5.Kapitel
24.04.1993.
Ein
wunderschöner Samstag heute.
Ich
genieße es, dass wir hier wohnen und nicht in der Stadt. Das Gras,
die Bäume verbreiten Kühle. Verschlingen die Wärme, die mich
inmitten der Stadt erschlagen würde.
Frank
hat uns eine neue Tür organisiert. Paul wechselt jetzt die sehr
lädierte Eingangstür aus.
Bei
jedem Hammerschlag fällt eine Menge Mörtel ab.
Eine
harte Arbeit für ihn, der das alles alleine bewältigt.
Man
hat den Eindruck, das ganze Haus wird nur von den Tapeten getragen,
und wenn sich einer an die Wand lehnt, bricht der Dachstuhl auf uns
herein.
Haben von
der Nachbarin, die uns gegenüber wohnt, in unserer Abwesenheit eine
etwas neuere Waschmaschine bekommen als die von Frank.
Paul
hat sie in den Schuppen gestellt, wo sie auch bleiben wird.
Da
kann sie überlaufen, wenn es ihr passt.
Konnte
Frank die 1000 DM, die ich von meinem Sohn habe, wieder
zurückgeben.
Das
viele Geld bringt mir unsere schlechte finanzielle Lage zum
Bewusstsein.
Anna
und Lora spielen im Hof.
Die
beiden verstehen sich so gut, dass es mir Spaß macht, ihnen
zuzusehen.
Ich
frage mich, wie mein Leben ohne Lora verlaufen wäre.
Ob
ich die Kraft gehabt hätte, alles durchzustehen?
Lora
hat hier vielleicht eine bessere Zukunft als in Rumänien.
Dieser
Gedanke hat mich immer aufgerichtet. Mich davon ferngehalten, hier
die Zelte vorzeitig abzubrechen.
25.04.1993.
Das
Wetter ist wunderschön.
Ich
spaziere auf und ab in unserer Straße.
Die
deutschen Gärten sind zauberhaft.
Viel
schöner als die rumänischen.
Bei
uns wurden Ziersträucher und die seit ewigen Zeiten überall
blühenden Akazienbäume zum Beispiel beseitigt, weil man jedes
Fleckchen Erde benutzte, um Gemüse anzubauen.
Mein
Herz schmerzte, als die Verordnung kam, alle Kastanienbäume, die die
Straßen säumten, zu fällen und an ihrer Stelle Pflaumenbäume zu
pflanzen.
Eine
zwar praktische Lösung, weil man dadurch etwas mehr zum Essen hatte
und auch zum illegalen Schnapsbrennen.
Aber
im Herbst, wenn das überreife Obst auf der Straße lag, wurde
darüber hinweggetrampelt, und vor Bienen und Wespen konnte man sich
kaum retten.
Genauso
war das auch in Hof und Garten.
Jeder
versuchte, möglichst wenig Schatten zu haben, damit das Gemüse
besser gedeiht.
Zum
Glück hatten wir Platz genug und konnten uns einen großen, schönen
Hof leisten, der im Sommer über und über mit Blumen bepflanzt
war.
Das Schönste
war für mich, im Sommer frühmorgens um fünf aufzustehen, den Hof
zu fegen und danach ein Viertelstündchen inmitten der Blumenpracht
dazusitzen.
Das
waren die Momente, die mir Kraft gaben, allem Bösen, das auf mich
lauerte, ein wenig entgegenzuwirken.
Hier
gibt es so viele „unnötige“ Pflanzen.
So
recht fürs Herz und für die Seele.
Zu
Hause spielen Lora, Anna und Heike friedlich im Hof.
Es
ist so viel Stille.
Wie
mag das wohl in Wohldorf sein?
Ich
will nicht mal dran denken.
26.04.1993.
Kathrin
Manke hat uns geschrieben.
Ihr
Vater ist schwer krank.
Es
tut mir richtig leid für sie.
Der
nette Opa ist gut über 80, da geht es halt abwärts.
Die
Bäume und Sträucher blühen und verbreiten einen wundervollen
Duft.
Habe einen
Antrag auf Wohnberechtigung ausgefüllt.
Für
die Bezirke Köpenick, Treptow, Neukölln und Charlottenburg.
Obwohl
ich diese Bezirke nicht kenne, außer Köpenick natürlich, habe ich
mich spontan dafür entschieden.
Hoffnung
habe ich eh keine, dass gleich morgen jemand kommt, um mir eine
Wohnung anzubieten.
27.04.1993.
Wir
sind durch halb Köpenick spaziert, um einen Notar zu finden.
Adrian
braucht ein Papier, aus dem hervorgeht, dass Paul auf sein Erbteil
verzichtet, sodass meine Schwiegermutter das Haus auf Adrian
überschreiben kann.
Pauls
Onkel droht, wenn meine Schwiegermutter stirbt, Anspruch auf unser
Haus zu erheben.
Jetzt
sind wir so weit weg, und doch muss ich mich wieder unter einem Hieb
der lieben Verwandtschaft winden.
Ich
weiß, dass der Onkel überhaupt keine Ansprüche auf unser Haus hat,
aber Geld genug, um sich alle korrupten Rechtsverdreher zu kaufen,
die ihm fiktive Akten aushändigen.
Vor
Aufregung und Hitze ist es mir recht übel geworden.
Mein
Gesicht brennt, mein Kopf droht zu zerplatzen.
Wie
weit reicht der Einfluss, dem ich glaubte, endlich entflohen zu
sein?
Werden mich
diese Leute bis an mein Lebensende mit ihrer unerträglichen
Skrupellosigkeit verfolgen?
Ich
fühle mich wieder so klein und unbeholfen.
So
schrecklich müde.
30.04.1993.
Habe
den Antrag auf Wohnberechtigung abgegeben und hoffe, dass es uns
gelingt, bis zum Herbst eine Wohnung zu finden.
Denn
noch ein Winter hier wäre kaum zu ertragen.
Was
mich am meisten stört, ist das Fehlen eines Bades.
Dieses
Wasserwärmen auf dem Herd wird uns eine Menge Strom kosten.
Aber
wie Alakis möchte ich nicht aussehen.
Alakis
war unser „Poet“.
Eigentlich
kein Poet.
Er
kaufte und verkaufte Bücher und wurde von den Leuten im Ort so
genannt.
Alakis
lebte am Rande des Dorfes und am Rande der Gesellschaft, in einer
selbst erbauten Holz-, Teer- und, na ja, Kartonpappenhütte.
Auf
seine Bücher, die er irgendwo auf dem Flohmarkt oder sonst wo
besorgte und von denen mein Schwiegervater die meisten aufkaufte,
passte er peinlichst genau auf.
Die
durften nicht verschmutzen oder einen noch so kleinen Riss haben.
Er
hingegen ging in Lumpen herum und lebte von der Hand in den Mund.
Wie
alt er war, wusste keiner.
Aber
sicherlich war er jünger, als er aussah.
Wenn
er aber Methusalem selbst war, dann hatte er sicherlich so 780 Jahre
nach Christus das letzte Mal im Nil, Jordan oder so gebadet.
Wenn
er im Sommer bei uns im Hof auf der Bank saß, sammelten sich die
Nachbarskinder belustigt um ihn herum.
„Alakis,
zeigst du uns deine Beine?“
Dann
fasste er mit Daumen und Zeigefinger beide Hosenbeine am Saum und hob
sie bis unter die Knie.
Die
Kinder stoben beim Anblick dieser Einmaligkeit kreischend und lachend
auseinander.
Ich
hab da nie hingesehen.
Aber
wenn eine alte Baba dabei war, bekreuzigte sie sich und spuckte
minutenlang vor sich hin.
Sonntags
bekam er von uns ein warmes Mittagessen.
