Sam liest mir die Leviten, nur musste ich drum bitten...
Ich:
Nicht wie gut, wie schlecht, sondern wie verständlich.
Als wenn am Riff sich Ozeane schäumten,
ein Sturm sich paarte mit der Wellen Tosen,
sich Herztöne mit Kraft dagegen bäumten,
im Kopf nur Dornen wären und im Herz die Rosen.
Wie viele meiner Sinne irrer Spiele
hat die Natur in ihren endlosen Geflechten?
Gelebt hab ich schon, endlos scheinend, viele.
Wenn sie mir doch nur wieder Freude brächten.
SAM:
Ja – verständlich ist es, und zwar nicht nur auf der Ebene einzelner Bilder. Ich verstehe auch, was sich dahinter bewegt. Allerdings gibt es zwei Stellen, an denen ich beim ersten Lesen kurz hängenbleibe.
Die erste Strophe lese ich so: Im Menschen herrscht ein gewaltiger Aufruhr. Riff, Ozean, Sturm und Wellentosen sind das Äußere bzw. Körperliche dieses Aufruhrs; dagegen stemmen sich die Herztöne. Und dann kommt mit
im Kopf nur Dornen wären und im Herz die Rosen.
eine sehr klare Trennung: Der Kopf schmerzt, bedrängt, verwirrt – aber das Herz trägt noch etwas Schönes, Lebendiges, vielleicht Liebe oder Lebenswillen. Das ist für mich unmittelbar verständlich.
Interessant ist „Als wenn“. Dadurch klingt die ganze erste Strophe wie der Versuch, einen Zustand überhaupt erst vergleichbar zu machen: Wie soll ich erklären, was da in mir vorgeht? Als würden am Riff Ozeane schäumen … Das funktioniert.
In der zweiten Strophe wird es schwieriger:
Wie viele meiner Sinne irrer Spiele
hat die Natur in ihren endlosen Geflechten?
Hier verstehe ich ungefähr, was du meinst, aber grammatisch weiß ich nicht sofort, wer mit wem spielt. „meiner Sinne irrer Spiele“ kann man entschlüsseln als die irren Spiele meiner Sinne. Aber dann kommt „hat die Natur …?“ – und ich erwarte unwillkürlich eine Ergänzung: Wie viele … hat die Natur was? Erzeugt? Versteckt? Bereit? Eingeflochten? Gerade weil das Verb fehlt beziehungsweise erst aus einem größeren gedachten Zusammenhang ergänzt werden müsste, wird die Aussage unscharf.
Bei
Gelebt hab ich schon, endlos scheinend, viele.
bleibe ich noch stärker stehen. Viele was? Jahre? Tage? Leben? Erfahrungen? Spiele? Wenn „viele“ sich auf etwas Vorhergehendes beziehen soll, finde ich den Bezug beim ersten Lesen nicht sicher. Das ist für mich die unverständlichste Zeile des Ausschnitts.
Der Schluss dagegen:
Wenn sie mir doch nur wieder Freude brächten
ist emotional verständlich – aber „sie“ ist nicht eindeutig. Sind es die Sinne? Die Spiele der Sinne? Die Jahre? Die Geflechte der Natur? Ich vermute am ehesten: die Sinne bzw. ihre Wahrnehmungen sollen wieder Freude bringen, nachdem sie momentan eher Chaos, Schmerz oder Überreizung erzeugen.
Wenn ich es deshalb ausschließlich nach deiner Frage beurteile, nicht nach „gut oder schlecht“:
Erste Strophe: sehr gut verständlich.
„Wie viele meiner Sinne irrer Spiele …“: Sinn ahnbar, sprachlicher Zusammenhang nicht sofort klar.
„Gelebt hab ich schon, endlos scheinend, viele“: ohne weitere Erklärung kaum eindeutig verständlich.
„Wenn sie …“: Gefühl klar, Bezugswort unklar.
Und etwas Wichtiges: Ich glaube nicht, dass das Problem darin liegt, dass deine Bilder zu kompliziert wären. Riff, Sturm, Herztöne, Dornen und Rosen kann ich mühelos miteinander verbinden. Die Unklarheit entsteht erst dort, wo die grammatischen Bezüge nicht mehr eindeutig sagen, worauf „viele“ und „sie“ zurückweisen. Das ist ein ziemlich genauer Unterschied.
Ich:
Da ich auch an einem ekelhaften Tinnitus leide und ewig ein Rauschen im Kopf habe, ist es für mich klar, was ich meine, aber der Leser weiß das tatsächlich nicht, dass meine Gehirnwinden mir ewig was vorspielen.
SAM:
Genau. Jetzt, mit dieser einen Information, fällt das Gedicht für mich plötzlich zusammen – und ich sehe auch, weshalb es dir selbst vollkommen eindeutig vorkommt.
Das Riff, die schäumenden Ozeane, der Sturm, das Wellentosen – das ist nicht bloß eine poetische Darstellung von innerer Unruhe. Es ist Klang. Ein permanentes Rauschen und Tosen, das dein Kopf hervorbringt. Und die „Herztöne“ bäumen sich gegen dieses akustische Getöse. Die erste Strophe bekommt dadurch eine viel konkretere Bedeutung.
Auch deine Zeile
Wie viele meiner Sinne irrer Spiele
verstehe ich jetzt anders: Die eigenen Sinne spielen einem etwas vor. Der Körper erzeugt Wahrnehmungen, für die es draußen keine entsprechende Ursache gibt. Und mit den „endlosen Geflechten“ der Natur kommst du zu diesem unbegreiflichen Gebilde Mensch – Gehirn, Nerven, Sinne –, das solche Dinge überhaupt hervorbringen kann.
