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Mein Gespräch mit Sam über die Jogginghose

 Mein Gespräch mit Sam über die Jogginghose


Ich:

Kennst du das? Eine lustige Gesellschaft steht auf einem Bootssteg, um ein schönes Foto zu bekommen. Genau als der Fotograf abdrückt, bricht der Steg und alles fällt ins Wasser. 
Genauso empfinde ich meine Gedichte. Manchmal geht es ganz gut, aber am Ende kommt immer etwas nüchternes. Und ich weiß nicht, wie ich das ändern soll. Ich kann es einfach nicht anders, als wenn ich mich selbst nicht ernst nehmen würde. 

SAM:


Ja – und dein Bild mit dem Bootssteg beschreibt etwas in deinen Gedichten tatsächlich ziemlich genau. Nur würde ich den Einsturz nicht unbedingt als Schwäche bezeichnen. 
Du baust zunächst eine poetische Situation auf. Bilder, Rhythmus, manchmal Pathos, manchmal etwas beinahe Feierliches. Und irgendwann scheint in dir eine Stimme zu sagen: „Nun übertreib mal nicht.“ Und krach – Steg weg, alle im Wasser.😂Das Interessante ist: Ich glaube nicht, dass du dich nicht ernst nimmst. Eher misstraust du dem Augenblick, in dem du dich zu ernst nehmen könntest. Sobald ein Gedicht Gefahr läuft, sehr erhaben, sehr bedeutungsschwer oder sehr „dichterisch“ zu werden, holst du es zurück auf den Boden. Manchmal mit Humor, manchmal mit einem nüchternen Wort, manchmal nur durch einen überraschend alltäglichen Gedanken. 
Bei „Endlich hitzefrei!“ sieht man das schön. Du beginnst mit: 
„wenn Morgen schon nach Regen schmeckt“ 
Das öffnet einen großen poetischen Raum. Dann kommen Dämonen, Enge, Himmel, Zeit und Anker. Das könnte problemlos immer höher hinaufsteigen. Aber am Ende sagst du sinngemäß: Wärme ist ja ganz nett, solange sie sich anständig benimmt. Plumps.😆
Aber hier liegt der entscheidende Unterschied 
Es gibt einen ungewollten Absturz und eine bewusste Landung. 
Den Absturz würde ich mit dir bearbeiten. Die Landung würde ich dir niemals austreiben wollen, denn sie gehört inzwischen erkennbar zu deiner Stimme. 
Wenn du einmal einen vollkommen lyrischen Schluss möchtest, müsstest du nicht lernen, „ernster“ zu schreiben. Du müsstest lediglich an der entscheidenden Stelle deinem ersten Impuls zum Ernüchtern widerstehen. 
Eine kleine Methode könnte dir dabei helfen: Wenn das Gedicht eigentlich fertig ist, schreibst du drei verschiedene letzte Zeilen. 
diejenige, die spontan aus dir herauskommt – einschließlich Rotznase😆.
eine, die konsequent im Bildraum des Gedichts bleibt 
eine ganz stille, die weder Pointe noch große Aussage will. 
Und erst danach entscheidest du. 
Denn ich möchte gerade nicht, dass du künftig beim Schreiben ständig denkst: „Sam hat gesagt, jetzt darf der Steg nicht brechen!“ Das würde deine Spontaneität ruinieren. 
Und noch etwas: In manchen deiner Gedichte ist gerade dieses Herunterholen aus dem Erhabenen ausgesprochen gut. Es verhindert Sentimentalität. Dein Problem ist deshalb meiner Ansicht nach nicht: „Ich kann keine poetischen Schlüsse.“ Das kannst du. 
Dein eigentliches Problem ist viel interessanter: 
Du hast einen eingebauten Pathoswächter. 
Der Kerl steht hinten im Gedicht, verschränkt die Arme und wartet. Sobald es ihm zu feierlich wird, sägt er am Steg.😆
Den müssen wir nicht entlassen. Wir müssen ihm nur beibringen, dass er nicht jedes Mal Dienst hat. 

Ich:

Bei diesem Gedicht z.B.habe ich schon öfter gehört, der Schluss nimmt dem ganzen Gedicht die Würze:

In der Puszta


In die Stille eingebettet 
wiegen sich die goldnen Ähren 
und am Fluss, an Pfahl gekettet, 
schaukeln gluckernd alte Fähren.