Dann
sagte er mir:
„Wenn
ich einmal König werde, mache ich Sie zur Küchenchefin.“
Viele
Menschen gab es nicht, denen er Komplimente machte.
Das
fällt mir ein, wenn ich daran denke, noch einen Winter hier
verbringen zu müssen.
Doch
wie man an eine neue Wohnung rankommt, das weiß ich nicht.
Unsere
Nachbarn sagen, wir stecken zu viel Energie in dieses Haus.
Womöglich
fällt es dem Vermieter noch ein, unsere Miete zu erhöhen.
Aber
wir mögen es schön und wohnlich.
Und
mit etwas muss man sich ja beschäftigen.
Paul
scheint sich nach der Italienreise gut erholt zu haben.
Er
ist öfter zum Scherzen aufgelegt.
Nur
mit Lora gibt es die üblichen Reibereien.
Die
beiden kommen miteinander nicht aus, so sehr ich mich auch bemühe,
sie einander näherzubringen.
01.05.1993.
Paul
verputzt das Häuschen von außen, wo recht große Platzwunden an den
Wänden klaffen.
Wände,
wie von Geisterhand zusammengehalten.
„Drück
nicht so stark gegen die Wand“, rufe ich Paul zu, „sonst kracht
uns der Dachboden in die Bude.“
Dann
streichen wir die Glanzhütte weiß an.
Als
alles fertig ist, finde ich sie gar nicht mehr so schlecht.
Schön
wäre es, wenn wir etwas Geld hätten, um noch ein paar Blumen zu
pflanzen.
Nachmittags
sind Frank und Familie bei uns zum Kaffeetrinken.
Ich
bin wieder recht zufrieden mit meinem Leben.
03.05.1993.
Frank
trägt nachts Zeitungen aus. Von einer Sammelstelle an die
Zeitungskioske oder so ähnlich.
Er
bringt uns jeden Tag eine mit. Dann auch immer frische
Brötchen.
Heute
habe ich ihn gebeten, die Brötchen wegzulassen. Die kosten Geld, und
ich fühle mich dabei nicht sehr wohl.
In
einer Zeitung habe ich einen eventuellen Job für Paul ausfindig
gemacht.
Hab ihn
gefragt, ob er einverstanden ist, dass wir uns erkundigen, ob er eine
Chance hat.
Er ist
es.
Sagt er
zumindest.
Doch
als ich dann von der Telefonzelle an der Straßenecke bei dieser
Firma anrufe, wird er unruhig.
Raucht
eine Zigarette nach der anderen.
Auch
ein Fläschchen Branntwein hat er getrunken.
Ich
weiß, er fürchtet wieder das Ungewisse.
Dass
er angefeindet wird und den ganzen Mist, der uns noch von Wohldorf
anhaftet.
04.05.1993.
Ich
habe Paul in den Nachbarort begleitet, wo diese Arbeitsstelle
liegt.
Ein weiter
Weg mit der Straßenbahn durch weite Feld- und Waldstrecken.
Der
Chef ist aber nicht da.
Wir
warten eine lange Zeit vergeblich auf ihn.
Enttäuscht
fahren wir nach Hause.
Nachmittags
rufe ich wieder an.
Der
Chef will Paul morgen in Arbeitskleidung sehen.
Mir
hat dieser Ort sehr gut gefallen.
Der
Betrieb schien in Ordnung zu sein, und die wenigen Angestellten waren
auch nett.
Paul
wird aber wieder nervös und wirkt etwas verloren, als ich ihm das
sage.
Ich will
nicht, dass er zusagt, nur weil ich das vorgeschlagen habe.
Nein,
nein, er macht das, versichert er.
Aber
er kann nicht mal mehr lächeln.
05.05.1993.
Heute
bin ich nach langer Zeit wieder alleine zu Hause.
Nach
monatelangem Zusammensein ist das ein eigenartiges Gefühl.
Ich
tue das, was ich immer mache, wenn ich alleine bin.
Putzen
und Ordnung machen.
Plötzlich
steht Paul in der Küche.
Traurig
und enttäuscht.
Nie
wird er in diesem Land eine Chance zum Arbeiten bekommen.
Kein
Pkw, keine guten Deutschkenntnisse.
Obwohl
ich mir sicher war, dass es so kommen wird, bin ich auch etwas
enttäuscht.
Aber
einen Versuch war es wert.
Wir
müssen ja lernen, wie das mit dem Bewerben, den
Vorstellungsgesprächen, dem ganzen Drum und Dran funktioniert.
Je
mehr Erfahrung wir sammeln, desto bessere Chancen haben wir.
Ich
empfinde jede Niederlage als einen Weg zu einer anderen
Möglichkeit.
Paul
hingegen fühlt das Gegenteil von mir.
Leider.
07.05.1993.
Habe
von Tante Hilde, Omas Cousine, einen Teppich bekommen.
Ich
hab ihn zwar gründlich warm gewaschen, aber ein paar Flecken ließ
das recht kalt.
Sie
beharrten darauf, auf ihrem Stammplatz am Teppich zu
bleiben.
Trotzdem
sieht unser Gruselkabinett damit freundlicher aus.
Hab
den schwarzen Wandschrank von Kuhls Sohn milchkaffeefarben
gestrichen.
Dann
mit einem in weiße Farbe getauchten Schwamm leicht abgetupft.
Ein
bizarres Muster.
Doch
alle, die ihn gesehen haben, meinen, der sei toll
geworden.
Jedenfalls
sieht das Zimmer etwas freundlicher aus und weniger gruselig.
Mit
dem Geld sieht es aber gar nicht gut aus.
Ich
habe den Eindruck, diese Behörden sind mit unserer Situation total
überfordert.
Ich
sehe, wie sie sich gegenseitig beraten und letztlich doch ratlos
dasitzen und uns auf einen nächsten Termin vertrösten.
Unsere
ständigen Umzüge scheinen in den Köpfen der für unsere Leistungen
Zuständigen eine Menge Fragen aufzuwerfen.
Leider
gibt es aber keine Antworten.
Und
das müssen wir ausbaden.
08.05.1993.
Zum
Muttertag hat mir Lora drei voll erblühte kleine Kakteen
geschenkt.
Die
sind wirklich wunderschön.
Habe
eine Menge Schreibkram zu erledigen.
Wie
ich feststellen muss, ist hier in Deutschland das Allerwichtigste
wohl ein Schreibtisch.
So
habe ich mir in einer Ecke unseres skurrilen Panoptikums eine
Büroecke eingerichtet.
Heute
Morgen war ich noch total depressiv.
In
den letzten Tagen gab es einen Waschmaschinenstreik, einen
Kurzschluss am Elektroherd, einen am altersschwachen Boiler.
Und,
was ich ganz schlimm fand, eine Müllansammlung in dem kleinen
Schuppen, der wir nicht mehr Herr werden konnten.
Der
Vermieter hat noch immer keinen Vertrag mit der Müllabfuhr, und das
scheint ihn auch nicht zu stören.
Zum
Glück nimmt jetzt Frank immer ein paar Säcke mit, um sie unterwegs
zu entsorgen.
So
wird man zum Umweltsünder …
Paul
hat die Waschmaschine und den Kurzschluss wieder in Ordnung
gebracht.
Über
die Waschmaschine freue ich mich ganz besonders, denn ohne sie könnte
ich mir mein Leben nicht mehr vorstellen.
Zwischendurch
hat er mich auf den Dachboden gerufen.
„Schau
dir mal diese Sauerei an!“
Ich
bin wie vom Donner gerührt.
Der
ganze Dachboden ist voller Kabelgewirr und darüber Matratzen und
Schaumstoffteile in einem heillosen Durcheinander.
