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29.5.26

Leihgabe



Leihgabe

Abends treten sie leise
aus den Schatten der Erinnerung,
und ihre Stimmen sind wie ferne Glocken
über einem stillen Garten.
Alles ist nicht mehr,
 was ihnen eh nicht gehörte.
Sie sitzen an meinem Bett
mit den Augen vergangener Jahre,
lachen und weinen ihr verlorenes Leben
hinein in meinen Traum.
Oft wandern wir gemeinsam
durch die Räume der Zeit,
durch Sommer, die längst verweht sind,
durch Worte, die noch immer in mir weilen.
Und manchmal glaube ich,
der Wind haucht ihre Namen
durch die Baumkronen im Morgenlicht
so wissend die ihre Zweige neigen.
Wenn der Tag mich wiederfindet,
bleibt nur das leise Pochen meines Herzens,
das mich daran erinnert,
dass wir niemals besitzen,
was uns zu gehören scheint.
Denn auch das Leben
ist nur eine Weile
in unsere Hände gelegt.



Lis Nicolis

25.5.26

Abendstunden am See

Abendstunden am See


Der Tag lässt sein Gold in den See verrinnen
und kühlt in der Tiefe die Wunden.
Die Wellen ihm leis noch zum Abschied singen
und trinken die letzten Stunden.

Der Himmel schon neigt sich in warmen Farben
und ruht auf den spiegelnden Gründen.
Als wollte die Sonne ihr letztes Umarmen
dem schweigenden Wasser verkünden.

Noch trägt die Ferne den Rest des Lichtes,
ein Feuer aus roten Sekunden.
Die Wolken tragen das Wort des Gedichtes
wie Kränze zu stillen Stunden.


Lisa Nicolis

24.5.26

Im betreuten Wohnen


 Im betreuten Wohnen

Der Wind hat nur leicht noch im Ahorn geblättert und trägt dann das Rauschen zum Fenster herein. Im Hof, ganz allein, sitzt du still auf der Bank, wie von allen vergessen.
Der Weißdorn in diesem Jahr ist verblüht, die Blüten schwirr'n wirr durch die Luft, setzen müde sich dir nun ins eisgraue Haar. Im Hof ringsherum 
-Fliederduft.
Früher, als alles noch anders war, hatten wir zwei kein gleiches Geschick. Jetzt sitzt, immerzu ohne Sang und Klang, im Zimmer bei mir, das Elend bereit, wie bei dir auf der hellblauen Bank.
Und ein Pfingstfest ist überall heut.
Doch ich träume dahin, wie ein bockiges Kind, von dem Leben, das einst mich voll Stimmen erftreut' , während heute der Wind dein Erinnern, ganz lind, in die Streublumenwiese streut.

Lisa Nicolis

21.5.26

Ich muss mich neu erfinden


 
Ich muss mich neu erfinden

Ich war dir Nacht,
du warst in mir geborgen.
Ich war dir Tag,
in den du wiederkehrtest.
Ich war dir Licht
an jedem neuen Morgen,
an dem du mich
mit Treueblick beschertest.

Ich war dir Wind
in deinen straffen Segeln,
und war dem Boot
zu deinem Hafen Strömung.
Ich war das Maß
für ungeschrieb‘ne Regeln,
für trübe Stunden
Brücke zur Versöhnung.

Ich muss mich neu erfinden,
neu gestalten.
Ich bin nicht Gott,
ich kann dich nicht mehr tragen.
Dein Veilchenblick wird mich
jetzt nicht mehr halten...
Ich werd die Flucht
aus deinem Gleichmut wagen.


© Lisa Nicolici

Ich möchte


 
Ich möchte
aus meinem Ich hinaus
in den Frühling schreiten,
mir pflücken den Duft
seiner Weiten,
in meine Seelenschale
die Farben legen,
sie zu neuem Bild beleben.
Unter dem Flügelschlag
bunter Libellen
ließ ich in seichten Wellen
Halme sich wiegen
und würde dann
lautlos darunter liegen.
Wie ein sorgloser Quell
möcht ich
den Frühling durchfließen
-wenn diese Wände mich ließen.


© Lisa Nicolis

20.5.26

Quelle



 
Quelle

Es glitzert
ein verlor’ner Himmel
sonnensilbern
in deinem klaren Kräuseln.
Mich dürstet es
nach monotonem
Plätschern,
nach feuchterdiger Frische.

Die Lauterkeit werd ich
dir trüben,
dich schöpfen
und trinken werde ich
den Wald,
der sich in deinem
Spiegel wiegt.

© Lisa Nicolis




in meinem kopf



in meinem kopf

in meinen ohren rauscht der wind
es sprießen bäume 
in meinem kopf
 es wurzeln wälder 

gedanken rauschen 
wie steile bäche
ins leere

zwischen den wänden 
und der decke
werden die blicke
weite wege
 so ausweglos
und doch so nah
 zu wunderbunten horizonten

aus meinem schleudersitz der fantasie
fall ich am rande dieser welt
in einen wolkenbett
um so das rund
aus den quadratisch steifen engen
zu ent... decken.


Lisa Nicolis




Meeresrauschen


 
Meeresrauschen

Ich kenne
dieses ruhelose Flackern
in deinen dunklen Augen
-ein Meer,
das schäumend sich
auf stille Klippen wirft.
Mit langen Wellen, wild,
aus irgendeinem seichten Grund,
nach hohlen Muscheln greift,
auch wenn in seinen Tiefen
sich schwarze Perlen runden.

Und bin ich deiner Unrast
graue Klippe nur
und loser Sand,
der unter deinen kalten Wogen treibt,
so bin ich dir
auch stiller, warmer Strand,
der dich vom Überlaufen hält,
bis du in deinen Tiefen ruhst
und ich in dir
mich widerspiegeln werde.


© Lisa Nicolis


19.5.26

Zitronella



Ich bin einfach zu schön,
um sauer drein zu seh'n,
das Saure bleibt nur steh'n,
um süßer auszuseh'n.

Das Versteck


Manchmal birgt ein Gitter die Einsamkeit,
die das Suchende zu finden erwartet.
Manchmal versteckt sie sich auch
hinter dem Tor,
als wäre gefunden werden gefährlicher,
als verloren sein.


Lisa Nicolis