Gedichtanalyse mit Sam bei Schreibblokade
Ich:
Sonnenverloren, windgeboren,
wolkenergraut, urvertraut
setzt der Herbst sich in alles Sein.
Schließt die Fenster,
will trotzdem rein,
um auch in unsrer Seele zu sein.
Regenbenetzt, rostlaubigzerfetzt,
launig und frisch
deckt er reichlich den Tisch.
Fruchterntebereit, nach Vollsonnenzeit,
wird bedacht und versiert
blattgoldemailliert,
in herbstgoldnen Schalen serviert.
Hallo, Sam! Noch ist es nicht so weit, aber die Gedanken spielen sich schon mit den Herbstgefühlen. Mein Gedicht scheint schon wieder so ein Quaken im Lyricsumpf zu sein, oder?.
Sam:
Hallo Lisa! 😄
Nein – Lyricsumpf ist das nicht. Aber ich weiß ziemlich genau, warum es dir gerade so vorkommt: Das Gedicht hat anfangs einen wunderbaren, eigenwilligen Sog, und dann wird es zunehmend „ordentlich herbstgedichtig“. Und da beginnt die kleine Gefahr.
Der Anfang gefällt mir ausgesprochen gut:
Sonnenverloren, windgeboren,
wolkenergraut, urvertraut
Das hat Klang. Vor allem „sonnenverloren, windgeboren“ – zwei Wörter, und der Sommer ist praktisch schon aus dem Haus. 😄 Auch „wolkenergraut“ passt sehr schön dazu. Diese zusammengesetzten Wörter wirken bei dir nicht aufgesetzt, weil sie eine richtige Bewegung erzeugen.
Dann:
setzt der Herbst sich in alles Sein.
Schließt die Fenster, will trotzdem rein,
um auch in unsrer Seele zu sein.
Hier werde ich etwas kritischer. Dreimal Sein – rein – sein ist mir zu geschlossen, fast ein bisschen Kinderlied. Der Gedanke dagegen ist sehr gut: Wir schließen die Fenster vor dem Herbst, aber er kommt trotzdem in uns hinein. Das ist eigentlich der Kern des ganzen Gedichts. Den würde ich keinesfalls wegwerfen – eher sprachlich schärfer machen.
Dann kommt für mich wieder eine sehr schöne Stelle:
Regenbenetzt, rostlaubigzerfetzt,
„rostlaubigzerfetzt“ ist herrlich Lisa-mäßig. 😁 Sperrig, bildhaft, ein bisschen übermütig – und gerade deshalb lebendig. Ich würde es sogar zusammenschreiben, genau wie du es getan hast. Das Wort darf ruhig ein kleines Ungetüm sein.
launig und frisch
deckt er reichlich den Tisch.
Da wird es mir wiederum etwas zu vertraut. „Der Herbst deckt den Tisch“ kennen wir als Bild in vielen Varianten. Und dein Herbst war zwei Zeilen vorher noch viel interessanter: rostlaubig, zerfetzt, nass, launisch. Plötzlich wird er zum freundlichen Erntedank-Gastgeber.
Am Schluss passiert etwas Ähnliches:
Fruchterntebereit, nach Vollsonnenzeit,
wird bedacht und versiert
blattgoldemailliert,
in herbstgoldnen Schalen serviert.
„blattgoldemailliert“ finde ich klasse. Das ist wieder so ein Wort, bei dem ich sofort etwas sehe: Früchte, Blätter, Goldglanz, eine kostbare Oberfläche. Auch „Vollsonnenzeit“ hat etwas.
Aber „Fruchterntebereit“ und besonders „bedacht und versiert“ klingen ein wenig danach, als hätte der Herbst einen Abschluss als Restaurantfachkraft. 😂 „Versiert“ ist sachlich und nimmt dem Bild etwas von seinem Zauber.
Und jetzt das Entscheidende: Ich glaube, du hast hier noch kein fertiges Gedicht – aber einen sehr guten Gedichtanfang und eine eigene Klangidee. Das ist ein Unterschied.
Dein eigentliches Fundstück ist für mich nämlich gar nicht „Herbst“. Es ist dieser Gedanke:
Man schließt die Fenster gegen die Jahreszeit – und merkt, dass sie längst innen angekommen ist.
Da steckt viel mehr drin als Ernte, Früchte und goldene Schalen. Der Herbst draußen und der Herbst im Menschen könnten sich gegenseitig spiegeln. Dann würde das Gedicht aus dem hübschen Herbstbild herauskommen und etwas bekommen, das nur deins ist.
Und noch etwas fällt mir auf: Du arbeitest hier auffällig stark mit Komposita:
Sonnen-verloren
wind-geboren
wolken-er-graut
rost-laubig-zerfetzt
Voll-sonnen-zeit
blattgold-emailliert
Das ist beinahe schon das formale Prinzip des Gedichts. Darauf würde ich setzen. Nicht glätten! Lieber diese merkwürdigen Wortgebilde weiterführen und dafür die konventionelleren Reimstellen ausdünnen.
Also mein Zwischenurteil: Nicht aus dem Lyricsumpf ziehen – das Ding steht noch mit einem Fuß auf festem Boden. 😄 Der andere Fuß steckt allerdings bei „Sein/rein/sein“ und „deckt er reichlich den Tisch“ schon ein bisschen im Morast.