Ein
Funken hier oben, und wir würden wie Weihnachtskerzen brennen.
Es
dauert Stunden, bis Paul die Kabelenden, die vom Telegrafenmast und
die in die Wohnung führten, findet.
Dann
muss er das Ganze kürzen.
Den
Rest von zig Metern überschüssiger Stromautobahn bringt er in den
Schuppen.
Kein
Wunder, dass er klitschnass und fuchsteufelswild ist.
10.05.1993.
Jetzt,
wo es keine großartige Arbeit mehr gibt, fühle ich mich
unglücklich.
Ich
weiß nicht recht, womit ich meine Freizeit ausfüllen könnte.
Ich
stelle mir immer öfter die Frage, wie es weitergehen soll.
Scheinbar
bleibt mir nichts anderes übrig, als mich zu gedulden und die Dinge
an mich herankommen zu lassen.
11.05.1993.
Kuhl
ist hier.
Er weiß
gar nicht, wo er hinsehen soll.
Er
kann kaum glauben, was er sieht.
Lobt
uns in den höchsten Tönen.
Dann
schwatzt er mir eine Haftpflichtversicherung auf.
Ich
glaube, das war der Grund seines Kommens.
Und
da ich keine Ahnung habe, was eigentlich so eine
Haftpflichtversicherung ist, weiß ich auch nicht, ob die mir oder
ihm zugutekommt.
Jetzt
wird er nach Frankreich verreisen.
Wenn
er zurückkommt, dürfen wir ein Wochenende in seinem Ferienhaus
irgendwo in Brandenburg verbringen.
Natürlich
hätten wir da einiges in Ordnung zu bringen, sagt er so
nebenbei.
Aber
dafür können wir dort gratis wohnen.
Als
er geht, bekomme ich eine Riesensehnsucht nach meinen Kindern, den
Geschwistern, den Menschen, die mir nahestehen.
Nein,
es ist kein Heimweh.
Es
ist Menschenweh.
Und
es fällt mir erstmals auf, dass die Menschen hier doch so anders
sind als zu Hause.
Wir
sind hier noch keinem böswilligen Menschen über den Weg gelaufen.
Alle, die wir kennengelernt haben, waren liebe, nette
Menschen.
Trotzdem
anders.
Anders,
weil sie eine andere Vergangenheit, eine andere Lebensweise, eine
doch andere Mentalität haben.
Ich
habe heute eine ganz neue Einsicht in mein eigenes Empfinden
entdeckt.
15.05.1993.
Wie
Tränensäcke hängen diese Wolken über uns am Himmel.
Ich
bin in einer weinerlichen Stimmung.
Bin
gereizt und kleinlaut.
Lora
und Paul scheint es ähnlich zu gehen.
Oder
stecken wir uns gegenseitig an?
Teils
möchte ich mich wie ein Maulwurf in die dunkelste Ecke des
Universums verdrücken.
Teils
sehne ich mich nach menschlichen Kontakten.
Trotzdem.
Wenn
jetzt jemand zur Tür hereinkäme, würde ich Giftpfeile schauen.
Was
will ich eigentlich?
Meine
Gedanken überschwemmen mich unlogisch und unchronologisch.
Ich
hüpfe von da nach dort.
Ich
frage mich, wieso der liebe Gott in unserem Gehirnwirrwarr diese
Gedankenzweige so wuchern ließ.
Ohne
Früchte zu tragen.
Ohne
zu einem Schluss zu kommen.
Stutzen
müsste man sie können, wenn sie zu sehr wuchern.
Alles
Unnötige ratzfatz absäbeln.
16.05.1993.
Sind
alle Menschen so komisch wie ich?
Gestern
deprimiert und verloren, heute bereits gut gelaunt und
zuversichtlich.
Das
Geldproblem ist noch nicht gelöst, doch Frau Storm vom Sozialamt hat
mir Hoffnungen gemacht.
Nach
dem Telefonat mit ihr bin ich zum Einkaufen gegangen, und auf dem
Nachhauseweg habe ich einen ungewohnten Weg durch diesen
wunderschönen Park genommen.
Der
kleine Spaziergang hat mich irgendwie innerlich gesäubert.
Ich
müsste das öfter tun.
Doch
weder Paul noch Lora sind zu einem Spaziergang zu bewegen.
Sie
haben nicht das Bedürfnis, etwas von der Welt zu sehen.
Ich
schon.
Aber ich
möchte mein Erlebnis immer mit jemandem teilen können.
Alleine
loszuziehen, ist für mich nicht so das Richtige.
Um
alleine loszugehen, bräuchte ich eine Extraschubkraft.
Die
habe ich nur, wenn mich jemand begleitet.
18.05.1993.
Seit
ich mit Paul zusammen bin, vermisse ich das Gefühl, mich an jemanden
anlehnen zu können.
Er
ist hilfsbereit, zuverlässig, kann auch warmherzig sein.
Das
allerdings eher mit irgendwelchen Außenstehenden als mit
Familienmitgliedern.
In
den Arm genommen zu werden, jemanden in den Arm zu nehmen – das
kennt er nicht.
Ihm
wurde das nie zuteil.
Er
kann nicht begreifen, dass es mir guttun würde, hin und wieder nur
wortlos eine Zärtlichkeit einheimsen zu dürfen.
Natürlich
sind Lora und ich ein Herz und eine Seele.
Natürlich
tauschen wir Zärtlichkeiten aus.
Doch
die Geborgenheit, die man in der Gegenwart eines Erwachsenen fühlt,
die fehlt mir.
Heute
muss ich schon wieder zum Sozialamt rennen.
Eine
Erklärung schreiben, warum wir nach Berlin gekommen und nicht in
Brandenburg geblieben sind.
Ich
frage mich danach: Wenn mir mal was passieren sollte, was wird Paul
dann alleine tun?
Ich
weiß, dass seine Deutschkenntnisse sehr mangelhaft sind.
Natürlich
muss ich alles erledigen.
Oft
aber habe ich den Eindruck, ich breche zusammen unter der Last der
Sorgen, die ich mit ihm nicht teilen kann.
Er
mag zwar auch an die Zukunft denken, mag sich auch Sorgen machen,
aber er verlässt sich auf mich.
Handeln
mag er nicht und kann er auch nicht.
Eine
Entscheidung zu treffen, das fällt ihm ebenfalls schwer.
Das
überlässt er alles mir.
19.05.1993.
Wohnbewilligung
bekommen.
Was das
jetzt genau bedeutet, weiß ich auch nicht so recht.
Paul
und Lora vertragen sich wie Hund und Katz.
Das
bringt mich oft zum Verzweifeln.
Ich
versuche immer, mit beiden separat zu sprechen.
Lora
erkläre ich, dass ihr Großvater sie liebt und dass er froh wäre,
wenn sie ein wenig zugänglicher wäre.
Ihm
versuche ich beizubringen, mit der Kleinen lockerer und eher
humorvoll umzugehen.
Er
ist ihr gegenüber angespannt, weil er bei jedem seiner Worte
fürchtet, Lora wird ihn angreifen.
Er
aber wirft mir vor, dass ich Lora zu viel erlaube.
Dabei
ist es so, dass Lora sich mir gegenüber korrekt verhält.
Ich
muss sie nicht tadeln.
Im
Vergleich zu den Kindern um uns herum ist sie einfühlsam und
respektvoll.
Wenn
aber diese Atmosphäre von Stirnrunzeln und bösem Dreinschauen
aufkommt, wenn das Fluchen und Nörgeln wieder losgeht, dann kann ich
es dem Kind nicht übel nehmen, wenn es selbst davon angesteckt
wird.
Erziehung
heißt für mich in erster Linie, einem Kind das vorzuleben, was man
von ihm einfordert.
