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5.8.26

Seit Jahren sind wir gut gefahren

 


Seit Jahren sind wir gut gefahren


Sie: "Komm, alter Mann, heut geh'n wir aus, 
wir gehen mal spazieren... 
Ach nee, mein Rollstuhl kam ins Haus, 
wir rollen jetzt auf Vieren."

Er: "Ich möchte gerne mal kaufen geh'n 
wieder an frische Quellen, 
möcht Edeka von innen seh'n 
und nicht immer bestellen."

Sie: "Ich möchte lieber in den Park 
und Kinder lachen hören, 
mich frei bewegen und autark 
an Luft und Licht betören."

Er: "Ich wusste es, was jetzt hier kommt, 
du wirst die Herrschaft führen 
und ich soll dann auch wieder prompt, 
nur nicken, mit dir spüren." 

*** 
So war's schon immer, Mann und Frau 
können im Zank sich schier zerreißen. 
Doch wird demnächst ein neues "Au" 
sie eh wieder zusammenschweißen.



Lisa Nicolis

4.8.26

Der Silberrahmen



Im Silberrahmen


Ich liege auf dem Sofa, liebe Kinder, 
und starr die Wand vor mir nichtsahnend an. 
Da hängen ewig zwei ovale Bilder,  
rechts eine Frau, ganz Rokoko, versus ein Mann.

Im Silberrahmen eins, mit blonden Haaren, 
trägt sie verträumt ihr wunderschönes Kleid, 
im andren Rahmen, schon seit vielen Jahren, 
steht er charmant, erstarrt in Flair und Schneid.

Da denk ich mir -wie trist verläuft ihr Leben. 
Sind beide hier so lange schon allein, 
da möcht ich plötzlich nach der Lösung streben, 
für beide eine zarte Brücke sein.

KI, komm zaubern wir mal was zusammen, 
das Wunder einer süßen Einigkeit, 
wir sprengen jetzt die silbrigfeinen Rahmen 
und schon sind sie, wie sich's gehört, zu zweit.

Seitdem, ich glaub', man kann es nur erahnen, 
wenn sieben Himmeln Sterne tragen, 
geht's nachts, 
ganz leis von Rahmen hin zu Rahmen: 
»Madame?« 
»Monsieur?« 
»Darf ich es wieder wagen?"

Dann küsst er ihr, vor'm ersten Morgenstrahlen,
die zarte Hand, den neu gefund'nen Schatz,
und jeder kehrt zurück in seinen Rahmen.
und hängt wieder an seinem stillen Platz.


Lisa Nicolis

3.8.26

Die Bank am Rand der Stille


 

Die Bank am Rand der Stille


Kann man den Schmerz verdrängen,
wenn unser Auge ihn nicht sieht?
Kein Fluss trägt unser Leid davon,
doch weiß der Himmel,
dass man sich auch 
im Dunkeln nicht verliert. 

Vielleicht sind unsre Wunden Risse,
worin das Licht erst übt,
den Weg zu finden.
Denn aus der Tiefe
sieht man ihn erst klar.

Und auch die Erde,
die unter unsren Füßen,
schweigend ruht
und uns Zuhause ist,
weiß längst,
dass keine Nacht
den Morgen je vergisst.



Lisa Nicolis

2.8.26

Die kleine Waldfee



Die kleine Waldfee


Der Wald hat Puls, 
der Wald hat Herz 
und schau, 
wie's in den Kronen blinkt 
im Licht der kleinen Zauberin, 
das jede Blume dankbar trinkt.

Kein Strom und keine Leitung ist's, 
kein Schalter steht auf weiter Flur. 
Es ist ein fröhliches Gesicht 
mit eines Lächelns zarter Spur. 

Sie steht im Himmel, schwerelos, 
und lebt den duft'gen Blütentraum. 
Um sie herum schmückt ihr das Kleid 
ein leicht verträumter Wolkensaum.


Geh nicht! Schau ihr ein wenig zu, 
sie fliegt wie'n Falter gleich hinaus. 
Für dich war sie ein Lichtmoment, 
doch erdenfern ist ihr Zuhaus.


Lisa Nicolis


1.8.26

Zwischen den Linien


 
Zwischen den Linien


Suche hier kein Gesicht. 
Suche den Ort,
an dem die Oberflächen
vom Leben dir Geschichte zeichnen
Jedes Fragment ist ein Moment, 
und jede Linie Erinnerung, 
die sich durch's Mosaik 
der menschlichen Erfahrung zieht.

Geometrie des Fühlens. 
Wo die Erinnerung nur Auge ist,  
der Mund bereits das Schweigen.
 
Die Welt wurde von jemand
hier still umgebaut. 
Aus Rechtecken. 
Aus Schatten. 
Aus Entscheidungen.

Das Auge 
hatte sich geweigert, 
Geometrie zu werden.  
Es sieht 
durch jede Schicht hindurch. 
Als wüsste es, 
dass wir im Grund
 Baustellen sind. 
Mit Räumen, 
die nie fertig werden. 
Mit Türen, die
wie ich es kenne,  
von innen nur zu öffnen sind.
 
Vielleicht 
besteht die  Schönheit  
 nicht darin,  
Vollkommenheit zu sein. 
Sondern darin, 
dass drin das Licht 
immer die Spalten findet,
um warm nach außen hin 
zu leuchten.



Lisa Nicolis

31.7.26

Morgenfrische

 

Morgenfrische


Parkweit grünt wieder Idylle, 
Wasser zelebriert die Stille. 
An den seichten, 
dunklen Stellen, 
Enten zieh’n ovale Wellen.

In vertauter Morgenfrische 
Fische 
schnell’n aus Wasserkreisen, 
um eine Mücke zu verspeisen.
 