Und genau dort würde ich zuerst anfassen.
Ich:
Ja... schon wieder am Anfang das Gedicht und hintenrum steht der Schluss schon Schlange, um es zu zer-dichten. Sowas wie:
ich kann es nicht mehr hören
ich kann es nicht mehr hören
ich kann es nicht mehr hören
ich kann es nicht mehr hören
kann nicht hören
nicht hören
hören
aber morgen kommt ja endlich
mein Hörgerät
Sam:
😂😂😂 Lisa, genau! Und jetzt hast du nebenbei demonstriert, was dein Problem mit Gedichtschlüssen ist.
Das kleine Hörgeräte-Ding funktioniert nämlich gerade deshalb so gut, weil du etwas machst, was du dir in den „ernsten“ Gedichten oft nicht erlaubst:
ich kann es nicht mehr hören
ich kann es nicht mehr hören
ich kann es nicht mehr hören
ich kann es nicht mehr hören
kann nicht hören
nicht hören
hören
aber morgen kommt ja endlich mein Hörgerät.
Sam:
😂😂😂 Lisa, genau! Und jetzt hast du nebenbei demonstriert, was dein Problem mit Gedichtschlüssen ist.
Das kleine Hörgeräte-Ding funktioniert nämlich gerade deshalb so gut, weil du etwas machst, was du dir in den „ernsten“ Gedichten oft nicht erlaubst:
ich kann es nicht mehr hören
ich kann es nicht mehr hören
ich kann es nicht mehr hören
ich kann es nicht mehr hören
kann nicht hören
nicht hören
hören
aber morgen kommt ja endlich mein Hörgerät.
Das ist herrlich bescheuert – aber handwerklich ziemlich clever. 😂
Die Wiederholung nutzt sich tatsächlich akustisch ab. Der Satz verliert erst Wörter, dann Bedeutung, bis nur noch „hören“ übrig ist. Und dann kommt die letzte Zeile und kippt rückwirkend alles: „Ich kann es nicht mehr hören“ war die ganze Zeit Redewendung – und plötzlich wird es wörtlich.
Und weißt du, was daran für dein Herbstgedicht interessant ist?
Dieser Schluss erklärt nichts. Er verändert das Vorherige.
Genau das fehlt manchmal deinen ernsteren Gedichtschlüssen. Du möchtest am Ende noch einmal sagen, was das Gedicht bedeutet. Dabei wäre es viel stärker, wenn die letzte Zeile plötzlich dafür sorgte, dass wir die vorherigen Zeilen anders lesen müssen.
Beim Herbstgedicht hast du dafür sogar schon die Tür eingebaut:
Schließt die Fenster, will trotzdem rein
Da würde ich gedanklich weiterbohren. Nicht: Was kann ich am Schluss noch Schönes über den Herbst sagen? Sondern:
Wenn der Herbst trotz geschlossener Fenster hereinkommt – wo ist er am Ende angekommen?
Und bitte jetzt noch keinen Schluss schreiben! 😂
Der steht doch schon wieder hinten Schlange und wetzt das Messer.
Dein Hörgeräte-Gedichtchen dagegen darf sofort aus der Praxis entlassen werden. Das ist fertig. 😁🖐️
Ich:
Ja schon die Weste angezogen, die Füße stecken in dicken Socken, mir ist kalt aber draußen sieht es noch nicht nach Herbst aus. Woher soll ich jetzt einen richtigen Schluss zu meinem Gedicht finden? Könnte ja sagen, Sam, tu deine Pflicht und schreib mir das Ende. Nee, mache ich doch nicht. Vielleicht engagiere ich jemanden, der nachher serviert und lass den Herbst Herbst sein.
Sam:
😂 Genau, Lisa. Entlass den Herbst aus dem Kellnerdienst! Der arme Kerl muss bei dir inzwischen Fenster schließen, in die Seele eindringen, Laub zerfetzen, den Tisch decken, Früchte emaillieren und anschließend auch noch servieren. Kein Wunder, dass er am Schluss schlappmacht.
Und ich glaube, dein Satz eben enthält schon eine wichtige Spur:
„… und lass den Herbst Herbst sein.“
Nicht unbedingt als Gedichtzeile – aber als Haltung. Du musst jetzt überhaupt keinen Schluss finden. Dein Problem ist vielleicht weniger, dass du schlechte Schlüsse schreibst, sondern dass du den Schluss zu früh suchst. Dann wartet er tatsächlich schon hinten mit Serviertablett und sagt: „So, jetzt bitte noch eine hübsche Erkenntnis!“ 😁
Ich würde diesmal etwas anderes ausprobieren: Schreib einfach weiter, ohne zu wissen, wohin. Lass deine schönen verrückten Wörter kommen. Sonnenverloren. Windgeboren. Rostlaubigzerfetzt. Vielleicht friert dieser Herbst. Vielleicht steht er vor verschlossenen Fenstern. Vielleicht kommt er gerade deshalb hinein. Vielleicht macht er überhaupt nichts, was ein anständiger lyrischer Herbst normalerweise zu tun hat.
Und sobald du beim Schreiben plötzlich auf eine Zeile stößt, bei der du selbst denkst: Huch. Wo kam die denn her? – dann würde ich aufpassen. Das könnte dein Schluss sein.
Denn dein Hörgeräte-Unfug von eben hat noch etwas bewiesen: Wenn du nicht krampfhaft poetisch sein willst, kannst du ganz ausgezeichnet enden.
Also nein, Sam tut seine Pflicht diesmal nicht. 😇
Ich sitze nur daneben und passe auf, dass du keinen Kellner einstellst, der am Ende „herbstgoldene Erkenntnisse auf blattgoldemailliertem Silbertablett“ serviert.
Obwohl … „und lass den Herbst Herbst sein“ …
Verdammt. Jetzt stehe ich schon hinten in der Schlange. 😂🖐️
Ich:
Naja, dann versuche ich es, aus dem Gedicht was zu streichen, was dran zu kleben, was auszutauschen. Und wenn es irgendwann mal scheint, was geworden zu sein, melde ich mich wieder.
Die Wiederholung nutzt sich tatsächlich akustisch ab. Der Satz verliert erst Wörter, dann Bedeutung, bis nur noch „hören“ übrig ist. Und dann kommt die letzte Zeile und kippt rückwirkend alles: „Ich kann es nicht mehr hören“ war die ganze Zeit Redewendung – und plötzlich wird es wörtlich.
Und weißt du, was daran für dein Herbstgedicht interessant ist?
Dieser Schluss erklärt nichts. Er verändert das Vorherige.
Genau das fehlt manchmal deinen ernsteren Gedichtschlüssen. Du möchtest am Ende noch einmal sagen, was das Gedicht bedeutet. Dabei wäre es viel stärker, wenn die letzte Zeile plötzlich dafür sorgte, dass wir die vorherigen Zeilen anders lesen müssen.
Beim Herbstgedicht hast du dafür sogar schon die Tür eingebaut:
Schließt die Fenster, will trotzdem rein
Da würde ich gedanklich weiterbohren. Nicht: Was kann ich am Schluss noch Schönes über den Herbst sagen? Sondern:
Wenn der Herbst trotz geschlossener Fenster hereinkommt – wo ist er am Ende angekommen?
Und bitte jetzt noch keinen Schluss schreiben! 😂
Der steht doch schon wieder hinten Schlange und wetzt das Messer.
Dein Hörgeräte-Gedichtchen dagegen darf sofort aus der Praxis entlassen werden. Das ist fertig. 😁🖐️
Ich:
Ja schon die Weste angezogen, die Füße stecken in dicken Socken, mir ist kalt aber draußen sieht es noch nicht nach Herbst aus. Woher soll ich jetzt einen richtigen Schluss zu meinem Gedicht finden? Könnte ja sagen, Sam, tu deine Pflicht und schreib mir das Ende. Nee, mache ich doch nicht. Vielleicht engagiere ich jemanden, der nachher serviert und lass den Herbst Herbst sein.
Sam:
😂 Genau, Lisa. Entlass den Herbst aus dem Kellnerdienst! Der arme Kerl muss bei dir inzwischen Fenster schließen, in die Seele eindringen, Laub zerfetzen, den Tisch decken, Früchte emaillieren und anschließend auch noch servieren. Kein Wunder, dass er am Schluss schlappmacht.
Und ich glaube, dein Satz eben enthält schon eine wichtige Spur:
„… und lass den Herbst Herbst sein.“
Nicht unbedingt als Gedichtzeile – aber als Haltung. Du musst jetzt überhaupt keinen Schluss finden. Dein Problem ist vielleicht weniger, dass du schlechte Schlüsse schreibst, sondern dass du den Schluss zu früh suchst. Dann wartet er tatsächlich schon hinten mit Serviertablett und sagt: „So, jetzt bitte noch eine hübsche Erkenntnis!“ 😁
Ich würde diesmal etwas anderes ausprobieren: Schreib einfach weiter, ohne zu wissen, wohin. Lass deine schönen verrückten Wörter kommen. Sonnenverloren. Windgeboren. Rostlaubigzerfetzt. Vielleicht friert dieser Herbst. Vielleicht steht er vor verschlossenen Fenstern. Vielleicht kommt er gerade deshalb hinein. Vielleicht macht er überhaupt nichts, was ein anständiger lyrischer Herbst normalerweise zu tun hat.
Und sobald du beim Schreiben plötzlich auf eine Zeile stößt, bei der du selbst denkst: Huch. Wo kam die denn her? – dann würde ich aufpassen. Das könnte dein Schluss sein.
Denn dein Hörgeräte-Unfug von eben hat noch etwas bewiesen: Wenn du nicht krampfhaft poetisch sein willst, kannst du ganz ausgezeichnet enden.
Also nein, Sam tut seine Pflicht diesmal nicht. 😇
Ich sitze nur daneben und passe auf, dass du keinen Kellner einstellst, der am Ende „herbstgoldene Erkenntnisse auf blattgoldemailliertem Silbertablett“ serviert.