20.05.1993.
Das
Beste gegen Depressionen und ein Gefühl der Einsamkeit ist, einen
Kuchen zu backen, Kaffee zu kochen und die Nachbarn einzuladen.
Dann
ist das Problem gelöst.
Denn
wenn sie gehen, genießt man die Einsamkeit wieder in vollen Zügen.
21.05.1993.
Frau
Engler ist mit ihrem Mann zu Besuch.
Er
sieht wie Abraham Lincoln aus.
Sehr
sympathisch.
Ich
freue mich riesig über diesen Besuch.
Leider
bleiben sie nicht lange.
Aber
es ist eine schöne kleine Abwechslung gewesen.
Lora
fühlt sich hier pudelwohl.
Sie
erklärt mir, dass sie von hier nie mehr weggehen will.
Ich
muss schlucken.
Natürlich
werden wir von hier weggehen müssen.
Erst
mal aber lasse ich ihr ihre ungetrübte Freude.
27.05.1993.
Frank
hat uns zum Grillen eingeladen.
Es
fällt mir immer wieder auf, wie wohl sich Paul unter anderen
Menschen fühlt.
Er
ist hier ein ganz anderer als zu Hause.
Ich
bin, weiß Gott, kein unmöglicher Mensch.
Bin
nicht streitsüchtig, bin nicht nachtragend, versuche, für jeden
Menschen Verständnis aufzubringen.
Zu
meinen Kindern, zu den Enkelkindern, zu manchen Verwandten und allen
Freunden hatte ich immer ein gutes Verhältnis.
Auch
wenn vieles mich gestört hat, war ich immer bemüht, jeden zu
respektieren.
Nur
mit dem eigenen Mann will das nicht klappen.
Wir
passen überhaupt nicht zueinander.
Und
trotzdem laufen wir nebeneinander her, als wären wir aneinander
gebunden.
Von
Liebe kann wahrscheinlich keine Rede sein.
Von
gegenseitigem Respekt wohl auch nicht.
Es
gibt keine Gemeinsamkeiten, keine gemeinsamen Interessen, kein
gemeinsames Aneinemstrangziehen.
Was
ist es dann?
Angst
vor dem Alleinsein auf beiden Seiten?
28.05.1993.
Carina
hat mir einen Brief geschrieben.
Sie
hätte eine Wohnung für uns.
Mit
einem schönen Bad und großer Küche.
Nur
gäbe es da einen blinden alten Mann zu pflegen.
Nein,
das will ich nicht mehr.
Ich
habe mich lange genug mit alten, schrulligen Menschen
herumgeplagt.
Mich
von ihnen herumkommandieren und herumschubsen lassen.
Dreißig
Jahre hindurch reichen.
Jetzt
werde ich selbst langsam alt.
Und
ich will nur noch frei sein.
Carina
bin ich trotzdem dankbar.
Sie
ist wirklich von den alten Bekannten die Einzige, die sich um uns
kümmert und uns ständig irgendwo eine Unterkunft sucht.
Es
ist wohl so, dass man in der Not wirklich den guten Freund erkennt.
31.05.1993.
Habe
heute Oma ein Eis spendiert.
Sie
mag das so gerne.
Wir
sitzen bei ihr im Hof.
Nach
einer Weile merke ich: Es ist sehr still.
Erst
nach und nach erfahre ich, dass sie sich mit ihrer Schwiegertochter
gezankt hatte.
Etwas
wie Frieden breitet sich über mich aus.
Ist
das schön, alleine zu sein.
Keine
Schwiegermutter, keine sonstigen Störenfriede.
Spiele
mit Lora und Anna ein Ballspiel.
Fühle
mich danach etwas besser.
In
den letzten Tagen hatte ich eine seltsam gedrückte Stimmung.
Ich
war so intensiv in meine Vergangenheit zurückgekehrt, dass ich die
Gegenwart kaum ertragen konnte.
01.06.1993.
Es
ist schrecklich.
Seit
es keine Behördengänge mehr gibt, seit das Haus so weit in Ordnung
ist, fehlt mir etwas.
Eine
Aufgabe, die mich ausfüllt.
Ob
mit schönen oder weniger schönen Dingen.
Es
ist zu viel Zeit da.
Und
ich fühle sie sinnlos an mir vorbeiziehen.
Die
Hausarbeit ist so schnell getan.
Danach
flüchte ich mich ins Gruselkabinett und schaue Fernsehen.
Ich
merke, wahrscheinlich unbewusst angeregt von der Werbung für
Süßigkeiten, ich nage immer an irgendwas rum.
Ich
glaube, ich habe zugenommen.
Paul
hat es besser.
Er
hilft Frank beim Umbau des Hauses.
Hat
den Schornstein schon abgebaut und eine Wand in Nullkommanichts
abgerissen.
Frank
staunt über Pauls Bärenkräfte.
Und
Paul ist in seinem Element.
Er
kann arbeiten und wird gelobt.
Mehr
braucht er nicht.
Gelobt
werden ist das Beste.
Wenn
es die anderen nicht tun, dann macht er es selbst.
02.06.1993.
Eine
Debatte im Fernsehen zwischen Deutschen und Türken über
Integration.
Ich
mag solch kontroverse Debatten, die für mich eben nur eine
unterhaltsame Note haben und meiner Meinung nach im realen Leben kaum
etwas bringen.
Erinnere
mich an meine gute Renate in Rumänien.
Sie
kam aus Köln, behauptete, sie könne sich Deutschland nicht mehr
ohne Türken vorstellen.
Ohne
den Gemüsehändler, die Dönerbude.
Ich
glaubte ihr das gerne.
Dann
aber sagte ich mal so etwas wie „ich als Deutsche“, und sie sah
mich erstaunt an.
„Du
bist doch keine Deutsche, du bist Rumänin.“
„Bin
ich nicht. Meine Vorfahren kamen aus dem Schwarzwald, meine Eltern
sind Deutsche. Wir sprachen zu Hause Deutsch, ich ging in deutsche
Schulen, besuchte das Deutsche Theater und las die deutsche Zeitung.
Und ich fühlte mich nie als Rumänin.“
„Du
bist aber in Rumänien geboren, also bist du Rumänin.“
Ich
musste lächeln.
„Also,
dein Ali vom Gemüsestand wurde in Deutschland geboren. Er oder seine
Kinder werden irgendwann mal deutsche Staatsangehörige sein. Ali
wird seine Muttersprache weiter sprechen, seine Traditionen weiter
pflegen. Und du würdest ihn nach dreihundert Jahren Integration doch
noch immer den Türken nennen. Und nicht sagen: Ali, der deutsche
Gemüsehändler um die Ecke.
Auch
wenn er sich noch so integriert hat.
Meinst
du nicht, dass in meinem Fall das Gleiche zutrifft?
Ich
bin hier geboren, rumänische Staatsangehörige, aber ich bin eine
Deutsche.“
Sie
schüttelte ungläubig den Kopf.
„Also,
meiner Meinung nach bist du eine Rumänin.“
Warum
war es für sie so wichtig, mich in eine bestimmte Schublade zu
stecken?
Für mich
mag es wichtig sein, dass ich mich zum Deutschtum bekenne.
Das
schließt aber nicht aus, dass ich in Rumänien hundertprozentig
integriert war, dass für mich Rumänien meine Heimat ist und
bleibt.
Dass ich
dieses Land immer lieben werde.
Aber
das ist meine Sache.
Für
sie hätte es egal sein müssen.
Ich
bin ein Mensch und aus.
Dass
ich mich gerade zum Deutschtum bekannt hatte, war ihr aber doch zu
viel.
Von irgendwo
hatte sie etwas von „Toleranz“, „Integration“ mitbekommen,
etwas von „Gleichberechtigung“ gehört und das alles interessant
zum Nachplappern gefunden.