Aber genau diese Information besitzt der Leser nicht. Und ich würde ihm auch nicht unbedingt das Wort „Tinnitus“ hinschreiben. Das würde das Gedicht sofort medizinisch festnageln und ihm einen Teil seiner Bildkraft nehmen.
Es müsste wahrscheinlich nur eine kleine Spur hinein, die erkennen lässt: Dieses Meer rauscht nicht draußen. Es rauscht in mir. Dann versteht der Leser rückwirkend auch Riff, Ozeane, Sturm und Wellen ganz anders.
Und jetzt verstehe ich übrigens auch deine „Dornen im Kopf“ wesentlich wörtlicher als vorher: Im Kopf das quälende Geschehen – und dagegen oder daneben im Herzen noch die Rosen.
Du hast also kein Bilderproblem. Du hast ein kleines Informationsproblem: Du weißt beim Schreiben etwas Entscheidendes, das dein Leser nicht weiß. Das passiert leicht, gerade weil für dich zwischen „Rauschen im Kopf“ und „Ozeane schäumen“ überhaupt keine Lücke besteht. Für den Leser fehlt genau über dieser Lücke noch ein schmales Brett. 😄
Und ich glaube, dieses Brett sollte wirklich schmal bleiben. Sonst erklärst du das Gedicht kaputt.
ICH:
Eine Strophe dazwischen?
SAM:
Ja. Eine Strophe dazwischen könnte genau die richtige Lösung sein – allerdings nicht als Erklärung des Tinnitus, sondern als Übergang: vom tobenden Meerbild hin zu der Erkenntnis, dass dieses Tosen im eigenen Kopf entsteht.
Sie müsste zwischen
im Kopf nur Dornen wären und im Herz die Rosen.
und
Wie viele meiner Sinne irrer Spiele …
stehen.
Ich würde darin weder „Tinnitus“ noch „Ohr“ noch eine medizinische Erklärung verwenden. Vielleicht genügen drei Dinge: kein wirkliches Meer – dennoch hörbares Tosen – der eigene Sinn als Urheber.
Zum Beispiel nur als Denkrichtung, noch nicht als fertige Strophe:
Kein Meer ist nah …
und dennoch rauscht …
etwas, das nur ich hören kann …
Dann begreift der Leser plötzlich: Ach! Die Ozeane am Anfang waren nicht einfach eine Metapher für seelischen Aufruhr. Sie beschreiben eine Wahrnehmung.
Und danach bekommt
Wie viele meiner Sinne irrer Spiele
hat die Natur in ihren endlosen Geflechten?
eine ganz andere Grundlage.
Ich würde sogar versuchen, in der Zwischenstrophe das Wort „Stille“ unterzubringen. Denn darin steckt das eigentlich Unheimliche: Draußen kann völlige Stille herrschen – und im Kopf ist trotzdem Brandung. Dieser Gegensatz könnte die Brücke fast allein bauen.
Also: Ja zur Zwischenstrophe. Aber nicht vier erklärende Verse. Vier Verse, die dem Leser das fehlende Erlebnis geben. Dann darf er den Rest selbst verstehen.
Ich:
Hilst du mir, ich weiß nicht, wie ich da ansetzen soll.
SAM:
Ja, gern. Ich glaube, wir sollten nicht gleich eine fertige Strophe bauen, sondern erst den Gedanken finden, von dem aus du selbst weiterschreiben kannst.
Deine erste Strophe macht etwas sehr Schönes: Sie lässt den Leser zunächst glauben, er befinde sich mitten in einem gewaltigen Naturgeschehen. Und genau diese Täuschung würde ich erhalten. Die neue Strophe sollte erst nach und nach verraten: Dieses Meer existiert gar nicht.
Der Angelpunkt könnte deshalb ein Satz sein wie:
Doch draußen schweigt die Welt.
Damit geschieht auf einmal etwas. Der Leser denkt: Moment – woher kamen dann Sturm und Wellen?
Danach könntest du in drei Richtungen suchen:
- draußen ist Stille,
- trotzdem hörst du dieses unaufhörliche Rauschen,
- dein eigener Sinn erzeugt etwas, das gar nicht vorhanden ist.
Ich gebe dir bewusst keine fertige Strophe, sondern ein paar Versanfänge, mit denen du herumspielen kannst:
Doch draußen schweigt die Welt …
Kein Wind bewegt …
Und dennoch rauscht …
Nur mir …
In meinem Kopf …
Mein Ohr hört Meere …
Wo keine Welle …
Aus stillen Räumen …
Ein Meer, das niemand außer mir …
Besonders reizt mich bei deinem Gedicht der Widerspruch „Meer ohne Meer“. Etwa der Gedanke:
Ich höre Meere, wo doch keine sind.
Nicht unbedingt als endgültiger Vers – aber das ist der Kern, den deine fehlende Strophe transportieren müsste.
Und dann würde ich an deiner Stelle einmal ganz frech vier schlechte Zeilen hinschreiben. 😄 Nicht reimen, nicht zählen, nichts schönmachen. Nur:
Was höre ich? – Was ist tatsächlich draußen? – Woher kommt das Gehörte? – Was macht das mit mir?
Aus diesem Rohmaterial suchen wir anschließend deine Strophe heraus. So bleibt es dein Gedicht und wird nicht meines.
ICH:
