte ich das einzig Wunderschöne,
finde ich nur die Enkeln und die Söhne.
Und sitz ich mal allein in meiner Stube
streue ich Rosen auf die Mördergrube.

Auf Garantien sollte man niemals warten,
so pflege einfach deinen Herzensgarten.
Dann wird's für trübe Stunden Rosen geben,
sie nähren sich von Dankbarkeit zu leben.



Lisa Nicolis

17.6.26

Die Geheinmisvolle



Die Geheimnisvolle 


Aus einer Wunde, gläsern, blaut
ein Schweigen, alt und doch vertraut.
Es scheint der Riss durch Stein und Zeit,
ein Zeichen voller Ewigkeit.

Dahinter, halb verborgen nur,
als wärs der Zeiten ferne Spur,
die Frau mit königlichem Blick,
voll Sternenstaub und altem Glück.

Es weiß wohl niemand, wer sie war,
ob Königin, Geist, Avatar.
Doch jeder, der sie einmal sieht,
nimmt ihren Blick im Herzen mit.


Lisa Nicolis


Oje! Heute ist der Text zum Bild recht schmalzig. Ich empfehle nach dem Lesen eine Bullrichsalztablette.
 

16.6.26

Gepflücktes Sein



Gepflücktes Sein


Als hätt der Tag noch diesen Strauß gepflückt,
der fiel ihm aus dem abendmüden Händen.
Die Dämmerung berührt ihn ganz entzückt,
um all die Farben in den Wind zu senden.

Mit rot betupft sie's Gold der Abendstunden,
das Blau haucht sie in alle Fernen hin,
das Weiß der Margeriten ist im Dunkeln
wie einer hellen Sehnsucht leicht getrübter Sinn.

Der Rest der Farben sickert in die Erde,
sie welken rein bis in das nächste Jahr
und werden Feld, damit es wieder werde,
wie es auf dieser schönen Welt schon immer war.



Lisa Nicolis

15.6.26

Das Heutebild


Das Heutebild


Ich will dir hier ein kleines Bildchen zeigen.
Die Farbenpracht ist ihm wohl nicht zu eigen
und es erzählt auch keine Heldensagen,
lässt sich von Schlichtheit und von Würde tragen.

Es schenk dir ein paar Steine und um jeden,
zur Freude noch, paar zarte, gold'ne Fäden,
damit kannst du die Blumen leicht verbinden.
Wenn du sie suchst, kannst du sie sicher finden.

Es zeigt 'nen großen Riss im großen Ganzen,
paar Wellen übers Nichts leichtfüßig tanzen.
Weckt, hoffe ich doch etwas Poesie
in deiner so brillanten Fantasie.


Lisa Nicolis

13.6.26

In der Puszta


In der Puszta


In die Stille eingebettet
wiegen sich die goldnen Ähren
und am Fluss, an Pfahl gekettet,
schaukeln gluckernd alte Fähren.

Kornblumen sich blau verirren
in der Halme sonn’gen Schimmer
und Libellen friedlich schwirren
durch des Mittags Lichtgeflimmer.

In der Schwüle, ganz benommen,
gähnt der Mohn in müden Flammen.
In der Ferne, leicht verschwommen,
fließen Himmel, Erd’ zusammen.

Überm Fluss dringt leises Lachen
und verliert sich in den Weiden,
die den Steg kühl überdachen,
wie im ewiglichen Leiden.

”Böser Mann! Bist du durchtrieben!
Sollst das Boot ans Ufer bringen!”
”Wenn wir uns dort feurig lieben,
könnt die Glut das Land verschlingen!”


Lis Nicolis

 


12.6.26

Träumender Junge


Träumender Junge

Aus meinem Bild fließt nun das Meer,
es gibt auch keine Wände mehr.
Die Schiffe aus Papier, ganz leicht,
segeln dorthin, wo's Träumen reicht.

Ich schaue gern dem Treiben nach,
die Welt wird weit, das Zimmer wach.
Und ist der Horizont noch fern,
die Fantasie erreicht ihn gern.

Hätte ich nicht des Träumens Kraft,
die Wunder aus dem Alltag schafft,
dann blieben meine Schiffe hier
und fänden nie den Weg zu dir.


Lisa Nicolis

 

11.6.26

Mohnblumen


Mohnblumen

Der alte Rahmen hing im Dunkeln schwer,
als trüge er sich müd ans Wunderbare,
denn hinter seinem Gold begann das Meer
des Mohns. Schon aufgelöst im Lauf der Jahre,

fließen die Blüten sanft hinaus ins Land.
Das Dasein neu gestalten ist ihr Wille,
fliessen aus diesem strengen alten Rand,
vergessend all die aufgemalte Stille.

Verlaufen sich im Gras, ins Feld hinein
und färben all die Fluren wärmer, bunter.
Das alte Bild, das hängt nun ganz allein,
so hänge ich den Rahmen wieder runter.


Lisa Nicolis


Dunkle Stunden



Dunkle Stunden


Vergangenheit hat so viel Raum,
an Zukunft will sich kein Gedanke finden,
und so kann sich mein Leben kaum
an meine Gegenwart noch binden.

Vergangenes hat sich entfernt,
die Trauer ist nur so präsent geblieben,
auch hat sich jeder Wunsch entkernt,
der Zukunft Bausubstanz zu schmieden.

Mag sein, es ist 'ne dunkle Zeit
und morgen traut das Wort ganz andren Wegen,
ich bin für Änderung bereit,
komm von der Traufe in den Regen.


Lisa Nicolis

Meine Gedichte sind oft nur an die Bilder gebunden, nur wenig ich selbst.