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22.9.26

Am Fluss


 

Am Fluss


Der Herbst sitzt schweigend neben mir, 
sein Atem streift die kahlen Bäume. 
Im Wasser fließt ein Stück von hier, 
dazwischen treiben meine Träume. 

Die Stadt steht grau am andern Rand, 
als hätte sie mich längst vergessen. 
Vielleicht hat sie mich nie gekannt, 
mich unbewusst nur kurz besessen.

Der Fluss nimmt mit, was gestern war, 
zieht unter müden Brücken weiter. 
Ein Windstoß fährt mir leicht durch's Haar, 
ums Herz wird es mir eh nicht leichter. 

Ich bin alleine und ich seh, 
wie Blätter auf dem Wasser treiben. 
Ihr Gehen keimt in mir ein Weh. 
So Vieles ging, ich muss noch bleiben.


Lisa Nicolis


September

 


 
September 
 

Dem Himmel war kalt, ist in Wolken geschlüpft, 
die Bäume nur ziehen sich aus. 
Ihr blattnacktes Fingerwerk sucht nach dem Blau. 
Man ist wieder gerne zu Haus.

Mit Mantel und Mütze da lonht noch ein Weg, 
der Park birgt doch Schätze zu Hauf. 
Es rauscht bunt wie Abschied beim Schlendern durchs Laub,
 es zieht grauer Regen bald auf.



Lisa Nicolis

21.9.26

Herbstmorgen

 


Herbstmorgen

Immer heller fall’n die Stunden 
in des Morgens kühlen Raum, 
färben birkenbleich, benebelt, 
schon den nahen Waldessaum.

Längs der Pfade flüchten Schatten 
in den blattgeschmückten See. 
Ockern welken Gräsermatten 
und es riecht nach Erdennäh. 
 
 
© Lisa Nicolis

20.9.26

Innenstadt



Innenstadt


Schon wieder denk ich mir ein Loch in meinen Kopf, 
so taucht nun diese Stadt da drinnen auf. 
Nicht irgendeine. 
Meine.

Hinter den Augen stehen all die Häuser, 
in denen längst schon niemand wohnt 
und trotzdem geht ein Licht hier abends an, 
ohne dass ich es rufe.

Es führt von Gestern eine Straße 
durch meine Wangen quer. 
Sie hat längst keinen Namen mehr, 
doch kenn ich jede Stufe.

Ich steige oft hinunter 
hin zu mir, 
vorbei an mancher Tür, 
die ich nicht öffne, 
vorbei am Fenster, 
hinter dem ich sitze, 
ganz jung und ahnungslos, 
mit beiden Händen voller Zukunft.

So seltsam, 
wie viel Vergangenheit 
in einen Menschen passt. 
Von außen sieht man nur das statische Gesicht. 
Doch innen fließt noch immer Leben.

Und irgendwo, 
ganz hinten, 
brennt ein Licht.



Lisa Nicolis



19.9.26

Ich war schon mal da


Ich war schon mal da


Ich wollte dich schon löschen,
du bunte, kleine Welt.
Was soll'n die blauen Pilze,
und dieses Märchenzelt?

Was soll ich mit den Feen,
mit Schloss und Flügelschlag?
Die Kindheit liegt so ferne,
seit manchem langen Tag.

Doch plötzlich war da etwas,
das leise in mir sprach,
als würd aus fernen Tagen
mein Kindsein wieder wach.

Ich kannte diese Orte,
den Wald, das fremde Licht,
vergaß nur alle Wege
und dacht', ich brauch sie nicht.

Vielleicht geht nichts verloren
von dem, was einmal war.
Es schläft nur unter Jahren,
ganz still und unsichtbar.

Ein Blick in all die Bilder, 
der Zauber rückt so nah. 
Heut ist mal eben gestern
und ich bin wieder da. 

 

Lisa Nicolis 

18.9.26

Splittergesichter


 

Splittergesichter 
 

Jeder hat mehr als ein Gesicht,
keines davon ist gelogen.

Eins aus dem Heute, 
eins blieb im Gestern zurück, 
ein anderes entscheidet, 
ob es morgen noch werden will.

Sie liegen übereinander wie Glas, 
durchschimmern sich selber.

Wir sind manchmal blaue Tage und 
sind goldene Stunden, 
doch niemals ein Ganzes.

Wir sind Widersprüche
aus Materie und Atem,
aus Erinnerung und Vergessen.

Sind nur Mosaik im Werden, 
Gesicht aus Licht und Schatten, 
aus Splittern, aus Stücken, 
die ihren Platz suchen.
 