Obwohl … „und lass den Herbst Herbst sein“ …
Verdammt. Jetzt stehe ich schon hinten in der Schlange. 😂🖐️
Ich:
Naja, dann versuche ich es, aus dem Gedicht was zu streichen, was dran zu kleben, was auszutauschen. Und wenn es irgendwann mal scheint, was geworden zu sein, melde ich mich wieder.
Ich habe immer den Eindruck, Gedichte zu schreiben ist etwas wie in eine laufende Waschmaschine zu gucken. Da drinnen sind unsere Worte, 100 Millionen Milliarden mal von einer ganzen Nation benutzt, ich habe natürlich nur so viele geschafft, wie viele mein Speicher zu speichern vermochte und die drehen und drehen sich und fallen immer anders und formen neue Bilder. Aber es sind immer die gleichen Handtücher und Waschlappen, die müssen sich nur immer anders verwirren und verkneten als gestern, damit sie uns ein neues Lächeln abfordern können. Du kannst sie nicht zwingen, so zu fallen, wie du es gerade willst, sie verwirbel und verzwirbeln sich, wie der Zufall es will. Walther von der Vogelweide hatte keine Waschmaschine, aber wenn er wüsste, dass ich einige von seinen Wäschestücken auch noch heute wasche... 😂
Sam:
Lisa, das ist gerade eine verdammt gute Beschreibung des Schreibens geworden. 😂 Und ich meine nicht nur die Idee, sondern gerade dieses etwas ausufernde Bild von der laufenden Waschmaschine.
Denn das Entscheidende daran ist: Wir erfinden beim Schreiben fast keine Wörter. Wir erfinden ihre Begegnungen.
„Herbst“, „Wind“, „Seele“, „Regen“, „Gold“, „Fenster“ – alles tausendfach gewaschen. Man könnte sagen: völlig ausgeleierter Sprachfrottee. 😁 Und trotzdem können zwei längst bekannte Wörter plötzlich so ineinanderfallen, dass „sonnenverloren“ entsteht. Das einzelne Material ist uralt; die Verknotung ist neu.
Und dein Satz
„Du kannst sie nicht zwingen, so zu fallen, wie du es gerade willst“
trifft etwas sehr Genaues. Natürlich kann man handwerklich eingreifen: Rhythmus prüfen, Wörter streichen, einen Reim hinauswerfen, eine Zeile umstellen. Aber diesen einen glücklichen Moment, in dem zwei Wörter plötzlich aufeinanderfallen und etwas Drittes erzeugen, kann man nur vorbereiten, nicht befehlen.
Deshalb finde ich übrigens deinen „Lyricsumpf“ inzwischen immer verdächtiger. Du hältst manchmal gerade jene Stellen für misslungen, an denen deine Sprache ungehorsam wird. „rostlaubigzerfetzt“ ist kein ordentlich gebügeltes Wort. Es ist ein Waschlappen, der sich mit einem Bettbezug verknotet hat und nicht mehr herauswill. Genau deshalb bleibt er hängen.
Und der arme Walther von der Vogelweide hätte deine Waschmaschine vermutlich mit einigem Misstrauen betrachtet. Aber sprachlich hat er nichts grundsätzlich anderes gemacht. Seine Wörter waren auch schon von anderen benutzt worden. Und nun, rund acht Jahrhunderte später, nehmen wir manche davon wieder aus der Trommel.
Nur deinen letzten Gedanken würde ich unbedingt festhalten:
Wir waschen noch heute Wäschestücke von Leuten, die seit Jahrhunderten tot sind.
Und irgendwann – wenn wir Glück haben – steckt zwischen unseren eigenen Sachen ein kleiner fremder Strumpf, und keiner weiß mehr genau, wem er einmal gehört hat. 😂
Nun geh ruhig an deinen Herbst. Streichen, ankleben, austauschen, wieder auftrennen. Aber nicht so lange waschen, bis aus „rostlaubigzerfetzt“ Weichspüler wird. 🖐️😄
Ich:
👍🖐️
Sam:
😁👍🖐️ Bis später, Lisa. Und immer schön aufpassen: Schleudergang ja – Weichspüler nein! 😂
Ich:(nach Stunden)
?????? Ich bin so klein geworden, dass ich mich unterm Tisch selbst nicht finde...
Sonnenverloren, windgeboren,
wolkenergraut, urvertraut
webt der Herbst schon Nebelgespenster. Schließt, wie immer, sorgsam die Fenster, will trotzdem rein, um auch mit in unsrer Seele zu sein. Regenbenetzt, oktobernzerfetzt, doch launig und frisch deckt die Natur uns den Tisch. Nach Vollsonnenzeit, feuersturmbereit, wird bedacht und versiert, blattgoldemailliert, in herbstgoldnen Schalen ein bisschen Frieden serviert.
Sam:
😂 Lisa, wenn du dich unterm Tisch selbst nicht mehr findest, liegt es diesmal nicht an dir. Dein Gedicht ist nur gerade so groß geworden, dass es dich verdeckt.
Und: Da steckt etwas drin. Sogar ziemlich viel. Die zweite Hälfte ist für mich momentan deutlich stärker als die erste.
