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1.6.26

Diese Nacht!






        Diese Nacht

        Diese Nacht war nicht gut, diese Nacht war zu lang
        und sie schreckte mich aus allen Träumen, aus dem 
        flüchtigen Weilen in Räumen mit Ängsten und Todesnäh, 
        steckte mir in den Gebeinen und die Glieder taten mir weh.
        In allen Zellen wütete sie, sie peitschte mir hoch wüste Fantasie.
        Gequält schenkte ich ihr den Schlaf.
        Und wie es dann immer kommen muss, der Morgen weckte  sie 
        mit einem Kuss aus dem Sinnenrausch, aus dem Wellenschlag, 
        aus dem Alp aller bösen Träume.
        Nun wünsch ich mir einen guten Tag.


        Lisa Nicolis


 

31.5.26

Blickwinkel

 



        Blickwinkel

        Manch einer kaut an dem nüchternen Knochen des Schicksals 
        ein Leben lang und hält sein Gesicht allen andren, die nichts mit 
        dem kargen Geschick seiner Tage verbindet, verbittert entgegen.
        Als hätten die, noch vor ihm, seine Felder der Hoffnungen 
        allesamt kahl gefressen.

        Bei andren verklärt die Erinnerung sich am vergangenen Sein 
        und die Zeit formt daraus sich Juwelen.
        Das Leben schenkt uns die gleichen Stunden, doch der eine 
        findet den Knochen darin, der andre die Sterne.


         Lisa Nicolis

Aus meiner Sicht




Aus meiner Sicht

Ich ging behutsam durch die Zeit,
darauf bedacht, keinen zu kränken,
wog meine Worte, Schritt für Schritt,
ohne an eignes Wohl zu denken.

Ich glaubte, Sorgfalt sei genug,
um niemandem den Schmerz zu geben
und achtete auf jedes Wort,
das fiel am Weg durch dieses Leben.

Doch Fehler tragen selten Schilder,
sie kommen leise, unbenannt.
Manch Wunde, die ein Wort geschlagen,
hat nicht einmal mein Herz erkannt.

So traf mich nun aus heit'rem Himmel
ein Vorwurf, schwer wie kalter Stein:
ich sei so unachtsam gewesen.
Wie kann das sein, wie kann das sein?

Ich suchte lange nach der Stelle,
an der mein Weg den andern schnitt,
doch manches Leid entsteht im Schatten,
den man nicht sieht und den's doch gibt.

Nicht Bosheit war es, nicht Verachten,
nicht Gleichmut gegenüber Leid.
Nur menschlich war ich, voller Irrtum
-erkennt man leider nur zu zweit.


Lisa Nicolis

30.5.26

Wenn Augen Türen schließen




Wenn Augen Türen schließen

Ich folge gern der Wolken Spur,
die lautlos durch die Lüfte gleitet,
mal weich wie Watte, strahlend hell,
mal trüb, vom Wind im Flug begleitet.
Und manche hängen voll und schwer,
als hätten sie den Regen weit getragen

Dann ist es schwer, an solchen Tagen,
wenn deine Seele voller Worte ist,
wenn die Gedanken kommen, 
Bilder entstehen, die Lust zu schreiben 
noch immer brennt, du voller Freude bist.

Doch sind deine Augen so müde, so müde,
dass selbst die Gedanken dir schmerzen,    
und sie verweigern, das alles mit zu tragen,
was du zu tun denkst ganz tief im Herzen.

Mein Geist zieht durch weite Welten,
findet stets Worte, Zeilen, Reime.
Doch meine Augen schließen die Türen,
bevor diese je das Papier erreichen.
So bleiben Sätze ungeschrieben,
bleibt manch Gedicht im Dunkeln liegen
weil aller Weg dorthin zu mühsam ist.


Lisa Nicolis

29.5.26

Leihgabe



Leihgabe

Abends treten sie leise
aus den Schatten der Erinnerung,
und ihre Stimmen sind wie ferne Glocken
über einem stillen Garten.

Alles ist nicht mehr,
 was ihnen eh nicht gehörte.
Sie sitzen an meinem Bett
mit den Augen vergangener Jahre,
lachen und weinen ihr verlorenes Leben
hinein in meinen Traum.