Aber
im Inneren sieht es doch anders aus.
Ali
darf Türke sein.
Wird
es immer bleiben dürfen.
Ich
aber muss Rumänin bleiben.
Deutsch
darf nur sie sein.
Es
reicht nicht, Integration einseitig zu betreiben.
Die
müsste auch in den Köpfen der Deutschen stattfinden.
Die
Fremden versuchen, sich einigermaßen zu integrieren, ohne dass es
ihnen total gelingen wird.
Denn
mit einer Faser ihres Herzens werden sie immer irgendwo außerhalb
einer neuen Heimat hängen.
Aber
der Einheimische wird sie in seinem Kopf auch nie richtig integrieren
wollen.
Sie werden
immer „der Türke“, „der Rumäne“, „der Russe“
sagen.
Nicht der
Nachbar, der Freund, der Bekannte, der Gemüsehändler um die
Ecke.
Es wird
immer der Türke um die Ecke bleiben.
Und
in meinem Fall „die Rumänin“ sicherlich.
Wenn
man alles noch so schönredet, eine gewisse Distanz wird auf beiden
Seiten immer bestehen.
Man
sollte nur dazu stehen.
Daraus
keinen Hehl machen, es aber auch nicht ausarten lassen.
04.06.1993.
Wenn
Frank nicht wäre, würden wir sicherlich verhungern.
Unsere
Sachbearbeiter sind durch unseren Umzug und die Italienreise so
durcheinander, dass sie nicht weiterwissen.
Vom
Sozialamt haben wir noch keinen Pfennig bekommen.
Und
in der Tasche haben wir auch nichts mehr.
Das
scheint den Ämtern aber nicht genug zu sein.
Es
müssen Anlagen und Unterlagen geklärt werden.
Wie
lange noch?
Paul
arbeitet schon seit Tagen für Frank.
Der
hat ihm heute 150 DM in die Tasche gesteckt.
Wir
schämen uns etwas, das Geld angenommen zu haben.
In
Rumänien hätte Pauls Einsatz als Nachbarschaftshilfe gegolten.
Doch
hier sind wir auf dieses Geld angewiesen.
Auch
wenn wir uns dabei noch so schlecht fühlen.
Von
Paul sehe ich den ganzen Tag fast nichts.
Von
Lora übrigens auch nicht.
In
Rumänien hatten die Kinder, seit ich zurückdenken kann, eine Menge
Hausaufgaben zu machen.
Selbst
in den Ferien musste man eine Menge Bücher lesen, von den
mathematischen Aufgaben ganz zu schweigen.
Hier
gibt es keine Aufgaben.
Also
ist Lora den ganzen Tag bei ihren Freundinnen.
Mit
Oma kann ich kaum stundenlang sprechen.
Es
gibt da keine Themen, die uns beide gleichermaßen interessieren
würden.
Den
Männern kann ich nicht helfen.
Da
stehe ich nur im Weg.
Ich
fühle mich hilflos und unnütz.
Das
Einzige, das mir gut gelingt, ist das Grübeln.
Ich
frage mich, ob es gut wäre, zurückzukehren.
Doch
ich weiß, was mich drüben erwarten würde.
Paul
würde seine alten Freundschaften wiederentdecken und damit die alten
Saufgewohnheiten.
Ausziehen
könnte ich nicht, weil man in Rumänien nicht einfach so eine
Wohnung nehmen kann.
Wenn
ich meine alte Arbeitsstelle wiederbekommen würde, könnte ich mir
vom Lohn monatlich ein paar billige Schuhe kaufen.
Aber
nichts zum Essen.
Weil
es dafür nicht reichen würde.
Um
mir ein kleines Zimmer einzurichten, müsste ich ein halbes Leben
lang arbeiten.
Dort
bekommt man nicht so einfach eine Matratze oder einen Wandschrank
geschenkt wie in Deutschland.
Ich
glaube kaum, dass man ein Leben da beginnen kann, wo es irgendwo
aufgehört hat.
Ich
weiß, was mich in Rumänien erwarten würde.
Ich
weiß aber nicht, was mich noch in Deutschland erwarten
könnte.
Vielleicht
ist es dieses Ungewisse, hinter dem ich noch etwas Lebenswürdiges
erwarte.
Nach
Rumänien kann ich auch später zurückkehren.
12.06.1993.
Seit
dem ersten Tag, an dem ich bei meinen Schwiegereltern eingezogen war,
hatte ich nur einen einzigen Gedanken:
auszubrechen.
Dreißig
Jahre lang.
Vor
unserer Ausreise war dieser Wunsch gar nicht mehr so groß.
Vielleicht
hat mich auch der Strom des Auswanderns mitgerissen.
Wenn
ich zurückdenke, glaube ich doch, dass es ein Schicksal geben
muss.
Ich habe wie
fremdgesteuert gehandelt.
Oder
scheint es mir nur so, weil ich erstmals im Leben selbst eine
Entscheidung für mich getroffen hatte?
Vielleicht
bin ich nur über den eigenen Mut betroffen.
Und
will es dem Schicksal ankreiden.
Jetzt
merke ich erst, wie eng der Kreis war, aus dem ich ausgebrochen
bin.
Ich lebe
irgendwie gedanklich noch immer in diesem engen Kreis.
Oft
fühle ich mich wie in einem Albtraum gefangen.
Wenn
man in einem Traum laufen will, kommt man nicht vorwärts.
So
ähnlich geht es mir jetzt.
Ich
möchte mich in eine bestimmte Richtung bewegen, und ich komme nicht
voran.
Außerdem
weiß ich von diesen verflixten Möglichkeiten, die es in diesem Land
sicherlich für jeden Menschen geben muss, so gut wie gar nichts.
Ich
lebe wahrscheinlich in einem Loch, aus dem es ungezählte
Möglichkeiten gibt, hinauszukommen.
Doch
ich sehe sie nicht.
Ich
sehe sie einfach nicht.
15.06.1993.
Mein
Geburtstag.
Na,
Prost!
Lora
gratuliert mir.
Paul
gratuliert mir.
Das
Fest ist zu Ende.
Habe
zwar nie Wert auf Geburtstage gelegt, aber es wird mir jetzt erst
bewusst, dass mir meine Familie fehlt.
So,
wie ich sie mal hatte.
Mein
Geburtstag war der Tag, an dem mein Vater anreiste, mich zum
Fabriktor rufen ließ, mir die obligatorische Tüte Erdbeeren aus dem
eigenen Garten und einen Strauß himmlisch duftender Nelken
überreichte.
Ich
nahm ihn mit ins Büro.
Er
begrüßte meine Kolleginnen, wollte nie Platz nehmen, weil er sich
in fremder Umgebung nicht wohlfühlte.
Es
fielen einige Sätze, und weg war er.
Er
war weg, aber nicht aus den Köpfen meiner Kolleginnen.
Die
kamen, wenn sie hörten, mein Vater sei da, herbeigeströmt, um ihn
nur kurz zu sehen und später den ganzen Tag von ihm schwärmen zu
können.
Und ich
war so riesig stolz und froh, dass mein Geburtstag eine ganz andere
Wendung nahm.
Eine,
in der nicht mehr ich die Hauptperson, aber auch nicht unbeteiligt
war.
Schließlich
war es mein Vater, der die Welt ein wenig durcheinanderbrachte.
21.06.1993.
Wenn
ich die Stellenanzeigen verfolge, fühle ich mich so unscheinbar wie
noch nie.
Überall
werden super ausgebildete Menschen gesucht.
Ich
war Lohnbuchhalterin.
Als
solche müsste ich hier irgendwelche Kurse belegen, um dem deutschen
Standard zu entsprechen.