Und hinter unseren Augen
dreht die Zeit ihre stillen Räder. 


Lisa Nicolis

17.9.26

Feenwelt


 

Feenwelt

Es hängt noch Gold des Abends in den Bäumen,
der Mond versilbert seine Himmelsbahn.
Der Abend webt schon an den schönsten Träumen, 
das Hasten hält jetzt kurz den Atem an.

Im Schein des Mondes fahl und wie verloren ,
hebt sie sich ab vom abendfinstern Raum.
Ein Wesen, zart, aus Licht und Traum geboren,
schwebt einsam über Ranken, Ast und Baum.

Die Flügel zittern fein wie Spinnenweben.
Der Horizont brennt immer noch in Gold, 
im Wind ein kühles, leises, sanftes Beben,
als hätten sie ihr grad Tribut gezollt.

Ein Schatten nur ist sie im hellen Schein, 
inmitten von Geäst, von Welt und Nacht
und doch könnte sie Hüterin hier sein,
hält für uns alle treue, stille Wacht. 
 
 
Lisa Nicolis 

16.9.26

Ich

 


Ich


Bin heute immer noch die gleiche, 
die ich mit zwanzig war, 
es täuscht die Welt nur immer wieder, 
mein schon ergrautes Haar.

Schon welken herbstlich manche Blätter
von meinem Seelegrün,
doch seh ich all das bunte Treiben,
wie’n Lied an mir vorüberziehn.

Da sind die Takte voller Lachen,
doch andre klingen müd und schwer,
manch einen möcht ich noch einmal,
und manchen lieber gar nicht mehr.

Das Lied wird irgendwann verklingen.
Ich war so viele sicherlich,
doch durch die mir geschenkten Jahre
ging nur das gleiche grade Ich.

So zog mein Leben still vorüber
-ein Lied, das leis und lange klingt,
die Melodie ist gleich geblieben,
auch wenn manch Ton ein wenig hinkt.



Lisa Nicolis


15.9.26

Mit anderen Augen

 

Mit anderen Augen

 

Ein Wald wiegt sich in meinem Angesicht,
es fallen Blätter müde von den Bäumen.
Im Laub da irrt ein letztes warmes Licht,
wird das Gezweige herbstgolden mir säumen.

Ich trage Blumen gern in meinem Blick,
sie schmücken bunt die Tiefe meiner Augen.
Sie schau'n nach vorn und schauen nie zurück
und woll'n dem Herbst noch nicht so richtig glauben.

Es steigen Stufen um mich glatt empor.
Ich weiß es nicht, wohin sie mich noch führen.
Steht irgendwo ganz unsichtbar ein Tor,
wo Lichtblicke die Träume mir berühren?

Die Welt sehe ich gern durch Blumen an
-in rosa müssen sie nicht leuchten, glühen.
Vielleicht sieht man die Dinge klarer dann,
wenn in den Augen späte Gärten blühen.


Lisa Nicolis


14.9.26

Zu KIs rosafarbnen Papiergeschichte


 
Zu KIs rosafarbnen Papiergeschichte
 

Sie trägt Geschichten durch das Leben, 
die mancher Wind ihrer Erinnerung durchblättert. 
Die Wissensblüten flüstern zwischen Zeilen 
und legen Leuchten in die Augen 
und auch das Ungesagte spricht. 

Beflügelt, wie papierne Meisen, 
sind manche Träume, 
die sanfte Brisen in die Ferne tragen, 
doch keiner geht verloren. 

All das, was wird, 
wird noch Geschichten schreiben, 
die auf den Wegen aller Hoffnung, 
 auf sturmerprobten blauen Flügeln,
in jeden Morgen fliegen. 
 
 
Lisa Nicolis 

12.9.26

Zwischen meinen Wänden


Zwischen meinen Wänden



Die Wände scheinen still mit mir zu atmen, 
als würden sie die Zeit gern mit mir teilen. 
Das Licht, das durch das Fenster fällt, 
ist wie ein vorsichtiger Gast, 
der nichts berühren will 
und doch alles verändert.

Die Uhr zählt nicht die Zeit, 
glaub ich, sie streut sie aus, 
wie Staub auf die Gedanken. 
Und manchmal sitzt die Angst mir gegenüber, 
wortlos, und legt die kühle Hand 
auf diesen Tisch hier zwischen uns.

Dann dieser Sonnenstreif, 
der sich auf meine Schulter legt, 
als hätt der Himmel mich 
noch nicht vergessen. 
Und in mir öffnet sich 
ein Weg, so still und weit, 
dass meine Schritte 
ihn dann 
nicht mehr brauchen.


Lisa Nicolis