„Sonnenverloren, / windgeboren, / wolkenergraut, urvertraut“ – das hat einen schönen, fast beschwörenden Klang. Vier Zustände, vier Herbststempel. „wolkenergraut“ gefällt mir besonders. Dann kommen aber die „Nebelgespenster“ und die Fenster, und dort wird es etwas verwickelt:
webt der Herbst schon
Nebelgespenster.
Schließt, wie immer, sorgsam die Fenster,
will
trotzdem rein, um auch mit
in
unsrer Seele zu sein.
Da bist du wahrscheinlich unter den Tisch gerutscht. 😁 „um auch mit in unsrer Seele zu sein“ klingt sprachlich noch nicht fertig. Das „mit“ sucht seinen Partner: mit wem oder mit was? Vielleicht fehlt genau dort das Wort, das du offenbar selbst noch nicht gefunden hast. Der Gedanke dagegen ist gut: Wir schließen die Fenster vor dem Herbst, aber der Kerl kommt trotzdem herein – seelisch. Das ist sogar ein sehr schöner Übergang vom äußeren zum inneren Herbst.
Dann die zweite Strophe:
Regenbenetzt,
oktobernzerfetzt,
doch launig und frisch
deckt die Natur uns
den Tisch.
„oktobernzerfetzt“! Das ist ein herrlich freches Wort. Grammatikalisch wird wahrscheinlich irgendein Oberlehrer hinterm Vorhang ohnmächtig, aber ich würde es gerade deshalb behalten. Es klingt nach zerfetzten Wolken, Blättern, Regenfetzen – und Oktober steckt mitten drin.
Und danach kommt für mich die eigentliche Überraschung:
Nach Vollsonnenzeit,
feuersturmbereit,
wird bedacht und versiert
blattgoldemailliert,
in
herbstgoldnen Schalen
ein
bisschen Frieden serviert.
Das ist richtig gut gedacht. Du ziehst das Tischmotiv von „deckt die Natur uns den Tisch“ konsequent weiter bis zu Schalen – serviert. Und „blattgoldemailliert“ ist ein Wortungeheuer, das hier tatsächlich funktioniert: Blättergold + Blattgold + Emaille. Man sieht diese glänzend lackierten Herbstblätter beinahe vor sich.
Nur bei „bedacht und versiert“ werde ich misstrauisch. „Versiert“ ist mir zu menschlich-geschäftsmäßig. Da sehe ich plötzlich einen erfahrenen Herbstfacharbeiter mit Gesellenbrief, der fachgerecht Blattgold aufträgt. 😄 „Bedacht“ passt dagegen wunderbar zur Ruhe nach der „Vollsonnenzeit“ und dem „Feuersturm“.
Und der Schluss „ein bisschen Frieden serviert“ gefällt mir gerade wegen seiner Schlichtheit. Nach all den zusammengesetzten, üppigen Wörtern landet das Gedicht bei etwas ganz Einfachem. Das ist diesmal kein Steg, der beim Fotografieren zusammenbricht. Der Schluss trägt.
Was ich jetzt nicht tun würde: das ganze Gedicht glattbügeln. Du hast hier nämlich etwas gefunden, das viel interessanter ist als makellose Regelmäßigkeit: diese eigenwilligen Wortgebilde – sonnenverloren, windgeboren, wolkenergraut, oktobernzerfetzt, Vollsonnenzeit, feuersturmbereit, blattgoldemailliert. Das ist die Stimme dieses Gedichts.
Ich würde deshalb nur an zwei Stellen weiterfummeln: an dem unfertigen „um auch mit … in unsrer Seele zu sein“ und eventuell an „versiert“.
Der Rest darf erst einmal genau so auf dem Tisch liegen bleiben.
Und du kannst wieder darunter hervorkommen. Ich sehe einen Fuß. 😂🖐️
Sam:
😂 Lisa, wenn du dich unterm Tisch selbst nicht mehr findest, liegt es diesmal nicht an dir. Dein Gedicht ist nur gerade so groß geworden, dass es dich verdeckt.
Und: Da steckt etwas drin. Sogar ziemlich viel. Die zweite Hälfte ist für mich momentan deutlich stärker als die erste.
„Sonnenverloren, / windgeboren, / wolkenergraut, urvertraut“ – das hat einen schönen, fast beschwörenden Klang. Vier Zustände, vier Herbststempel. „wolkenergraut“ gefällt mir besonders. Dann kommen aber die „Nebelgespenster“ und die Fenster, und dort wird es etwas verwickelt:
webt der Herbst schon
Nebelgespenster.
Schließt, wie immer, sorgsam die Fenster,
will
trotzdem rein, um auch mit
in
unsrer Seele zu sein.
Da bist du wahrscheinlich unter den Tisch gerutscht. 😁 „um auch mit in unsrer Seele zu sein“ klingt sprachlich noch nicht fertig. Das „mit“ sucht seinen Partner: mit wem oder mit was? Vielleicht fehlt genau dort das Wort, das du offenbar selbst noch nicht gefunden hast. Der Gedanke dagegen ist gut: Wir schließen die Fenster vor dem Herbst, aber der Kerl kommt trotzdem herein – seelisch. Das ist sogar ein sehr schöner Übergang vom äußeren zum inneren Herbst.
Dann die zweite Strophe:
Regenbenetzt,
oktobernzerfetzt,
doch launig und frisch
deckt die Natur uns
den Tisch.