Kann
ich meiner Augen wegen nicht.
Außerdem
würde ich nie wieder in einem Büro sitzen wollen.
Denn
solange ich im Büro gearbeitet habe, konnte ich meine Arbeit nur mit
Schmerztabletten und Beruhigungstabletten meistern.
Dahin
zurück will ich nicht wieder.
Der
einzige Traumberuf, den ich hier ergreifen kann, ist der einer
Toilettenfrau.
Übung
habe ich nach den verschiedenen Heimaufenthalten ja zur Genüge.
Würde
sagen, da bin ich schon überqualifiziert.
Schöne
Aussichten!
22.06.1993.
In
Wohldorf hatte ich einen einzigen Gedanken:
Raus
aus dem Heim.
Ich
wünschte mir ein noch so hässliches Häuschen, aus dem ich mir ein
Heim schaffen kann.
Das
hässliche Häuschen habe ich.
Aber
ein Heim wird daraus nicht.
Zu
einem Heim gehört in erster Linie menschliche Wärme, Liebe und
gegenseitiger Respekt.
Dann
müssten es gesunde Wände sein, ein heiles Dach, Geruch von
Sauberkeit.
Das
alles fehlt mir.
Ich
denke mit Grauen daran, dass wir hier vielleicht noch einen Winter
verbringen müssen.
23.06.1993.
Es
regnet, es ist kühl.
Der
Wind bläst herbstlich.
Die
Blumen, die ich gesät habe, werden wohl nie mehr blühen.
Teils
freue ich mich, dass ich nicht die große Hitze zu ertragen habe.
Bin
verzweifelt, dass ich mich mit Paul gar nicht mehr vertrage.
Es
liegt an uns beiden.
Ich
bin wahrscheinlich auch nicht mehr so tolerant, wie ich es einmal
war.
Meine Geduld
reißt schneller als früher.
Ich
bin in einem Alter, in dem man nicht mehr an den Märchenprinzen
glaubt.
Selbst
wenn der käme, ich wüsste nicht, was ich mit ihm anfangen
soll.
Ruhe möchte
ich haben.
Verständnis.
Kameradschaft.
Das
wird mir in diesem Leben nicht mehr zuteil.
Die
Arbeit bei Frank hat Paul ein riesiges Selbstvertrauen gegeben.
Das
wäre alles nicht schlimm.
Ganz
im Gegenteil, ich würde mich darüber freuen.
Wenn
er nur nicht so sehr von sich selbst eingenommen wäre.
Alles,
was er tut, ist einmalig, korrekt.
Ohne
ihn hätte Frank das alles nie geschafft, prahlt er.
Wir
hätten das Wenige, das wir haben, ohne Frank auch nicht, finde
ich.
Doch ich
ziehe es vor, zu schweigen.
Was
ich tue, das stört ihn.
Egal,
wie ich es mache, ich kann es ihm nicht recht machen.
Eine
eigene Meinung darf ich schon längst nicht äußern, wenn ich
Frieden haben möchte.
Jede
noch so kleine Meinung von mir wird als Kritik bewertet und löst
einen Streit aus.
Also
schweige ich mich aus.
Um
des Friedens willen.
24.06.1993.
Morgens
bin ich immer sehr deprimiert.
Ich
muss langsam einsehen, dass wir hier nicht weiterkommen werden.
Ist
der Deutschlandtraum vielleicht schon ausgeträumt?
Ich
merke, wie ich den Menschen gerne aus dem Weg gehe.
Weiß,
dass es nicht in Ordnung ist, aber ich kann es nicht anders.
Wenn
ich bloß jemanden hätte, mit dem ich mich so richtig aussprechen
könnte.
Von dem
ich einen konkreten Rat bekommen könnte.
Der
mir die Augen öffnet über Dinge, von denen ich keine Ahnung
habe.
Loras
letzter Schultag.
Das
Zeugnis ist nicht so hervorragend, aber ich weiß, dass sie
sprachliche Schwierigkeiten hatte.
Hauptsache
ist, dass sie gesund und viel vernünftiger geworden ist.
26.06.1993.
Es
ist sehr kalt, windig, regnerisch.
Ich
fühle, dass mich eine Erkältung erwischt.
Dieses
Herumsitzen in der Kälte kann auch zu nichts anderem führen.
Mit
Lora spielen wir im Hof mit dem Ball und danach Mühle.
Dann
ist sie wieder verschwunden.
Ich
weiß, dass ich mit ihr etwas unternehmen müsste.
Aber
ich weiß nicht mal, was ich mit mir selbst tun könnte, um wieder
mit der Welt im Reinen zu sein.
Ich
bin wie gelähmt.
Selbst
meine Fantasie streikt.
29.06.1993.
Ich
hasse dieses Haus.
Diesen
Klogestank, diesen Rauchgeruch.
Ich
hasse es, weil es in die Erde zu versinken droht, weil es nach
Mittelalter und Hoffnungslosigkeit riecht.
Ich
kann es mir nicht mehr vorstellen, wie es ist, täglich unter der
Dusche zu stehen.
Ich
wäre froh, wenn ich es einmal in der Woche, ja sogar einmal im Monat
könnte.
Wenn ich
wenigstens Geld verdienen könnte, mit einer noch so schäbigen
Arbeit, um mir ein paar schöne Sachen zu kaufen!
Doch
meine Bewerbungen haben keine Resonanz.
Ich
dachte, wir sind in Berlin gelandet.
Es
ist aber noch immer der Rand der Welt.
Der
Rand der Verzweiflung.
30.06.1993.
Ich
traue meinen Augen nicht.
Lora
und Paul spielen im Hof Fußball.
Sie
sind bester Laune, lachen.
Es
klingt wie Musik in meinen Ohren.
Ich
kann mich nicht sattsehen an diesem Bild.
Eine
Menge Ballast fällt von mir ab.
Als
wäre es die befreiende Dusche, die ich schon immer erwartet
hatte.
Paul wird
nie ahnen, mit wie wenig Aufwand er mich froh und unbeschwert machen
könnte.
Selbst
wenn ich ihm das erklären würde, bis morgen würde er es vergessen.
01.07.1993.
Paul
hat Lora eine Schaukel gebastelt und diese an den Birnbaum
gehängt.
Dieser
Friede ist etwas, das ich kaum fassen kann.
Dabei
merke ich, wie ich selbst in den letzten Tagen nur noch genörgelt
und an ihnen bei jedem ihrer Schritte etwas auszusetzen hatte.
Es
scheint abgefärbt zu haben.
Bin
ein Wolf geworden, der heulte, weil er sich unter Wölfen fühlte.
Ich
habe es eingesehen.
Schön
wäre es, wenn er das auch mal könnte.
Paul
hat ein blaues Plastikfass von Frank bekommen.
Wir
sehen uns an und lachen laut los.
Der
gleiche Gedanke zuckt durch unseren Kopf.
Genau
so ein Plastikfass stand im Sommer auf unserem Garagendach.
Wir
hatten zwar ein normales Bad, doch im Sommer gab’s Fassduschen.
Den
ganzen Tag über wärmte uns die Sonne das Wasser, und abends hatten
wir es bereit zum Duschen.
Paul
macht sich an die Arbeit.
In
einer Stunde haben wir endlich unsere eigene Dusche, sogar mit
Kabine.
Selbst
Frank wird neidisch.
06.07.1993.
Heute
habe ich von Carina einen Brief bekommen.
Sie
hat für uns eine Wohnung irgendwo im Westen gefunden.
In
Leun.
Wir sollen
bloß kommen, weiter wird sie uns dann helfen.
Ich
schöpfe neue Hoffnung, neue Kraft.
Vielleicht
wäre es doch gut, wenn wir ein paar Monate auf unserem Hintern
sitzen bleiben würden.
