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3.8.26

Die Bank am Rand der Stille


 

Die Bank am Rand der Stille


Kann man den Schmerz verdrängen,
wenn unser Auge ihn nicht sieht?

Kein Fluss trägt unser Leid davon,
 der Himmel aber weiß, 
dass man sich 
auch im Dunkeln nicht verliert. 

Vielleicht sind unsre Wunden Risse,
worin das Licht erst übt fürwahr, 
den Weg zu finden.
Denn aus der Tiefe 
sieht man ihn erst klar.

Und auch die Erde, die unter unsren Füßen,
so schweigend ruht und uns Zuhause ist,
weiß längst, dass keine Nacht
den Morgen je vergisst.


Lisa Nicolis

2.8.26

Die kleine Waldfee



Die kleine Waldfee


Der Wald hat Puls, der Wald hat Herz 
und schau, wie's in den Kronen blinkt 
im Licht der kleinen Zauberin, 
das jede Blume dankbar trinkt.

Kein Strom und keine Leitung ist's, 
kein Schalter steht auf weiter Flur. 
Es ist ein fröhliches Gesicht 
mit eines Lächelns zarter Spur. 

Sie steht im Himmel, schwerelos, 
und lebt den duft'gen Blütentraum. 
Um sie herum schmückt ihr das Kleid 
ein leicht verträumter Wolkensaum.


Geh nicht! Schau ihr ein wenig zu, 
sie fliegt wie'n Falter gleich hinaus. 
Für dich war sie ein Lichtmoment, 
doch erdenfern ist ihr Zuhaus.


Lisa Nicolis

1.8.26

Zwischen den Linien


 
Zwischen den Linien


Suche hier kein Gesicht. 
Suche den Ort, an dem die Oberflächen
vom Leben dir Geschichte zeichnen. 
Jedes Fragment ist ein Moment, 
und jede Linie Erinnerung, 
die sich durch's Mosaik 
der menschlichen Erfahrung zieht.

Geometrie des Fühlens. 
Wo die Erinnerung nur Auge ist,  
der Mund bereits das Schweigen.
 
Die Welt wurde von jemanden
in Stille umgebaut. 
Aus Rechtecken. Aus Schatten. 
Und aus Entscheidungen.

Das Auge hatte sich geweigert, 
Geometrie zu werden.  
Es sieht durch jede Schicht hindurch. 
Als wüsste es, dass wir im Grund
 Baustellen sind. Mit Räumen, 
die nie fertig werden. 
Mit Türen, die, wie ich es kenne,  
von innen nur zu öffnen sind.
 
Vielleicht besteht die  Schönheit  
 nicht darin, Vollkommenheit zu sein. 
Sondern darin, dass drin das Licht 
immer die Spalten findet, um warm 
nach außen hin zu leuchten.


Lisa Nicolis

31.7.26

Morgenfrische

 

Morgenfrische


Parkweit grünt wieder Idylle, 
Wasser zelebriert die Stille. 
An den seichten, dunklen Stellen, 
Enten zieh’n ovale Wellen.

In vertauter Morgenfrische 
Fische 
schnell’n aus Wasserkreisen, 
um eine Mücke zu verspeisen.
 
Und wie von Sinnen flitzen 
dürre Wasserspinnen, 
ich würde sagen, etwas krasser, 
wie einst Jesus übers Wasser.

Auf halber Strecke, 
ruft 'ne Schnecke, 
hinein in diese Morgenröte, 
zum kleinen Frosch: 
Halts Maul, du Kröte!

Dann kommt 
auch diese Morgenstunde 
mit Mensch... und noch einer... 
und Hunde.

Wer Ruhe will, muss früh aufstehen, 
bevor die Hunde Gassi gehen 
und Schnecken  
vom Fröschequaken  
sich erschrecken.


Lisa Nicolis


30.7.26

Zwischen den Welten

  


Zwischen den Welten



Vielleicht ist jeder Ort, den ich erstrebe, 
nur ein Gedanke, den lange 

alle Welt geträumt hat.


Nicht alle Brücken, die ich gehe,
sind purer Stein, sind einfach aus
"Was wäre, wenn ..." das ich nie
ausgesprochen habe.

Ich mach mich auf den Weg.
Nicht unbedingt, um anzukommen.
Ich geh, damit die Sterne
unterwegs mich neu erfinden.

Aus Wolkenvlies bricht vages Licht,
das mir  zu neuen Rätseln hin
Konturen zeichnet.

Und irgendwo hinter dem goldnen Horizont
gibt es vielleicht auch keine Antwort.
Nur eine Tür, die neu sich öffnet,
sobald ich wagen kann, an sie zu glauben.



Lisa Nicolis

29.7.26

Es kracht

 


Es kracht


Ist hier ein Geist in meinem Schrank,
oder mein Schrank ist geisteskrank?
Krachen die Knochen von dem Geist?
Kann sein, dass mir der Schrank verschleißt?