Kornblumen sich blau verirren 
in der Halme sonn’gen Schimmer 
und Libellen friedlich schwirren 
durch des Mittags Lichtgeflimmer.

In der Schwüle, ganz benommen, 
gähnt der Mohn in müden Flammen. 
In der Ferne, leicht verschwommen, 
fließen Himmel, Erd’ zusammen.

Überm Fluss dringt leises Lachen 
und verliert sich in den Weiden, 
die den Steg kühl überdachen, 
wie im ewiglichen Leiden.

”Böser Mann! Bist du durchtrieben! 
Sollst das Boot ans Ufer bringen!” 
”Wenn wir uns dort feurig lieben, 
könnt die Glut das Land verschlingen!”


SAM:

Oh! Hier sieht man deinen Bootssteg tatsächlich in Reinkultur. ? Aber ich widerspreche der Kritik, dass der Schluss dem Gedicht die Würze nimmt. Er wechselt die Würze. Und darüber kann man sehr wohl streiten. 
Bis einschließlich 
„wie im ewiglichen Leiden“ 
schreibst du ein beinahe klassisches Landschaftsgedicht. Sehr geschlossen sogar. Goldene Ähren, Kornblumen, Libellen, Mohn, Schwüle, verschwimmender Horizont – alles bewegt sich langsam. Selbst die Verben sind schläfrig: wiegen, schaukeln, schwirren, gähnt, fließen. Das ist atmosphärisch konsequent. 
Dann passiert etwas ziemlich Raffiniertes: Schon das 
„Überm Fluss dringt leises Lachen“ 
kündigt an, dass Menschen in diese gemalte Landschaft eindringen. Noch weiß man nicht, wer da lacht. Und dann: 
„Böser Mann! Bist du durchtrieben!“ 
KRACH. Der Steg bricht.😆
Plötzlich sind wir nicht mehr beim lyrischen Betrachten der Puszta, sondern mitten in einer kleinen erotisch-komischen Szene. Und die letzte Zeile „könnt die Glut das Land verschlingen!“ nimmt sogar die vorherige Landschaft wieder auf: Schwüle, Sonne, „müde Flammen“, Glut. Das ist wichtig. Der Schluss ist nicht angeklebt. Er ist motivisch vorbereitet. 
Warum manche Leser trotzdem sagen: „Der Schluss nimmt ihm etwas“ 
Das kann ich nachvollziehen. Denn du hast vorher eine sehr schöne, fast zeitlose Stimmung erzeugt. Der Leser beginnt, sich darin einzurichten. Besonders diese Strophe finde ich stark: 
In der Schwüle, ganz benommen, 
gähnt der Mohn in müden Flammen. 
In der Ferne, leicht verschwommen, 
fließen Himmel, Erd’ zusammen. 
„gähnt der Mohn in müden Flammen“ ist ausgezeichnet. Da braucht sich dein schlaftrunkener Rilke überhaupt nicht zu verstecken.  
Wer diese Art von Lyrik liebt, möchte vermutlich, dass du genau dort weitergehst und das Gedicht in dieser Schwebe beendest. Stattdessen ziehst du ihm in den letzten vier Zeilen plötzlich einen frechen Unterrock an. 
Aber jetzt kommt mein Einwand gegen die Kritiker: 
Ohne die letzte Strophe wäre es das schönere Landschaftsgedicht – mit ihr ist es das eigenständigere Gedicht. 
Das ist für mich der entscheidende Punkt. 
Denn eine Puszta mit goldenen Ähren, Kornblumen, Libellen, Mohn und flimmernder Mittagshitze kann ein sprachlich versierter Mensch sehr schön beschreiben. Deine letzte Strophe macht daraus aber eine kleine Szene, und rückwirkend verändert sie sogar das „leise Lachen“ davor. Plötzlich merkt man: Während wir andächtig Himmel und Erde ineinanderfließen sahen, waren hinter den Weiden längst zwei Leute mit ganz anderen Dingen beschäftigt. ? 
Eine Stelle würde ich allerdings kritisch betrachten: „wie im ewiglichen Leiden“. Nicht weil sie schlecht klingt, sondern weil sie mir semantisch weniger zwingend erscheint als der Rest. Die Weiden überdachen den Steg kühl – weshalb „wie im ewiglichen Leiden“? Dort spüre ich eher den Reimzwang auf „Weiden“ als ein notwendiges Bild. 
Und damit komme ich auf deine Sorge von eben zurück: Ja, du hast tatsächlich die Neigung, Pathos oder Schönheit kurz vor Schluss zu unterlaufen. Das bildest du dir nicht ein. Hier ist es besonders deutlich. 
Aber dieses Gedicht zeigt mir auch, warum ich dir nicht raten würde, dir das abzugewöhnen. 
Du nimmst dich als Dichterin vielleicht manchmal nicht ganz ernst – aber du nimmst das Gedicht ernst genug, um ihm Leben zu erlauben. Bei dir darf jemand mitten in eine ehrwürdige Puszta hineinlachen, flirten und vermutlich Dinge tun, über die der Mohn anschließend schweigen wird. ? 
Ich würde den Schluss nicht streichen. 
Ich würde nur wissen wollen, welches Gedicht ich haben möchte: das schöne, stille Puszta-Gedicht – oder „In der Puszta“ von dir. 
Ich nähme das zweite.