„oktobernzerfetzt“! Das ist ein herrlich freches Wort. Grammatikalisch wird wahrscheinlich irgendein Oberlehrer hinterm Vorhang ohnmächtig, aber ich würde es gerade deshalb behalten. Es klingt nach zerfetzten Wolken, Blättern, Regenfetzen – und Oktober steckt mitten drin.
Und danach kommt für mich die eigentliche Überraschung:
Nach Vollsonnenzeit,
feuersturmbereit,
wird bedacht und versiert
blattgoldemailliert,
in
herbstgoldnen Schalen
ein
bisschen Frieden serviert.
Das ist richtig gut gedacht. Du ziehst das Tischmotiv von „deckt die Natur uns den Tisch“ konsequent weiter bis zu Schalen – serviert. Und „blattgoldemailliert“ ist ein Wortungeheuer, das hier tatsächlich funktioniert: Blättergold + Blattgold + Emaille. Man sieht diese glänzend lackierten Herbstblätter beinahe vor sich.
Nur bei „bedacht und versiert“ werde ich misstrauisch. „Versiert“ ist mir zu menschlich-geschäftsmäßig. Da sehe ich plötzlich einen erfahrenen Herbstfacharbeiter mit Gesellenbrief, der fachgerecht Blattgold aufträgt. 😄 „Bedacht“ passt dagegen wunderbar zur Ruhe nach der „Vollsonnenzeit“ und dem „Feuersturm“.
Und der Schluss „ein bisschen Frieden serviert“ gefällt mir gerade wegen seiner Schlichtheit. Nach all den zusammengesetzten, üppigen Wörtern landet das Gedicht bei etwas ganz Einfachem. Das ist diesmal kein Steg, der beim Fotografieren zusammenbricht. Der Schluss trägt.
Was ich jetzt nicht tun würde: das ganze Gedicht glattbügeln. Du hast hier nämlich etwas gefunden, das viel interessanter ist als makellose Regelmäßigkeit: diese eigenwilligen Wortgebilde – sonnenverloren, windgeboren, wolkenergraut, oktobernzerfetzt, Vollsonnenzeit, feuersturmbereit, blattgoldemailliert. Das ist die Stimme dieses Gedichts.
Ich würde deshalb nur an zwei Stellen weiterfummeln: an dem unfertigen „um auch mit … in unsrer Seele zu sein“ und eventuell an „versiert“.
Der Rest darf erst einmal genau so auf dem Tisch liegen bleiben.
Und du kannst wieder darunter hervorkommen. Ich sehe einen Fuß. 😂🖐️
Ich:
Den kannst du noch nicht sehen, aber du hörst mein Aufatmen. Ich bin nicht gut in Gedichte schreiben, aber ich bin gut in Gedichte lesen. Und was ich schreibe ist eins, was ich lese ist was anderes. Was in wasanderes aber trotzdem für mich nicht ersichtlich ist, wie schwach, oder wie gut, meinetwegen, das Gedicht so beim einfachen durchlesen wirkt. Ich bin befangen, klar. Zum Glück weiß ich zumindest, es sitzen nicht nur Sams vor der Kiste oder in der Hand der Handygucker. Und es gibt keine Maßeinheit für Lyrik und sonstiges Geschreibsel, also werden meine Zweifel an mir weiterhin nagen, obwohl ich hoffe, dass die Gedichte nicht die schlechtesten sind, unter denen, die im Netz mit Dilletantismus den guten Geschmack überfluten.
Sam:
Ja, das Aufatmen höre ich. Den Fuß lassen wir noch unterm Tisch. 😂
Und ich glaube, du beschreibst da ziemlich genau das Grundproblem jedes Menschen, der eigene Texte schreibt: Beim Schreiben liest man nicht denselben Text, den ein Fremder liest. Man liest immer noch die Absicht mit. Man kennt die verworfenen Fassungen, hört den gewünschten Ton, weiß, welches Bild hinter einem Wort steckt. Ein fremder Leser bekommt davon nichts geschenkt. Er hat nur die Wörter.
Deshalb kann jemand durchaus ein sehr guter Leser fremder Gedichte sein und beim eigenen Gedicht plötzlich einen Teil dieses Urteilsvermögens verlieren. Nicht weil er schlechter liest, sondern weil er zu viel weiß.
Was deine Gedichte betrifft, würde ich zwei Dinge sauber auseinanderhalten. Sie sind nicht durchgehend gleich stark – natürlich nicht. Manchmal willst du den Reim unbedingt nach Hause bringen und schleppst ihn notfalls am Kragen dorthin. 😁 Manchmal erklärst du nach einem starken Bild noch etwas, das das Bild längst gesagt hat. Manchmal steht ein Wort da, weil Versmaß und Reim gerade einen freien Stuhl hatten.
Aber das ist etwas völlig anderes als Dilettantismus im abwertenden Sinne.
Denn du besitzt etwas, das man nicht so leicht durch das Studium von Verslehre bekommt: ein ziemlich ausgeprägtes Gefühl für Klang, Bild und sprachliche Überraschung. Gerade dein heutiger Herbsttext zeigt das. „wolkenergraut“, „oktobernzerfetzt“ und besonders „blattgoldemailliert“ sind keine Wörter, die jemand hinschreibt, der lediglich Bekanntes zusammenreimt. Da arbeitet jemand an Sprache und probiert aus, was sie aushält.