Oder es liegt heut wieder nur,
am Wechsel der Temperatur.
Egal, was immer da auch kracht,
so witzig ist das nicht bei Nacht.

Ach ja, ich mach das Fenster zu,
dann hab ich sicherlich mehr Ruh,
denn immerhin, für'n August schade,
sind's heute Nacht bloß 13 Grade.



Lisa Nicolis

28.7.26

Nachtschaltung


Nachtschaltung 

(Ode an den Bewegubgsmelder) 


Die Nacht hat ihre Stimme längst verloren, 
der Mond verbirgt sich irgendwo im Blau. 
Der Baum vorm Fenster steht in Nacht verloren, 
als wär er bloß Erinnerung aus Grau.

Dann plötzlich Licht. Ein Atemzug aus Helle 
legt Silber auf die Zweige vor dem Haus. 
Der Baum hebt seine Äste auf die Schnelle, 
als tanzte lautlos er 'n Gebet hinaus.

Ich suche erst humane Scherenschnitte, 
ein heimliches Vorüber in der Nacht. 
Doch niemand ist's, als Wind mit wildem Schritte, 
der mit den Ästen seine Späße macht.

Die winken dann dem wachsamen Sensoren, 
der eifrig seinen Auftrag ruft herbei. 
Natur düpiert die Technik unverfroren 
-und ich erschrak, dass da ein Räuber sei.



Lisa Nicolis


27.7.26

nichts ist ...


 

nichts ist... 



diese Wolke 
wie Fantasieblubbern 
aus Himmeln 

 sie gaugelt einen Falken vor 
doch quellt als Hase leicht davon

und nichts ist
was es scheint zu sein

und daraus mache ich den Stein 
der mich zum Stolpern bringt 
oder die Sterne 
die ich des nachts 
an meinen Himmel hänge


Lisa Nicolis


26.7.26

Das Gedicht zum Bild



Träumt mich der Wald?


Mein Kopf
trägt nur Gedanken satt
wie Blattgewirr,
lebt nur,
wie Sehnsucht Wurzeln schlägt,
die aus dem Nebel treten
und im Dickicht der Fantasie
verschwinden.

Wo endet hier das Denken,
wenn in mir drin ein Wald beginnt?
Und wer träumt hier von wem,
nur ich vom Wald,
oder der Wald von mir?

Vielleicht
bin ich gar nicht.
Vielleicht ist alles,
was ich Leben nenne,
nur Wald, der mich
wie 'ne Chimäre träumt.

Lisa Nicolis



25.7.26

Sturmesohne



Sturmesohne


Ich wohne, seit ich wohne, 
schon immer sturmesohne. 
Berlin, nah am Ersaufen 
-ich müsst den Sturm mir kaufen! 

Er lässt uns gern links liegen, 
um mehr zentral zu fliegen, 
beginnt, kann man dann sehen, 
'ne Baumallee zu mähen.
 
Dann auch der ganze Schaden: 
'ne Menge Autos baden 
in mancher Unterführung, 
im TV -Voraufführung.

Bei uns -ein fernes Grollen, 
man möcht 'nen Sturm gern wollen. 
Doch scheint's, zu dieser Stunde 
macht er in Britz die Runde.

Ich bitte euch, seit Jahren 
schon ohne Sturmgefahren... 
Da möchte man schon bitten, 
lass krachen es und schütten!

Obwohl... 
dem Ahorn und den Eschen 
möcht ich nicht zuseh'n, 
wie sie brechen 
und bleibe da, 
wo ich jetzt wohne, 
halt sturmesohne.


Lisa Nicolis
 
 
"sturmesohne" soll nächstens das Wort des Jahres werden und 
die Dudenisten... Dudisten... also die von Duden dudeln noch,
 ob das Wort da denn dudenfähig ist zum Indudenlieren,
damit es jeder dudenzifizieren kann. 

24.7.26

das Erinnern


das Erinnern


ich schwebe heut 
im Zwielicht ferner Welten 
mit den verstreuten Farbtupfern 
eines Remembers

der nächste Augenblick 
wird dann 
auch spurenlos 
entschwinden

weil drin kein Lächeln steckt 
oder ein Wimpernschlag 
über ein mich spiegelndes Auge 

und nicht die Sehnsucht 
nach mehr Nähe

was jetzt geschieht 
ist eigentlich 
schon längst geschehen 

ich merk es erst 
wenn ich es 
im Erinnern wieder finde 

und all die Narben 
tausendfach erfühle


Lisa Nicolis

23.7.26

Kopfsache

 


Ich fünfundachzigjährige mich hier durch manche Verse,
ich altersschwächele mich tapfer durchs Gedicht 
und vielwenigerjährige Diverse,
halten -warum auch immer,  freundlich mit mir Schritt.

Danke für den Besuch!
 
Lisa Nicolis