Heimat
Ich habe es selten, dieses Gefühl von Heimweh, diese Wehmut beim Gedanken an das, was einmal war.
Doch heute Morgen war sie plötzlich da.
Ich
erinnerte mich an die alten Häuser in meiner Straße, an die schiefen,
uralten Holzzäune und die ungepflasterte Dorfstraße. An die
Wassergräben, die sich an ihr entlangzogen und die wir immer sauber
halten mussten, damit das Regenwasser abfließen konnte. An die Bäume
entlang dieser Gräben und an die Blumenbeete vor den Häusern.
Und ich erinnerte mich an die Menschen.
Ungefähr
vierhundert Familien lebten in unserem Heimatort. Wir kannten einander
mit Namen und Vornamen. Die Eltern arbeiteten irgendwo in der nahen
Stadt zusammen, die Kinder gingen gemeinsam zur Schule.
In
der ersten Klasse besuchte ich noch die rumänische Schule, die
praktisch in der orthodoxen Kirche untergebracht war. In der zweiten
Klasse hatten wir dann schon eine neue Schule – kommunistische Regierung
eben, mit einer rumänischen, einer deutschen und einer ungarischen
Klasse.
Da
es im Dorf nicht genügend Kinder gab, um jeden Jahrgang einzeln zu
unterrichten, saßen Erst-, Zweit-, Dritt- und Viertklässler gemeinsam in
einem Raum. Das in der ebenerdigen rumänischen Klasse und im ersten
Stock in der ungarischen und in unserer Klasse. So hörten wir jedes Jahr
wieder, was wir längst gelernt hatten, und bekamen gleichzeitig schon
mit, was erst später auf uns zukommen würde. Der Unterrichtsstoff blieb
auf diese Weise ganz von selbst frisch im Gedächtnis.
Meine
Lehrerin, Josephine Lang, war es, die mir irgendwie die Augen für das
Leben geöffnet hatte. Sie war Lehrerin mit Leib und Seele. Eine, die
ihre Stunden gern ins Freie verlegte, mitten auf eine Wiese, oder mit
uns am riesigen Damm, der der Bega, unserem Fluss, folgte, entlang
spazierte.
Dort
lernte ich Dinge, die ich nie wieder vergessen habe. Wo immer ich heute
auf der Welt wäre – ich wüsste, wo Osten und Westen liegen und alles,
was dazugehört.
Für
Märchenlesen und Märchenschreiben gab es keinen Stundenplan. Aber unsre
geliebte Lehrerin fand trotzdem Zeit dafür. Sie brachte uns
Märchenbücher mit, Märchen der Gebrüder Grimm, aus denen wir der Reihe
nach vorlesen durften. So lernten wir eigentlich erst richtig lesen. Und
irgendwann forderte sie uns auf, selbst einmal zu versuchen, ein
Märchen zu schreiben.
Vielleicht liegt dort irgendwo der Anfang meiner Freude am Schreiben.
Diese
und ähnliche Gedanken brachten mich heute dazu, ganz prosaisch Google
Maps zur Hand zu nehmen und meinen Heimatort zu suchen.
Und damit nahm ich zugleich meine größte Enttäuschung zur Hand.
Ich ging auf dem Bildschirm die Straße entlang, in der ich neunzehn Jahre gelebt hatte und groß geworden war.
Kein einziges Haus von damals war mehr da.
Kein
Fleckchen Erde schaute unter den Betonflächen hervor. Kein Baum war
geblieben und schon längst kein Blumenbeet. Ich suchte nach etwas, das
mir sagen könnte: Siehst du, hier warst du zu Hause.
Ich fand nichts.
Früher
hatten die Menschen kein Geld, sich einfach ein neues Haus zu bauen.
Also wurde das alte repariert, verschönert, gehegt und gepflegt. Hatte
man keinen Nagel, um das Tor zu reparieren, hatte der Nachbar vielleicht
einen. Hatte der kein Salz mehr, war bei uns bestimmt noch etwas da.
Die
Zeit nach dem letzten großen Krieg... Es gab ein Zusammensein. Es gab
Zusammenhalt. Und man fragte (noch) nicht danach, wer Deutscher, wer
Ungar oder Rumäne war. Die meisten sind mindestens zweisprachig
aufgewachsen. Die Feiertage wurden alle gefeiert, ob orthodoxe,
katholische, evangelische.
Es gab Heimat.
Und
nun ist meine Heimat unter einer Betondecke verschwunden. Viele meiner
einstigen lieben Nachbarn, Bekannten und Freunde liegen inzwischen auf
dem kleinen Friedhof am Dorfrand, und ich geistere mit Google Maps über
den Boden hinweg, der einmal auch der meine war und jetzt genauso
zugeschüttet ist mit Beton, wie die Gräber.
Alles
ist fremd geworden. Neu, zugebaut und wie erstarrt. Wo früher Höfe und
Gärten zwischen den Häusern lagen, steht heute Haus an Haus.
Ich
glaube kaum, dass all diese Häuser nur deshalb gebaut wurden, weil die
Menschen plötzlich nicht mehr wussten, wohin mit ihrem Geld. Vielleicht
war es eher dieses alte Spiel: Baut der Nachbar ein größeres Haus als
meines, gehe ich eben zur Bank, nehme einen Kredit auf und zahle ein
Leben lang an einem Haus, das noch größer sein soll als seines.
Nur
ist zwischen diesen Häusern kaum noch Platz für einen Garten oder einen
Hof, über den man dem Nachbarn etwas Nettes zurufen könnte. Auf den
Straßen stehen kaum Autos; vermutlich stehen sie in den Höfen, dort, wo
früher Kinder spielten und Menschen miteinander redeten.
Vielleicht verkläre ich manches. Das tut Erinnerung wohl mit uns.
Aber
wenn ich wieder einmal Heimweh haben werde, weiß ich jetzt, wonach ich
eigentlich suche. Nicht nach einem Haus, nicht nach einer Straße und
nicht nach einem Fleckchen Erde, den ich auf einer Landkarte
wiederfinden könnte.
In meinem Alter ist Heimat wohl nur noch im Herzen zu finden.
Und manchmal weiß ich nicht einmal mehr genau: Hat es sie wirklich so gegeben – oder habe ich sie nur geträumt?
Vielleicht
ist das, was ich heute auf dem Bildschirm gesehen habe, auch die Folge
einer Geschichte, in der zwei politische und gesellschaftliche Systeme
so abrupt aufeinanderfolgten, dass das Neue das Alte nicht nur ersetzen,
sondern beinahe auslöschen wollte.
Glücklich
sind wohl jene, die ihre Heimat mitverändern und mitgestalten können
und sie deshalb, wenn sie alt geworden sind, noch wiedererkennen.
Meine gibt es noch.
Nur nicht mehr dort.
Lisa Nicolis