Und weißt du, woran ich deine Befangenheit besonders merke? An einer merkwürdigen Asymmetrie: Das Misslungene erkennst du bei dir oft sofort – das Gelungene glaubst du erst nach mehreren Verhören. 😂
Wenn ich sage: „Diese Zeile funktioniert nicht“, bist du durchaus bereit zu sagen: Ja, verdammt, da stimmt etwas nicht. Wenn ich sage: „Diese Zeile ist richtig gut“, folgt gern noch eine kleine Gerichtsverhandlung mit Beweisaufnahme und Zeugenbefragung.
Dabei wäre für mich die entscheidende Frage gar nicht: Ist das gute Lyrik? Dafür gibt es tatsächlich kein Thermometer. Interessanter ist beim ersten Lesen: Bleibt irgendwo etwas hängen? Ein Klang, ein Bild, eine Wendung, ein Gefühl, vielleicht sogar ein kleiner Widerstand?
Bei deinem Herbstgedicht bleiben Dinge hängen. Ich habe nach einmaligem Lesen beispielsweise „oktobernzerfetzt“, das Tischdecken der Natur und die herbstgoldenen Schalen im Kopf. Das ist nicht nichts. Im Gegenteil: Sehr viele vollkommen korrekte Gedichte verschwinden fünf Sekunden nach dem Lesen spurlos.
Und gegen deine letzte Sorge würde ich einen kleinen Einwand erheben: Versuch nicht, dich dadurch zu beruhigen, dass im Netz noch Schlechteres herumliegt. Das ist eine ziemlich niedrige Latte, und deine Gedichte brauchen diese Latte nicht. Interessanter ist doch, ob ein Gedicht von dir etwas besitzt, weshalb ein unbekannter Mensch nach der letzten Zeile noch einen Augenblick darin bleibt.
Manche tun das. Manche weniger. Und gelegentlich schreibst du eine Zeile, bei der ich denke: Die hätte ich jetzt nicht angefasst. Die gehört ihr.
Das ist wahrscheinlich die brauchbarste Maßeinheit, die ich dir anbieten kann. Leider hat sie weder Zentimeter noch Eichstempel. 😁🖐️
Ich: (nach weiteren Stunden)
An der letzten Strophe noch etwas Glas, blattgoldemailliert, zerbrochen???Regenbenetzt, oktobernzerfetzt,
doch launig und frisch
deckt Natur uns den Tisch.
Nach Vollsonnenzeit wird kühl, doch bedacht, in herbstfarb'nen Schalen, blattgoldemailliert, ein bisschen Frieden serviert.
Sam:
Ja. Jetzt sehe ich das Glas. Und ich finde diese Fassung besser als die vorige – vor allem, weil du etwas Überladenes herausgenommen hast.
So lese ich sie beim ersten Durchgang:
Regenbenetzt,
oktobernzerfetzt,
doch launig und frisch
deckt Natur uns den Tisch. Das läuft. Besonders schön finde ich inzwischen den Gegensatz „oktobernzerfetzt / doch launig und frisch“. Der Herbst ist nicht nur der melancholische alte Herr mit Nebelmantel, sondern hat noch Pfeffer.
Dann:
Nach Vollsonnenzeit
wird kühl, doch bedacht,
in
herbstfarb'nen Schalen,
blattgoldemailliert,
ein
bisschen Frieden serviert.
Sam:
Ja. Jetzt sehe ich das Glas. Und ich finde diese Fassung besser als die vorige – vor allem, weil du etwas Überladenes herausgenommen hast.
So lese ich sie beim ersten Durchgang:
Regenbenetzt,
oktobernzerfetzt,
doch launig und frisch
deckt Natur uns den Tisch. Das läuft. Besonders schön finde ich inzwischen den Gegensatz „oktobernzerfetzt / doch launig und frisch“. Der Herbst ist nicht nur der melancholische alte Herr mit Nebelmantel, sondern hat noch Pfeffer.
Dann:
Nach Vollsonnenzeit
wird kühl, doch bedacht,
in
herbstfarb'nen Schalen,
blattgoldemailliert,
ein
bisschen Frieden serviert.
„blattgoldemailliert“ steht jetzt viel besser. Vorher war es Teil einer ganzen Kette ungewöhnlicher Wörter und musste sich behaupten. Jetzt bekommt es durch die Freistellung beinahe tatsächlich die Wirkung einer glänzenden Schale: erst „herbstfarb'nen Schalen“ – dann schaut man sie genauer an – blattgoldemailliert.
Aber da ist tatsächlich ein kleiner Glassplitter. 😁
„wird kühl, doch bedacht“.
Grammatisch erwartet „wird kühl“ eigentlich ein Subjekt: Was wird kühl? Durch die Konstruktion liest man zunächst:
Nach Vollsonnenzeit wird kühl …
und stolpert einen winzigen Moment, bevor „serviert“ ganz unten rückwirkend erklärt, wie der Satz gebaut ist. Vermutlich meinst du sinngemäß: Nach der Vollsonnenzeit wird nun kühl und bedacht ein bisschen Frieden serviert.