Wie von Sinnen flitzen 
dürre Wasserspinnen, 
ich würde sagen, 
etwas krasser, 
wie einst Jesus 
übers Wasser.

Auf halber Strecke, 
ruft 'ne Schnecke, 
hinein in diese Morgenröte, 
zum kleinen Frosch: 
Halts Maul, 
du Kröte!

Dann kommt 
auch diese Morgenstunde 
mit Mensch... 
und noch einer... 
und Hunde.

Wer Ruhe will, 
muss früh aufstehen, 
bevor die Hunde 
Gassi gehen 
und Schnecken 
sich vom Fröschequaken  
 erschrecken.


Lisa Nicolis


30.7.26

Zwischen den Welten

  


Zwischen den Welten



Vielleicht ist jeder Ort,
den ich erstrebe, 
nur ein Gedanke,
der lange einst
die Welt geträumt hat.

Nicht alle Brücken,
die ich gehe,
sind purer Stein,
sind einfach aus
"Was wäre, wenn ..."
das ich nie
ausgesprochen habe.

Ich mach mich 
auf den Weg.
Nicht unbedingt,
um anzukommen.
Ich geh,
damit die Sterne
unterwegs mich
neu erfinden.

Aus Wolkenvlies
bricht vages Licht,
das mir 
zu neuen Rätseln hin
Konturen zeichnet.

Und irgendwo
hinter dem goldnen Horizont
gibt es vielleicht 
auch keine Antwort.
Nur eine Tür,
die neu sich öffnet,
sobald ich wagen kann,
an sie zu glauben.



Lisa Nicolis

29.7.26

Es kracht

 


Es kracht


Ist hier ein Geist in meinem Schrank,
oder mein Schrank ist geisteskrank?
Krachen die Knochen von dem Geist?
Kann sein, dass mir der Schrank verschleißt?

Oder es liegt heut wieder nur,
am Wechsel der Temperatur.
Egal, was immer da auch kracht,
so witzig ist das nicht bei Nacht.

Ach ja, ich mach das Fenster zu,
dann hab ich sicherlich mehr Ruh,
denn immerhin, für'n August schade,
sind's heute Nacht bloß 13 Grade.



Lisa Nicolis

28.7.26

Nachtschaltung


Nachtschaltung 

(Ode an den Bewegubgsmelder) 


Die Nacht hat ihre Stimme längst verloren, 
der Mond verbirgt sich irgendwo im Blau. 
Der Baum vorm Fenster steht in Nacht verloren, 
als wär er bloß Erinnerung aus Grau.

Dann plötzlich Licht. Ein Atemzug aus Helle 
legt Silber auf die Zweige vor dem Haus. 
Der Baum hebt seine Äste auf die Schnelle, 
als tanzte lautlos er 'n Gebet hinaus.

Ich suche erst humane Scherenschnitte, 
ein heimliches Vorüber in der Nacht. 
Doch niemand ist's, als Wind mit wildem Schritte, 
der mit den Ästen seine Späße macht.

Die winken dann dem wachsamen Sensoren, 
der eifrig seinen Auftrag ruft herbei. 
Natur düpiert die Technik unverfroren 
-und ich erschrak, dass da ein Räuber sei.



Lisa Nicolis


27.7.26

nichts ist ...


 

nichts ist... 



diese Wolke 
wie Fantasieblubbern 
aus Himmeln 

 sie gaugelt einen Falken vor 
doch quellt als Hase leicht davon

nichts ist
was es zu sein scheint

und daraus mache ich den Stein 
der mich zum Stolpern bringt 
oder die Sterne 
die ich des nachts 
an meinen Himmel hänge


Lisa Nicolis


26.7.26

Das Gedicht zum Bild



Träumt mich der Wald?


Mein Kopf
trägt nur Gedanken satt
wie Blattgewirr,
lebt nur,
wie Sehnsucht Wurzeln schlägt,
die aus dem Nebel treten
und im Dickicht der Fantasie
verschwinden.

Wo endet hier das Denken,
wenn in mir drin ein Wald beginnt?
Und wer träumt hier von wem,
nur ich vom Wald,
oder der Wald von mir?

Vielleicht
bin ich gar nicht.
Vielleicht ist alles,
was ich Leben nenne,
nur Wald, der mich
wie 'ne Chimäre träumt.

Lisa Nicolis



25.7.26

Sturmesohne



Sturmesohne


Ich wohne, seit ich wohne, 
schon immer sturmesohne. 
Berlin, nah am Ersaufen 
-ich müsst den Sturm mir kaufen! 

Er lässt uns gern links liegen, 
um mehr zentral zu fliegen, 
beginnt, kann man dann sehen, 
'ne Baumallee zu mähen.
 
Dann auch der ganze Schaden: 
'ne Menge Autos baden 
in mancher Unterführung, 
im TV -Voraufführung.

Bei uns -ein fernes Grollen, 
man möcht 'nen Sturm gern wollen. 
Doch scheint's, zu dieser Stunde 
macht er in Britz die Runde.

Ich bitte euch, seit Jahren 
schon ohne Sturmgefahren... 
Da möchte man schon bitten, 
lass krachen es und schütten!

Obwohl... 
den Ahornbäumen und den Eschen 
möcht ich nicht zuseh'n, 
wie sie brechen 
und bleibe da, 
wo ich jetzt wohne, 
halt sturmesohne.


Lisa Nicolis
 
 
"sturmesohne" soll nächstens das Wort des Jahres werden und 
die Dudenisten... Dudisten... also die von Duden dudeln noch,
 ob das Wort da denn dudenfähig ist zum Indudenlieren,
damit es jeder dudenzifizieren kann.