Nicht
immer gleich wegziehen, wenn es brenzlig wird.
Doch
ich fühle, ich muss was unternehmen.
So
gehe ich zugrunde.
07.07.1993.
Lora
begleitet mich zum Hauptbahnhof.
Eine
halbe Stunde stehen wir am Schalter für einen Ausdruck.
Dann
an einem anderen Schalter für die Fahrscheine.
Und
als mir die Fahrscheine ausgehändigt werden, kann ich nicht
bezahlen.
In
meiner Naivität dachte ich, 250 DM würden genügen.
Welch
ein Wahn.
Hin und
zurück kostet es das Doppelte.
Meine
Enttäuschung und Scham sind so groß, als ich die Fahrscheine
zurückgeben muss, dass ich am liebsten im Erdboden versinken
möchte.
Ich bin
einer Ohnmacht nahe, schon weil es in der Halle so rasend schwül
ist.
Ich kriege
fast einen Kreislaufkollaps.
Als
ich mich zu Hause wieder etwas beruhigt habe, glaube ich fest daran,
dass es sicherlich die Vorsehung so wollte.
Ich
muss nur Geduld aufbringen.
Irgendwann
wird sich schon etwas ergeben.
12.07.1993.
Aus
irgendwelchen Gründen hat uns das Arbeitsamt wieder mal das Geld
gestrichen.
Ich
kann es nicht fassen.
Wir
sind auch nicht mehr krankenversichert.
Nachmittags
habe ich so heftige Bauchschmerzen, dass ich kaum noch aufrecht gehen
kann.
Hab ich mein
Leben in Rumänien leichtsinnig aufs Spiel gesetzt?
Ich
bin hier unglücklich.
Doch
wenn ich an die Verwandtschaft meines Mannes denke, die sich ständig
in unser Leben eingemischt hatte, dann fühle ich, dass ich zwischen
Böse und Schlecht nicht weiß, welche Alternative die bessere wäre.
16.07.1993.
Meine
Bauchschmerzen wollen nicht enden.
Paul
besteht darauf, dass wir Oma täglich zum Mittagessen zu uns
holen.
Ich wehre
mich vehement.
Er
kann ihr das Essen rüberbringen, aber ich will unser Gedränge in
der Küche nicht übertreiben.
Und
außerdem soll Oma die Gelegenheit haben, mein Essen wegzuschütten,
wenn sie es nicht mag.
Und
nicht vor meinen Augen die Nase rümpfen müssen.
Unsere
Küche ist sicherlich anders, als sie es gewohnt ist.
Ich
werde mir nicht wegen Oma jeden Tag Gedanken machen, ob es ihr
schmeckt, ob sie das überhaupt essen darf und so weiter.
Mich
dann täglich in meiner Arbeit gestört fühlen, weil jemand da sitzt
und sich nicht mehr wegbewegen will.
Jetzt
bin ich wieder die Böse.
Ich
frage mich dann besorgt:
Bin
ich wirklich eine Egoistin?
17.07.1993.
Die
Schmerzen hören nicht mehr auf.
Ich
müsste zu einem Arzt.
Ich
höre das Leben an mir sinnlos vorbeirauschen.
21.07.1993.
Endlich
eine positive Antwort auf meine Bewerbungen.
Eine
Hauswartstelle wäre in der G.-Straße frei.
Im
Westteil der Stadt.
Im
Zentrum.
Zwei
Zimmer, Küche, Bad!!!
Es
ist ein Seniorenwohnhaus.
Zuerst
schrecke ich zurück.
Ich
komme aus der Seniorennummer nicht mehr raus.
Aber
wir müssen es mal näher betrachten.
Vielleicht
ist es nicht so schlimm.
Und
ich brauche dringend eine Aufgabe.
22.07.1993.
Hatten
heute schon unser Vorstellungsgespräch.
Ein
riesiges Möbelhaus.
Da
drin die Hausverwaltung.
Beeindruckend.
Ein
Luxus, wie ich ihn noch nie erlebt habe.
Eine
Dame und ein Herr nehmen uns unter die Lupe.
Ich
erzähle kurz unsere Geschichte und dass wir auch unbedingt eine
menschenwürdige Wohnung brauchen.
Ich
weiß nicht, ob ich das, was ich sage, sagen sollte.
Aber
wir bekommen die Zusage.
Dann
führt uns diese Frau Wiener durch das Haus, in dem wir wohnen
werden.
Ich
erschrecke zwar vor den Dimensionen, wenn ich daran denke, das hier
alles sauber zu machen.
Aber
erstmals verdränge ich meine Ängste.
Die
Wohnung im Parterre ist nicht sehr groß, aber sie hat gerade Wände,
ein stabiles Dach über der siebenten Etage, Zentralheizung, keinen
Klogeruch und endlich ein ordentliches Bad.
Wir
erklären uns einverstanden.
Die
Wohnung wird aber erst am 1. September frei.
Tut
nichts.
Hauptsache,
im Winter sitzen wir im Warmen.
Die
Gegend, obwohl inmitten der Großstadt, ist sehr ruhig.
23.07.1993.
Lora
lebt an den Wochenenden, wenn Anna kommt, förmlich auf.
Sie
jammert schon, dass wir wieder umziehen.
Sie
tut mir so leid, aber es muss doch irgendwann mal zu Ende gehen mit
diesem ewigen Umziehen.
Frank
hat mich mit Frau Dr. Wehnert bekannt gemacht.
Sie
kommt Oma öfter besuchen und hat mir auch gleich einen Termin
gemacht.
Auch ohne
Versicherung.
26.07.1993.
Habe
heute einen Ultraschalltermin.
Zum
Glück wird nichts gefunden.
Ganz
schöner Tag heute.
Und
die Blumen vor dem Haus sind alle in voller Blüte.
Ich
komme an den Nussbäumen vor dem Haus vorbei.
Nussbäume
wie in Rumänien.
Sie
sprechen keine andere Sprache.
Säuseln
gleich im Wind und haben einen so kräftigen Stamm, dass man sie am
liebsten umarmen möchte.
Schutz
suchen möchte, weil sie so vertraut sind.
27.07.1993.
Kuhl
ist aus Frankreich zurück.
Am
Wochenende können wir in sein Ferienhaus.
Als
er hört, dass wir eine Wohnung und Arbeit gefunden haben, scheint er
sich aufrichtig zu freuen.
Also,
zugegeben, wenn er nicht gewesen wäre, säßen wir sicherlich noch
immer in Wohldorf.
30.07.1993.
Dieses
Arbeitsamt macht mich verrückt.
Paul
bekommt noch drei Monate lang Eingliederungsgeld, ich nicht.
Obwohl
wir zusammen eingereist sind.
Ich
bekomme wieder Bauchschmerzen.
Beim
Arbeitsamt erfahre ich, dass ich, obwohl ich keinen Anspruch auf
Arbeitslosenhilfe habe, einen Antrag auf Arbeitslosenhilfe stellen
muss.
Wenn der
dann nicht bewilligt wird, bekomme ich Sozialhilfe.
Und
dann kann ich auch wieder zum Arzt gehen.
Was
bei den einsetzenden starken Blutungen jetzt recht dringend
wäre.
Mann!
Bei
der Gesetzlosigkeit in Rumänien habe ich mich fast wohler gefühlt
als hier mit diesem Gesetzeschaos.
Ich
blicke hier nicht mehr durch.
31.07.1993.
Es
schüttet wie aus Eimern.
Mit
schwerem Gepäck ziehen wir durch halb Brandenburg zu Kuhls
Ferienhaus.
Mit
Anna und Lora im Schlepptau.
Mein
gesundheitlicher Zustand fährt Achterbahn.