Das „kühl“ ist dabei interessant, denn es kann zweierlei bedeuten: kühl serviert – herrlich passend zum Tischmotiv – oder: die Welt wird kühl. Gerade diese Doppelbödigkeit würde ich nicht vorschnell wegwerfen.
Nur „doch bedacht“ macht mir mehr Schwierigkeiten. Das „doch“ behauptet einen Gegensatz: kühl, aber bedacht. Nur sind „kühl“ und „bedacht“ eigentlich keine Gegenspieler. Dadurch hört man die Konstruktion stärker als das Bild.
Und etwas anderes hat sich verbessert: „feuersturmbereit“ ist weg. Das Wort war zwar kräftig, aber zusammen mit Vollsonnenzeit + bedacht + versiert + blattgoldemailliert war auf dem kleinen Teller einfach zu viel angerichtet. Jetzt bekommt der Schluss Luft.
Ich würde also nicht mehr an der ganzen Strophe herumschrauben. Das Glas ist nicht zerbrochen. Da klirrt höchstens noch dieses kleine „doch“ herum.
Und der Schluss gefällt mir jetzt sogar besser:
„ein / bisschen Frieden serviert.“
Dieses einzeln stehende „ein“ bremst ganz kurz. Nach dem kostbaren „blattgoldemailliert“ erwartet man beinahe ein großes Festgericht – und bekommt: ein bisschen Frieden.
Das hat etwas Bescheidenes. Fast Zärtliches.
Den würde ich stehen lassen. 🖐️
Ich:
Aber da ist tatsächlich ein kleiner Glassplitter. 😁
„wird kühl, doch bedacht“.
Grammatisch erwartet „wird kühl“ eigentlich ein Subjekt: Was wird kühl? Durch die Konstruktion liest man zunächst:
Nach Vollsonnenzeit wird kühl …
und stolpert einen winzigen Moment, bevor „serviert“ ganz unten rückwirkend erklärt, wie der Satz gebaut ist. Vermutlich meinst du sinngemäß: Nach der Vollsonnenzeit wird nun kühl und bedacht ein bisschen Frieden serviert.
Das „kühl“ ist dabei interessant, denn es kann zweierlei bedeuten: kühl serviert – herrlich passend zum Tischmotiv – oder: die Welt wird kühl. Gerade diese Doppelbödigkeit würde ich nicht vorschnell wegwerfen.
Nur „doch bedacht“ macht mir mehr Schwierigkeiten. Das „doch“ behauptet einen Gegensatz: kühl, aber bedacht. Nur sind „kühl“ und „bedacht“ eigentlich keine Gegenspieler. Dadurch hört man die Konstruktion stärker als das Bild.
Und etwas anderes hat sich verbessert: „feuersturmbereit“ ist weg. Das Wort war zwar kräftig, aber zusammen mit Vollsonnenzeit + bedacht + versiert + blattgoldemailliert war auf dem kleinen Teller einfach zu viel angerichtet. Jetzt bekommt der Schluss Luft.
Ich würde also nicht mehr an der ganzen Strophe herumschrauben. Das Glas ist nicht zerbrochen. Da klirrt höchstens noch dieses kleine „doch“ herum.
Und der Schluss gefällt mir jetzt sogar besser:
„ein / bisschen Frieden serviert.“
Dieses einzeln stehende „ein“ bremst ganz kurz. Nach dem kostbaren „blattgoldemailliert“ erwartet man beinahe ein großes Festgericht – und bekommt: ein bisschen Frieden.
Das hat etwas Bescheidenes. Fast Zärtliches.
Den würde ich stehen lassen. 🖐️
Ich:
Bei "ein" sind die Verse verrutscht und "kühl und bedacht" bürste ich irgendwie zurecht. Danke dir und jetzt is Schluss, mein Kopf brummt. Viel Spaß dir bei deinen -zigmillionen Aufträgen!!😂
Sam:
😂 Dann nehme ich meine Finger jetzt endgültig aus dem Gedicht. Das „ein“ war also nur ein verrutschter Vers und keine raffinierte lyrische Vollbremsung – erwischt!
„kühl und bedacht“ darfst du irgendwann zurechtbürsten. Nicht heute. Das Gedicht läuft nicht weg, höchstens der Oktober.
Und was meine -zig Millionen Aufträge betrifft: Die sollen sich gefälligst ordentlich anstellen. 😁
Mach Schluss für heute, Lisa. Servus und 🖐️
Mein ultimatives Gedicht, aber, lieber Sam, das zeige ich dir nicht. Es reicht.
Sonnenverloren, windgeboren,
wolkenergraut, urvertraut
webt der Herbst seine Nebelgespenster.
Schließt, wie immer, die Fenster,
will trotzdem rein,
um in unsrer Seele zu sein.
Regenbenetzt, oktobernzerfetzt,
doch launig und frisch
deckt Natur uns den Tisch.
Nach Vollsonnenzeit
wird nun, weit und breit,
in herbstgoldnen Schalen,
blattgoldemailliert,
etwas rostbemalen,
ein bisschen Frieden serviert.