Oft wandern wir gemeinsam
durch die Räume der Zeit,
durch Sommer, die längst verweht sind,
durch Worte, die noch immer in mir weilen.

Und manchmal glaube ich,
der Wind haucht ihre Namen
durch die Baumkronen im Morgenlicht
so wissend die ihre Zweige neigen.

Wenn mich der Tag  dann wieder findet,
bleibt nur das leise Pochen des Herzens,
das mich daran erinnert, dass wir niemals 
besitzen, was uns zu gehören scheint.

Denn auch das Leben
ist nur eine Weile
in unsere Hände gelegt.



Lis Nicolis

25.5.26

Abendstunden am See

Abendstunden am See


Der Tag lässt sein Gold in den See verrinnen
und kühlt in der Tiefe die Wunden.
Die Wellen ihm leis noch zum Abschied singen
und trinken die letzten Stunden.

Der Himmel schon neigt sich in warmen Farben
und ruht auf den spiegelnden Gründen.
Als wollte die Sonne ihr letztes Umarmen
dem schweigenden Wasser verkünden.

Noch trägt die Ferne den Rest des Lichtes,
ein Feuer aus roten Sekunden.
Die Wolken tragen das Wort des Gedichtes
wie Kränze zu stillen Stunden.


Lisa Nicolis

24.5.26

Im betreuten Wohnen


 Im betreuten Wohnen

Der Wind hat nur leicht noch im Ahorn geblättert 
und trägt dann das Rauschen zum Fenster herein. 
Im Hof, ganz allein, sitzt du still auf der Bank, 
wie von allen vergessen.

Der Weißdorn in diesem Jahr ist verblüht, 
seine Blüten schwirr'n wirr durch die Luft, 
setzen müde sich dir in das eisgraue Haar. 
Im Hof ringsum  -Fliederduft.

Früher, als alles noch anders war, 
hatten wir zwei kein gleiches Geschick. 
Jetzt sitzt, immerzu ohne Sang und Klang,
im Zimmer bei mir das Elend bereit, 
wie im Hof bei dir, auf der hellblauen Bank.

Und ein Pfingstfest ist überall heut.
Doch ich träume dahin, wie ein bockiges Kind, 
von dem Leben, das einst mich voll Stimmen erftreut' , 
während dir heut der Wind dein Erinnern, ganz lind, 
in die Streublumenwiese streut.

Lisa Nicolis

21.5.26

Ich muss mich neu erfinden


 
Ich muss mich neu erfinden

Ich war dir Nacht, du warst in mir geborgen.
Ich war dir Tag, in den du wiederkehrtest.
Ich war dir Licht an jedem neuen Morgen,
an dem du mich mit Treueblick beschertest.

Ich war dir Wind in deinen straffen Segeln,
und war dem Boot zu deinem Hafen Strömung.
Ich war das Maß für ungeschrieb‘ne Regeln,
für trübe Stunden Brücke zur Versöhnung.

Ich muss mich neu erfinden, neu gestalten.
Ich bin nicht Gott, ich kann dich nicht mehr tragen.
Dein Veilchenblick wird mich jetzt nicht mehr halten...
Ich werd die Flucht aus deinem Gleichmut wagen.


© Lisa Nicolici

Ich möchte


 
Ich möchte
aus meinem Ich hinaus
in den Frühling schreiten,
mir pflücken den Duft
seiner Weiten,
in meine Seelenschale
die Farben legen,
sie zu neuem Bild beleben.
Unter dem Flügelschlag
bunter Libellen
ließ ich in seichten Wellen
Halme sich wiegen
und würde dann
lautlos darunter liegen.
Wie ein sorgloser Quell
möcht ich
den Frühling durchfließen
-wenn diese Wände mich ließen.


© Lisa Nicolis

20.5.26

Quelle



 
Quelle

Es glitzert
ein verlor’ner Himmel
sonnensilbern
in deinem klaren Kräuseln.
Mich dürstet es
nach monotonem
Plätschern,
nach feuchterdiger Frische.

Die Lauterkeit werd ich
dir trüben,
dich schöpfen
und trinken werde ich
den Wald,
der sich in deinem
Spiegel wiegt.

© Lisa Nicolis