Wir
sollen die Türen und die Decke streichen, auf der Terrasse Farbreste
entfernen.
Paul
schimpft mal wieder.
Die
Decke will die Farbe nicht annehmen.
Dann
haben wir irgendwann keine mehr und müssen mit dem Streichen
aufhören.
Wir
spazieren mit den Kindern durch die Kolonie.
Überall
gepflegte Gärten, Stille.
Man
ahnt, dass sich die Menschen hier wohlfühlen.
Trotz
schöner Umgebung fühle ich mich hingegen recht einsam.
Wie
auf Spitzbergen.
Es
scheint, dass hier jeder für sich lebt und von dem Nachbarn kaum
etwas mitbekommt.
Auch
daran muss ich mich gewöhnen.
So
recht können wir uns über dieses Wochenende nicht freuen.
01.08.1993.
Meine
Bauchschmerzen sind fast unerträglich.
Mit
dem schweren Gepäck geht es wieder den endlosen Weg zur Straßenbahn
zurück.
Ich bin
enttäuscht und von düsteren Gefühlen geplagt.
17.08.1993.
Frau
Wiener hat mir geschrieben, ich möge sie anrufen.
Das
mache ich auch.
Sie
weiß, dass wir Möbel brauchen können.
Ein
Mann sei im Haus verstorben.
Wir
können uns mal den ganzen Hausrat ansehen.
Vielleicht
findet sich was, was wir verwerten können.
Zuerst
habe ich ein nicht sehr erbauliches Gefühl.
In
einer fremden Wohnung, noch dazu in der eines Verstorbenen, nach
Sachen zu suchen, die wir nachher selbst benutzen?
Doch
ich fühle mich irgendwie verpflichtet, Ja zu sagen.
Das
Angebot ist gut gemeint.
Und
doch auch schön, dass sich jemand den Kopf über uns
zerbricht.
Erstmals
denke ich mit Besorgnis an diese Hauswartstelle.
Wie
soll ich die Arbeit schaffen mit diesen schrecklichen Schmerzen und
den ewigen Blutungen?
18.08.1993.
Muss
zur Ausschabung.
Es
läuft mir kalt über den Rücken, wenn ich daran denke, dass ich
schon in Rumänien eine machen musste.
Und
das ohne Betäubung.
Betäubungsmittel
gab es nämlich zu der Zeit nicht.
Wahrscheinlich
nur für normale Sterbliche nicht.
23.08.1993.
Wir
warten vor dem Haus in der G.-Straße auf Frau Wiener.
Sie
kommt pünktlich.
In
der Wohnung des Verstorbenen sieht es recht ordentlich aus.
Bin
beruhigt.
Frau
Wiener lässt uns allein.
Ich
fühle mich hier gar nicht wohl.
Nur
zaghaft schauen wir uns um.
Entscheiden
uns für die Couch und die beiden Sessel.
Der
Wandschrank ist auch geräumig und stabiler als der von Kuhls
Sohn.
Und das
schöne Bild mit den rasenden drei Pferden gefällt mir.
Das
reicht.
Es
klingelt.
Eine
alte Frau mit einem Gehstock steht vor uns.
Ach
nee, sie ist schon in der Wohnung.
„Ich
bin die Frau Schreiber“, sagt sie, ohne zu grüßen.
Sie
zieht eine Schublade der Kommode im Vorzimmer auf.
„Das
sind meine Tischtücher.“
Sie
räumt die Schublade aus und stapelt die schönen Damasttischtücher
auf der Kommode.
„Haben
Sie hinter der Couch und in den Sesselritzen nachgeschaut, ob da
nicht Geld versteckt ist?“
Ich
bin wie versteinert.
Weiß
nicht, wie mir geschieht.
Paul
hat auch ein etwas dämliches Gesicht.
„Nee,
haben wir nicht“, sage ich. „Wenn Sie wollen, dürfen Sie es
tun.“
„Ja, ist
gut.“
Dann
greift sie sich die Tischtücher und geht wieder grußlos davon.
Wir
bleiben wie vom Donner gerührt zurück.
Wenn
es hier noch mehr von diesen Exemplaren gibt, dann schwant mir nichts
Gutes.
Um ehrlich
zu sein, jetzt tut es mir leid, dass nicht ich die Schublade vor dem
Erscheinen dieses Drachen geöffnet habe.
Die
wunderschönen Damastdecken!
Wir
beginnen, die Schubladen am Wandschrank auszuräumen.
Geld
und Reichtümer sind da nicht.
Eine
Menge Papiere, Rechnungen, Krimskrams.
Nach
zwei Stunden haben wir alles, was wir an Möbeln brauchen, gesäubert
und auszugsbereit aufgestellt.
27.08.1993.
Bin
so stark erkältet, dass ich mich am liebsten hinlegen würde.
Alle
Knochen schmerzen mir.
Ich
muss aber fit bleiben, denn morgen kommen unsere bayerischen
Freunde.
Rosie,
ihr Mann Franz, ihre Kinder, Florian und Elfriede und die kleine
Kathrin.
Ich
hoffe, ich werde dieser Herausforderung gerecht.
28.08.1993.
Meine
Bayern sind nett wie auch damals bei unserem Besuch.
Obwohl
es bei uns sehr eng ist, fühlen sie sich gleich pudelwohl.
Nur
ich bin mit meinem brummenden Kopf und der laufenden Nase gar nicht
gut drauf.
Wie ich
fünf Menschen mehr bei guter Laune halten kann, ist mir ein
Rätsel.
Frank
ist, wie schon so oft, mein rettender Engel.
Während
Franz und Florian zur Funkausstellung fahren, nimmt er die drei
Mädels und fährt mit ihnen und Lora an den Müggelsee.
Wenigstens
kann ich mein Szegediner Gulasch jetzt in Ruhe kochen und hoffen,
dass es ihnen schmeckt.
Am
Nachmittag sind die Kinder im Garten mit Ball- und Versteckspielen
beschäftigt, und wir Älteren machen es uns auf unserer Terrasse bei
Kaffee und Kuchen gemütlich.
Auf
Loras ausziehbarer Couch müssen dann alle fünf die Nacht
verbringen.
Keiner
jammert.
Sie
fühlen sich alle wohl.
29.08.1993.
Morgens
um sieben Uhr fahren meine Gäste wieder nach Hause.
Sie
haben alle gut geschlafen.
Nur
Florian tut mir leid.
Scheinbar
hat mein Gulasch nicht nur gut geschmeckt.
Ihm
hat es etwas arg zugesetzt.
Es
geht ihm gar nicht gut.
Ich
gebe ihm eine Packung Verdauungspräparate mit auf den Weg und hoffe,
dass er den Heimweg gut übersteht.
Lora
ist enttäuscht.
Scheinbar
hat Kathrin ihre so geliebte Barbie entführt.
Die
ist nämlich im ganzen Haus nicht aufzutreiben.
Ich
bin auch nicht glücklich bei diesem Gedanken.
Doch
Rosi hat mir auf den Tisch im Wohnzimmer heimlich 45 DM gelegt.
Da
muss halt als Erstes eine neue Barbie her.
31.08.1993.
Unser
Vormieter hat uns eine intakte Couch, einen Vorzimmerschrank,
Gardinen und andere Kleinigkeiten gegen eine Abstandssumme von 2400
DM überlassen.
Das
Sozialamt hat das übernommen, aber mir blutet das Herz, als ich ihm
das Geld überreiche.
Ich
habe dabei so ein Gefühl, als hätte ich hier ein ganz schlechtes
Geschäft gemacht.
Aber
das ist bei mir ja nichts Neues.
Was
ich am besten kann, ist eben, schlechte Geschäfte zu machen.
Ende Kapitel 5