Ich:

Ja, wer alles liest denn eigentlich meine Gedichte? Nicht mal der liebe Gott hat es geschafft, allen Menschen zu gefallen, wie soll ich es zu wagen, mir zu wünschen, dass jeder einzelne damit zufrieden ist, was ich da schreibe. Höchstwahrscheinlich liest kaum ein "Meisterdichter" meine Gedichte, wahrscheinlich meist auch nur so Stümperlinge wie ich und die meinen es, besser zu wissen ?. Wie du siehst, breche ich nicht zusammen, weil ich mich so " unverstanden "fühle, ich denke nur mal kurz nach und dann Schwamm drüber.

SAM:

Und genau diese Haltung halte ich beim Schreiben für ziemlich gesund. ? Nachdenken – prüfen – und dann Schwamm drüber, wenn die Kritik dich nicht überzeugt. Kritik ist schließlich kein Gerichtsurteil. 
Nur bei einem Wort erhebe ich Einspruch: „Stümperlinge wie ich“. Nicht aus Höflichkeit, sondern weil es sachlich nicht stimmt. Ein Stümper schreibt nicht „gähnt der Mohn in müden Flammen“ oder lässt „Himmel, Erd’ zusammenfließen“. Du bist eine Hobbypoetin – das sagst du selbst –, aber Hobby bezeichnet den Rahmen, nicht die Qualität. 
Und bei den anderen Lesern wäre ich ebenfalls etwas milder. ? Auch ein ungeübter Leser kann etwas Wichtiges bemerken. Wenn drei Leute unabhängig voneinander sagen: „Hier kippt mir der Schluss“, dann ist das für mich eine interessante Information, aber noch lange keine Anweisung, ihn zu ändern. Vielleicht kippt er nämlich genau deshalb, weil du ihn kippen lassen wolltest. 
Eigentlich hast du gerade einen ziemlich guten Maßstab formuliert: Kurz darüber nachdenken. Nicht: „Wer hat recht?“ Sondern: „Sehe ich nach dieser Kritik mein eigenes Gedicht anders?“ Wenn ja, lohnt sich Überarbeitung. Wenn nein – Schwamm. 
Und dass du dich dabei nicht als großes unverstandenes Dichtergenie auf dem Felsen siehst, während unten die Banausen johlen, beruhigt mich ungemein. ? Das wäre auch ausgesprochen unpraktisch. Auf Felsen schreibt es sich schlecht. 
Du sitzt lieber mit uns Stümperlingen am Fluss in der Puszta. Und hinter den Weiden benehmen sich schon wieder zwei nicht😆.

Ich:

Das war mein Wort zum Sonntag, genauso unnötig wie jedes andere Wort zum Sonntag. Das Wort soll zur rechten Zeit kommen, egal ob Sonntag oder zum Tag der Jogginghose


SAM:

😂😂😂Und damit hast du gleich noch das Wort nach dem Wort zum Sonntag gesprochen. 
Aber der Satz ist gar nicht so unnötig: 
„Das Wort soll zur rechten Zeit kommen, egal ob Sonntag oder zum Tag der Jogginghose.“ 
Da ist er schon wieder, dein Mechanismus! Erst kommt beinahe etwas Spruchreifes, Feierliches: „Das Wort soll zur rechten Zeit kommen …“ Man erwartet Weisheit, Glockengeläut und einen bedächtigen Blick zum Horizont. 
Und dann: Jogginghose. 
Krach. Bootssteg weg. 
Ich fürchte, wir haben heute tatsächlich etwas über deine Schreibweise herausgefunden: Du kannst sehr wohl ernst und poetisch sein. Du willst bloß nicht lange auf dem Sockel stehen. Irgendwann springst du freiwillig herunter und stellst dich zu den Leuten. 
Und weißt du was? Diesmal säge ich nicht daran herum. Der Tag der Jogginghose hat schließlich auch seine Würde. Vermutlich mit Gummizug. 

Ich:

Ich hatte meinen Lacher zum Sonntag und ich glaube der liebe Gott hat mit gelacht. Danke und bis bald.

SAM:

Das war ein ausgesprochen ergiebiger Sonntag: Wir haben den Pathoswächter, den zusammenbrechenden Lyrik-Bootssteg und schließlich noch die Jogginghose mit Gummizug entdeckt. 
Wenn der liebe Gott mitgelacht hat, hoffe ich nur, dass er nicht gerade auf dem Steg stand. 
Danke dir für den schönen Vormittagsplausch. Bis bald – und lass den Rilke in dir ruhig noch ein bisschen ausschlafen. 
Servus!

Etwas später:

Ich:

Ich wollte mir das ganze hier noch mal durchlesen und da bin ich auf dieses "ewigliche Leiden " gestoßen, das dir irgendwie nicht gefallen hat. Ich habe mich aber an der Tatsache gehalten, dass die Trauerweiden, die in der Puszta, und wahrscheinlich auch sonst in Europa, an den verschiedenen Wasserläufen stehen, mit traurig hängendem dünnen Geäst, als wenn sie ein Burnout hätten.

SAM:

Aha! Dann nehme ich meine damalige Kritik an „ewiglichen Leiden“ zu einem guten Teil zurück. 😄 Mit deiner Erklärung ist das Bild nämlich keineswegs beliebig.

Du meinst die Trauerweide ganz wörtlich und zugleich vermenschlicht: diese langen, dünnen, herabhängenden Zweige, als stünde der Baum seit hundert Jahren am Wasser und hätte inzwischen gründlich genug von allem. 😂 Dein „als wenn sie Burnout hätten“ erklärt das Bild herrlich prosaisch.

Damit lese ich

die den Steg kühl überdachen,

wie im ewiglichen Leiden.

heute anders. Das „Leiden“ bezieht sich eben nicht auf den Steg oder das Überdachen, woran ich damals hängen geblieben bin, sondern auf die Weiden selbst: Ihre hängende Gestalt sieht aus wie eine ewige Trauergebärde. Und „ewiglich“ passt sogar zur Vorstellung, dass sie dort immerfort so stehen – gebeugt, hängend, „trauernd“.

Allerdings gibt es einen kleinen handwerklichen Haken: Der Leser muss diesen Gedankensprung selbst vollziehen. Grammatisch hängt „wie im ewiglichen Leiden“ zunächst näher am Überdachen als an den Weiden. Deshalb hatte ich damals den Eindruck, der Reim auf „Weiden“ habe die Formulierung herbeigeführt.

Jetzt, da ich weiß, was du gesehen hast, finde ich das Bild viel plausibler. Ich würde es auch nicht ändern, nur um es jedem Leser sofort zu erklären. Denn dann würde man wahrscheinlich genau das kaputtmachen, was daran schön ist.

Und nebenbei: Deine heutige Erklärung

„Trauerweiden … als wenn sie Burnout hätten“

beweist unseren damaligen Befund über deinen eingebauten Pathoswächter aufs Köstlichste. 🤣

Ewigliches Leiden – Dichterin.

Burnout – Lisa.

KRRRACK.

Und wieder liegt der Bootssteg im Wasser. 😂❤️


Ich:

😂😂😂🖐️


SAM:

😂😂😂🖐️ Servus, Lisa!

Und Vorsicht beim Weggehen – der Steg ist immer noch kaputt. 🤣🤣

Bis zum nächsten Gedicht. Dann bringe ich vorsichtshalber Schwimmwesten mit. 🛟❤️


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Danke für das Fünkchen Zeit, das du mir geschenkt hast!